Kommentar: Appelle und Ratlosigkeit
Fehlende Prävention kommt uns teuer zu stehen. Das zeigt die hohe Zahl chronischer Leiden. Ein Kommentar von Rainer Woratschka, Redakteur für Gesundheitspolitik beim Tagesspiegel.
Die gesetzlichen Kassen erfüllen den vorgeschriebenen Richtwert von inzwischen rund 8,50 Euro pro Versicherten für Vorsorgeleistungen mit vielen, auf Freiwilligkeit fußenden Offerten. Doch Yoga-Kurse, Rückenschulen oder Ernährungsberatung für meist ohnehin schon Gesundheitsbewusste reichen nicht, um hier wirklich voranzukommen. Und weitergehende Pläne, etwa systematische Früherkennung und Behandlung von Cholesterin-Risiken, haben das Ende der Ampel nicht überlebt.
Zurück bleiben Appelle und Ratlosigkeit. Denn die anvisierten Maßnahmen zur Beitragsstabilisierung sind, wie der Ärztepräsident richtig angemerkt hat, keine mutige Strukturreform, sondern eine „Vollbremsung“ aus der Not heraus. Immerhin: Die Regierenden wagen sich endlich daran, den Konsum gesundheitsschädlicher Produkte zu verteuern. Die Pläne für höhere Steuern auf Tabak und Alkohol plus Zuckerabgabe auf Softdrinks sind wegweisend. Sie lenken das Verbraucherverhalten und zwingen die Industrie zu gesünderen Rezepturen.
„Die Erhöhung der Sündensteuern ändert allein noch keinen Lebensstil.“
Redakteur für Gesundheitspolitik beim Tagesspiegel
Leider spielt der Finanzminister, der bereits die Entlastung der Kassen bei versicherungsfremden Leistungen blockiert, nicht wirklich mit. Eine Zweckbindung zur Verwendung der Zusatzeinnahmen soll es nicht geben. Wenn das neue Geld jedoch im allgemeinen Bundeshaushalt versickert und dort nur als Stopfmasse dient, wird das Vorhaben zur Mogelpackung.
Ärzte und Kassen fordern zu Recht: Die Milliarden müssen direkt ins Gesundheitssystem fließen. Nur so lässt sich der Spardruck abfedern, der den Versicherern die Luft für mehr Alltagsprävention nimmt. Höhere „Sündensteuern“ allein ändern keinen Lebensstil. Und die Reparaturkosten für selbst verursachte Gesundheitsschäden bleiben bei den Kassen, auch wenn Dickmacher und Alltagsdrogen aufgrund höherer Abgaben etwas weniger konsumiert werden.
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