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Der Sozialstaat braucht Nachwuchs

17.09.2026 Stefanie Roloff 6 Min. Lesedauer

Die sinkende Geburtenrate verschärft den demografischen Druck auf die sozialen Sicherungssysteme. Umso wichtiger ist Experten zufolge eine Politik, die Familiengründung und Zuwanderung erleichtert.

Auf einem Spielplatz mit Sandkiste und Rutsche stehen viele Spielsachen für Kinder, Sandbaufiguren und Roller oder Sitzfahrräder. Doch es spielen keine Kinder auf dem Spielplatz.
Ob aus Kinderwünschen tatsächlich Familien werden, hängt auch von den Lebensbedingungen ab.

Die Geburtenrate befindet sich in Deutschland und Europa auf einem historischen Tiefstand. Das zeigen aktuelle Auswertungen von „FReDA – Das familiendemografische Panel“ des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB). Für FReDA werden zweimal jährlich rund 30.000 Menschen zwischen 18 und 55 Jahren befragt. In der EU sank die Geburtenrate von 1,53 Kindern je Frau 2021 auf 1,34 im Jahr 2024, in Deutschland von 1,58 auf 1,36. Damit rücken zunehmend kleinere Jahrgänge ins Erwerbsleben nach, während die geburtenstarken Generationen in den Ruhestand gehen – mit erheblichen Folgen für die Sozialversicherungen.

Kinderwunsch weiterhin hoch

Hoffnung macht Politik und Wissenschaft, dass der Wunsch nach Kindern weiterhin deutlich ausgeprägt ist. Zwar ist er laut FReDA 2024/25 erstmals seit vielen Jahren gesunken, doch er liegt weiterhin über der tatsächlichen Geburtenrate. Frauen zwischen 18 und 39 Jahren wünschen sich im Durchschnitt 1,69 Kinder, Männer 1,64. In den Jahren 2021/22 waren es noch 1,85 beziehungsweise 1,78. Die ideale Familiengröße liegt nach Ansicht der Befragten weiterhin bei rund 2,2 Kindern. Allerdings klafft damit eine deutliche Lücke zwischen idealer und tatsächlich realisierter Kinderzahl: der sogenannte Fertility Gap ist laut FReDA auf rund 0,9 Kinder angewachsen. „Es ist nicht der fehlende Wunsch nach Kindern, der den Geburtenrückgang prägt. Vielmehr führt der Aufschub der Familienplanung häufig zu unerfüllten Kinderwünschen“, erläutert Professor Martin Bujard, Forschungsdirektor am BiB und Mitautor der Untersuchung.

Zukunftssorgen und Lebensbedingungen

Eine mögliche Erklärung liefern die Krisenerfahrungen der vergangenen Jahre. Mehr als vier von zehn Befragten sind laut der Erhebung sehr besorgt wegen Kriegen. Auch Ängste vor einer Schwächung der Demokratie, dem Klimawandel und wirtschaftlichen Krisen sind verbreitet. „Wenn junge Menschen Zukunftssorgen haben, können Familiengründungen aufgeschoben oder Kinderwünsche nach unten korrigiert werden“, sagt Mitautorin Dr. Miriam Trübner.

Daneben spielen konkrete Bedingungen vor Ort eine Rolle. Besonders kritisch wird das Wohnungsangebot bewertet: Nur etwa jede vierte befragte Person ist damit zufrieden. Kinderlose, die Wohnungsangebot sowie Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten positiv beurteilen, geben wiederum häufiger an, innerhalb der nächsten drei Jahre ein Kind bekommen zu wollen. Doch gerade solche verlässlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, wird schwieriger, da zugleich der Finanzierungsdruck auf den Sozialstaat wächst.

„Entscheidend ist auch, ob junge Menschen mit Zuversicht auf ihre persönliche und gesellschaftliche Zukunft blicken.“

Prof. Martin Bujard

Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB)

Sozialstaat unter Druck

Der demografische Wandel trifft die sozialen Sicherungssysteme bereits heute. Laut ifo Institut entfallen mittlerweile rund 70 Prozent der gesamten Sozialausgaben auf Alter und Krankheit. Besonders deutlich zeigt sich der Druck in der gesetzlichen Krankenversicherung. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Beitragseinnahmen im Vergleich zum Vorjahr um 4,1 Prozent, die Ausgaben dagegen um 7,1 Prozent. Die Finanzkommission Gesundheit errechnete ohne weitere Gegenmaßnahmen eine Finanzierungslücke von rund 15,3 Milliarden Euro für 2027, die bis 2030 auf 40,4 Milliarden Euro anwachsen könnte. Für die Pflegeversicherung erwartet der GKV-Spitzenverband 2026 ein Defizit von rund 4,4 Milliarden Euro. Wie stark die Belastung der Sozialversicherungen insgesamt steigen könnte, zeigt das Frühjahrsgutachten 2026 des Sachverständigenrates. Im Basisszenario steigt der Gesamtsozialversicherungsbeitragssatz von 42,3 Prozent 2026 auf 49,7 Prozent 2040.

Auswirkung auf Familien

Der Konsolidierungsdruck zeigt sich nicht zuletzt im Familienetat. Im Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt 2027 sinken die Ansätze für gesetzliche Familienleistungen von 13,01 auf 11,96 Milliarden Euro. Für das Elterngeld sind 7,07 statt 7,51 Milliarden Euro vorgesehen, für den Kinderzuschlag 3,12 statt 3,38 Milliarden Euro. Besonders deutlich fällt der Rückgang beim Unterhaltsvorschuss aus: Hier sinkt der Ansatz von 1,31 Milliarden auf 914 Millionen Euro. Auch beim Wohngeld sind Einschnitte geplant, etwa bei der Anspruchsberechtigung. Unter anderem fallen künftig Kleinstansprüche von weniger als 15 Euro komplett weg. „Gerade Familien mit niedrigen Erwerbseinkommen drohen dadurch erhebliche Einkommensverluste und das Armutsrisiko steigt erheblich“, so die Kritik des Sozialverbands Deutschland (SoVD) an der neuen Berechnung.

Gleichzeitig treffen die engeren finanziellen Spielräume auf strukturelle Probleme, die laut FReDA für die Familienplanung eine Rolle spielen. Dazu gehört vor allem der angespannte Wohnungsmarkt. 2025 wurden bundesweit rund 206.600 Wohnungen fertiggestellt – 18 Prozent weniger als im Vorjahr und so wenige wie seit 2012 nicht mehr. Zudem lag 2025 die U3-Betreuungsquote bei 37,8 Prozent, während 49,3 Prozent der Eltern einen Bedarf anmeldeten.

Familienverbände warnen davor, die einzelnen Veränderungen isoliert zu betrachten. Die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Familienorganisationen fasst es so zusammen: „Was in einzelnen Ministerien als begrenzte Veränderung erscheinen mag, summiert sich im Familienalltag zu einer erheblichen Gesamtbelastung.“

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Entlastung zählt

Auf der anderen Seite investiert die Politik in Strukturen, die Familien entlasten sollen. Seit August 2026 haben zunächst Erstklässler einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Das geplante Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz (SCQEG) wiederum soll Kitas in schwierigen sozialen Lagen zusätzlich unterstützen. Vorgesehen sind darin auch verbindliche Entwicklungs- und Sprachstandserhebungen bei Vierjährigen mit anschließender Förderung, wenn nötig. Von 2027 bis 2034 will der Bund die Länder dafür mit insgesamt rund 9,25 Milliarden Euro unterstützen.

Auch finanziell sind Entlastungen geplant. Das Kindergeld beträgt seit Anfang 2026 monatlich 259 Euro je Kind. Nach dem vom Kabinett beschlossenen Entwurf zur Einkommensteuerreform soll es 2027 auf 267 Euro und 2028 auf 272 Euro steigen. Zugleich sollen Grund- und Kinderfreibeträge erhöht werden. Mit der Frühstartrente plant die Bundesregierung einen längerfristigen Baustein: Kinder zwischen sechs und 18 Jahren sollen monatlich zehn Euro staatlich finanziert in ein Altersvorsorgedepot erhalten.

Migration als Stabilisierungsfaktor

Mehr Geburten können den Druck auf die Sozialsysteme erst langfristig lindern. Daher setzen Politik und Wirtschaft auf Zuwanderung. Diese hilft kurzfristig, den Rückgang der Erwerbsbevölkerung abzufedern. Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind im Durchschnitt auch deutlich jünger als die Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte: 2025 lag ihr Durchschnittsalter bei 38,2 Jahren gegenüber 47,6 Jahren. 

Wie groß die Bedeutung von Migration für das Erwerbspersonenpotenzial ist, zeigen Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes. Ohne Nettozuwanderung würde die Zahl der 20- bis 66-Jährigen bis 2035 um rund 6,2 Millionen sinken. Schon heute ist die Bedeutung auf dem Arbeitsmarkt sichtbar. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) wird das Beschäftigungswachstum in Deutschland seit 2024 ausschließlich von ausländischen Beschäftigten getragen. Besonders deutlich ist ihre Bedeutung in der Pflege: Rund 353.000 Beschäftigte in Pflegeberufen haben eine ausländische Staatsangehörigkeit, ihr Anteil liegt bei etwa 20 Prozent. Bundeskanzler Friedrich Merz verwies im Rahmen der Haushaltsdebatte unlängst auf diese Abhängigkeit. Ohne Menschen mit ausländischem Pass, sagte er zugespitzt, arbeite „kein einziges Pflegeheim“ und „kein einziges Krankenhaus in Deutschland mehr“.

Familienplanung braucht Verlässlichkeit

Der demografische Wandel lässt sich also nicht mit einer einzelnen Maßnahme bewältigen. Deutschland braucht bessere Bedingungen dafür, dass vorhandene Kinderwünsche verwirklicht werden können, und zugleich erfolgreiche Zuwanderung in den Arbeitsmarkt. „Entscheidend ist auch, ob junge Menschen mit Zuversicht auf ihre persönliche und gesellschaftliche Zukunft blicken“, sagt BiB-Forscher Bujard angesichts der Ergebnisse von FReDA. Die Wissenschaftler plädieren deshalb dafür, neben Krisen auch die Stabilität und Leistungsfähigkeit von Wohlstand, Sozialstaat, Gesundheitsversorgung und öffentlicher Sicherheit sichtbar zu machen.

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