Telemedizin bringt ärztliche Versorgung ins Pflegeheim

Die AOK Rheinland/Hamburg möchte mit dem Projekt „VisitON“ die medizinische Versorgung von Pflegebedürftigen verbessern und vermeidbare Krankenhauseinweisungen reduzieren. Dafür vernetzt sie stationäre Pflegeeinrichtungen mit Arztpraxen – per Video und modernster Medizintechnik.

Auf einer Terasse sitzen zwei Personen: Ein älterer Herr im Rollstuhl und einer ockerfarbenen Wolldecke auf dem Schoß. Rechts daneben sitzt eine junge Frau im Pflegekittel und hält ein Tablet in der Hand. Beide schauen drauf und lächeln.

Der Bedarf ist groß: Immer mehr Menschen leben in stationären Pflegeeinrichtungen, während ärztliche Ressourcen knapper werden. In Deutschland wurden Ende 2023 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 800.000 Pflegebedürftige vollstationär in Pflegeheimen betreut. Insgesamt waren 78 Prozent der Pflegebedürftigen 65 Jahre und älter, rund 34 Prozent 85 Jahre und älter. Etwa 5,7 Millionen Pflegebedürftige gibt es aktuell insgesamt.

Gerade bei akuten Zustandsveränderungen ist eine schnelle ärztliche Einschätzung entscheidend. Hier setzt „VisitON“ der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Rheinland/Hamburg an: Über gerätegestützte Televisiten können Pflegeeinrichtungen unkompliziert Kontakt zu Ärztinnen und Ärzten aufnehmen – auch zeitversetzt. So lassen sich Veränderungen frühzeitig einordnen, Behandlungen schneller abstimmen und unnötige Fahrwege vermeiden. 

Dem Projekt ging eine zweijährige Erprobungsphase voraus. Im Rahmen der „Arbeitsentwicklung in der Altenpflege“ (AIDA) wurde die Televisite in Pflegeheimen im Kreis Euskirchen zunächst praktisch getestet. Auf diesen Erfahrungen baut „VisitON“ auf. Seit dem 1. Juni 2023 läuft der Selektivvertrag Im Gegensatz zum Kollektivvertrag handelt es sich bei einem Selektivvertrag um Versorgungsverträge,… nach Paragraf 140a SGB V zur besonderen Versorgung durch Televisiten mit ärztlicher Delegationsleistung in stationären Pflegeeinrichtungen.

Ziel:
Vermeidbare Krankenhauseinweisungen reduzieren, präventive Versorgungsqualität verbessern und eine engmaschige, zeitnahe ärztliche Betreuung in stationären Pflegeeinrichtungen ermöglichen. Hybride Versorgung soll dort gestärkt werden, wo kein betreuender Hausarzt in unmittelbarer Nähe ist.

Träger:
AOK Rheinland/Hamburg, Gesundheitsmanagement

Beteiligte:
Teilnehmende Pflegeeinrichtungen, beteiligte Ärztinnen und Ärzte sowie Docs in Clouds

Zielgruppe:
Ältere und hochaltrige Menschen mit stationärem Pflegebedarf sowie Pflegepersonal in den teilnehmenden Einrichtungen.

Ansatz:
Telemedizinische Vernetzung von Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen durch gerätegestützte Televisiten.

Umsetzung:
Überführung der Erfahrungen aus dem Vorprojekt „AIDA“ in den Selektivvertrag „VisitON“. Technische Ausstattung, Schulungen und Einbindung der Beteiligten erfolgten in enger Zusammenarbeit mit Docs in Clouds.

Mehrwert:
Mehr Arzt-Patienten-Kontakte, bessere Unterstützung des Pflegepersonals, weniger unnötige Fahrzeiten und eine Reduktion von Krankenhauseinweisungen um rund 34 Prozent.

Technik, die Ärztinnen, Ärzte und Pflege verbindet

Einbezogen sind knapp 1.000 Heimbewohnerinnen und Heimbewohner sowie zahlreiche kooperierende Haus- und Facharztpraxen in Nordrhein-Westfalen, darunter der Kreis Euskirchen, Hückelhoven und der Raum Aachen. Die AOK Rheinland/Hamburg kooperiert dafür mit 13 Pflegeheimen. Der Vertrag regelt insbesondere die Vergütung Die Leistungserbringer im Gesundheitswesen werden nach unterschiedlichen Systemen vergütet. Die… für den Einsatz und Betrieb der notwendigen Technik in den Heimen. Das eingesetzte „TeleDoc-Mobile“ ist ein mobiler, medizinisch zugelassener Rollständer mit fernsteuerbarer Kamera. Es ermöglicht neben Blutdruck- und Blutzuckermessungen auch EKG-Messungen sowie das Abhören von Herz und Lunge aus der Ferne. Bei Bedarf kann zudem ein 12-Kanal-EKG erstellt werden, das die Herzaktivität aus mehreren Perspektiven erfasst und damit eine genauere ärztliche Einschätzung unterstützt. Messdaten, ärztliche Anordnungen, Maßnahmen und Entscheidungen werden in einer Software dokumentiert, die Telearzt und Pflegekraft gleichermaßen zur Verfügung steht.

Telemedizin entlastet Pflegebedürftige und Angehörige

Unterstützt wird die Umsetzung unter anderem durch „Docs in Clouds“ – einem Anbieter, der die technische Infrastruktur für die Televisiten bereitstellt – sowie durch Schulungen, digitale Unterlagen und persönliche Begleitung vor Ort. Die Abläufe der Online-Visiten hätten sich gut eingespielt, sagt Werner Haag, Bereichsleiter Leistungen der AOK Rheinland/Hamburg. Die Vernetzung zwischen Arztpraxen und Heimen werde verbessert, dadurch werde die Zusammenarbeit gestärkt und Vertrauen aufgebaut. 

Was das im Alltag bedeutet, zeigt sich im Stella Vitalis Seniorenzentrum Weilerswist. Für die Bewohnerinnen und Bewohner sei die Televisite anfangs zwar eine Umstellung gewesen – „inzwischen lassen sich aber alle darauf ein“, berichtet Heimleiter Marc Orth. Zugleich könne die Telemedizin nicht nur die Pflegebedürftigen selbst entlasten, sondern auch ihre Angehörigen, die sie ansonsten zu Arztterminen begleiteten, merkt Pflegedienstleiterin Annika Kempf an.

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Mehr Handlungssicherheit im Pflegealltag

Ein zentraler Effekt von „VisitON“ liegt in der engeren Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft und Pflegepersonal. Mehr geplant durchgeführte Visiten reduzieren Zustandsverschlechterungen. Gleichzeitig erhalten Pflegekräfte bei Zustandsveränderungen schneller ärztliche Rückmeldung und können sicherer handeln. Krankenhauseinweisungen können dadurch reduziert werden. Für die Bewohnerinnen und Bewohner bedeutet das: medizinische Einschätzungen erfolgen früher, belastende Ortswechsel lassen sich häufiger vermeiden. Dadurch steige die Versorgungsqualität, erläutert Haag. Angesichts der Herausforderungen durch demografische Entwicklung und Fachkräftemangel leisteten digitale Ansätze wie die Televisite hier „wertvolle Unterstützung“, so sein Resümee.

Auch hat „VisitON“ bereits öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Beim Wettbewerb „Digitale Orte 2024“ belegte das Projekt den ersten Platz. Der Wettbewerb zeichnet digitale Lösungen aus, die besonders im ländlichen Raum einen konkreten Nutzen stiften und Versorgung vor Ort verbessern.

Übertragbar – aber nicht ohne Voraussetzungen

Die gerätegestützte Televisite lässt sich grundsätzlich auch mit kleinerer und kostengünstigerer Technik flächendeckend umsetzen. Entscheidend sind jedoch digitale Kompetenzen, verlässliche technische Infrastruktur, leistungsfähiges WLAN in Pflegeeinrichtungen sowie geeignete regulatorische und finanzielle Rahmenbedingungen.

„VisitON“ macht deutlich, dass Televisiten in Pflegeeinrichtungen vor allem dann gelingen, wenn technische Ausstattung, digitale Kompetenzen und der regelmäßige Austausch aller Beteiligten von Beginn an mitgedacht werden. Ein Ansatz, den auch die AOK-Gemeinschaft verfolgt, in dem sie sich für die Zusammenarbeit und den Aufbau tragfähiger Pflege Kann die häusliche Pflege nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden, besteht Anspruch auf… -Strukturen vor Ort einsetzt.