Falsche Versprechen für die Gesundheit
Influencer geben auf Social Media häufig Gesundheitstipps, die mit Vorsicht zu genießen sind. Eine aktuelle AOK-Studie belegt, dass die Mehrheit der Tiktok- und Instagram-Beiträge zu Ernährung und Bewegung Fehlinformationen enthalten.
Wer auf Raps- oder Sonnenblumenöl verzichtet, kann 670 Krankheiten komplett vermeiden. Oder: Wer diese Kniebeugen-Routine ignoriert, verkürzt sein Leben um zehn Jahre. Solche Fehlinformationen verbreiten Influencer auf Social-Media-Kanälen wie Tiktok und Instagram. Viele junge Menschen nutzen die Plattformen als primäre Informationsquellen für Gesundheitsthemen. Das birgt die Gefahr, dass die Nutzerinnen und Nutzer wissenschaftlich unhaltbare oder potenziell schädliche Empfehlungen schnell und unkritisch annehmen. Der AOK-Bundesverband hat das Ausmaß des Problems in der Studie „Fehlinformationen im Bereich Bewegung und Ernährung auf Social Media“ erfasst. Die gewonnenen Daten werden derzeit wissenschaftlich ausgewertet, um mit ihrer Veröffentlichung eine belastbare Grundlage für gezielte Aufklärung zu bieten.
Experten analysieren 200 Videos
Für die Studie bewerteten drei Sport- sowie drei Ernährungsexpertinnen und -experten aus Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen je 100 Influencer-Videos aus den Bereichen Ernährung und Bewegung. Sie analysierten die Inhalte im Hinblick auf den wissenschaftlichen Konsens, potenzielle Gesundheitsrisiken, die Vollständigkeit der Informationen, reißerische Darstellung und die Nutzung von Werbeinhalten. Als Grundlage der Bewertung dienten evidenzbasierte Leitlinien, wie die WHO-Empfehlungen, die Nationalen Empfehlungen für Bewegung und die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Diese Leitfäden sorgen für eine transparente, nachvollziehbare und wissenschaftlich fundierte Einordnung der Inhalte.
Die Fachleute fanden bei ihrer Analyse der Tiktok- und Instagram-Beiträge deutliche Qualitätsmängel. Insgesamt enthält die Mehrheit aller analysierten Videos gesundheitliche Fehlinformationen. Bei den Inhalten zum Thema Ernährung sind entsprechende Merkmale häufiger aufgetreten als bei den Beiträgen zum Thema Bewegung. Ein Großteil aller Beiträge nutzt reißerische Darstellungen. Dieser Trend zeigt sich besonders bei den Bewegungsvideos. Bei der überwiegenden Mehrheit der ernährungsbezogenen Videos sind die bereitgestellten Informationen unvollständig. Zudem enthält ein beachtlicher Anteil dieser Beiträge Inhalte, die für die Gesundheit potenziell schädlich sind.
Kritisch ist auch die mangelnde Transparenz von Werbeinhalten. Fast die Hälfte aller untersuchten Videos bindet Markenprodukte ohne Kennzeichnung von Werbung ein. Da ohne Vertragseinsicht nicht zweifelsfrei zwischen Eigenkauf und bezahlter Kooperation unterschieden werden kann, handelt es sich hierbei um potenziell nicht gekennzeichnete Werbung. Dieses Versäumnis fällt insbesondere bei den Videos aus dem Bereich Bewegung ins Gewicht, wo eine Mehrheit Produktabbildungen mit potenziell fehlender Kennzeichnung enthält.
Fake News verbreiten sich schnell
Ergebnisse der JIM-Studie 2025 zeigen, dass mehr als 80 Prozent der Jugendlichen regelmäßig Videos im Internet schauen. 63 Prozent von ihnen waren mehrmals täglich oder mehrmals pro Woche auf Instagram unterwegs, 53 Prozent auf Tiktok. Dabei spielen Influencer eine entscheidende Rolle. Laut einer Studie von Elena Engel, Sascha Gell, Kathrin Karsay, Raffael Heiss von der Universität Wien folgten bereits im Jahr 2024 37 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen Gesundheitsinfluencern. 83 Prozent sahen zumindest gelegentlich gesundheitsbezogene Beiträge von Influencern. Dass diese Inhalte eine enorme Wirkung entfalten, zeigen zwei weitere Befunde der Untersuchung: 78 Prozent der Befragten vertrauen den von ihnen abonnierten Influencern in Bezug auf gesundheitliche Informationen. Folgerichtig hatten bereits 53 Prozent der Jugendlichen aufgrund solcher Empfehlungen Produkte erworben.
Der starke Einfluss dieser Profile lässt sich psychologisch erklären, so Jaroslava Kaňková und Jörg Matthes von der Universität Wien in einer aktuellen Studie. Durch die scheinbare Nahbarkeit und Authentizität von Influencern entsteht eine einseitige Bindung. Die gefühlte persönliche Nähe führt dazu, dass die Follower Ratschläge, Einstellungen und Verhaltensweisen oft unkritisch übernehmen. Aus dieser Haltung und der großen Reichweite der Inhalte sowie den Mechanismen der Social-Media-Algorithmen, die emotionale und reißerische Videos mit vielen Interaktionen zusätzlich bevorzugt ausspielen, entsteht die Gefahr, dass sich medizinische oder gesundheitliche Fehlinformationen sehr schnell verbreiten.
Schutz in der digitalen Welt
Vor dem Hintergrund des hohen Anteils falscher Gesundheitsinformationen auf Social Media wächst die Bedeutung digitaler Medien- und Gesundheitskompetenz. Diese Dringlichkeit wird durch die Ergebnisse der PISA-Studie 2025 unterstrichen. Sie zeigen Defizite bei den grundlegenden Fähigkeiten auf, die für das selbstständige Einordnen digitaler Informationen im Schulalter nötig sind.
Die Erkenntnisse der AOK-Studie verdeutlichen die Notwendigkeit, Jugendliche im digitalen Raum intensiver zu unterstützen. Im Fokus steht hierbei die Befähigung junger Menschen, gesundheitsrelevante Informationen aus digitalen Quellen selbstständig zu suchen, zu verstehen, kritisch zu hinterfragen und für die eigene Gesundheit anzuwenden.
Aus gesundheitspolitischer Sicht untermauern diese Befunde die Notwendigkeit gesetzlicher Regelungen, wie sie im GKV-Positionspapier „Gesundheitsförderung und Prävention gesamtgesellschaftlich stärken“ (2026) verankert sind. Hierbei geht es um die Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen, die Kinder und Jugendliche vor den Risiken algorithmisch gesteuerter Social-Media-Plattformen, Apps und digitaler Spiele schützen.
Plattformanbieter in die Verantwortung nehmen
Diese Zielsetzung deckt sich präzise mit den Handlungsempfehlungen der Unabhängigen Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ (2026) des Bundesbildungsministeriums.
Deren ganzheitlicher Ansatz verknüpft Schutz, Befähigung und Teilhabe, um insbesondere die Plattformanbieter strukturell in die Verantwortung zu nehmen und digitale Angebote von Anfang an sicherer und kindgerechter zu gestalten.
AOK-Studie: beteiligte Expertinnen und Experten
Ernährung
Dr. med. Stefan Kabisch, Studienarzt an der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin
Prof. Dr. rer. nat. Stefan Lorkowski, Professor für Biochemie und Physiologie der Ernährung am Institut für Ernährungswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich, Professor am Institut für Ernährungsmedizin, Leiter AG Pharmakonutrition, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Bewegung
PD Dr. Bettina Barisch-Fritz, Senior Research Associate am Institut für Sport und Sportwissenschaft, Karlsruher Institut für Technologie
Prof. Dr. med. Dr. Sportwiss. Christine Joisten, Abteilungsleiterin für Bewegungs- und Gesundheitsförderung, Deutsche Sporthochschule Köln
Dr. phil. Stefan Peters, Senior Research Associate am Institut für Sportwissenschaft, Universität der Bundeswehr München
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