Organspende: Mediziner pochen auf mehr Aufklärung
Zur Erhöhung der Organspendebereitschaft fordern Medizinerinnen und Mediziner mehr Aufklärung und plädieren dafür, eine Entscheidung rechtzeitig zu Lebzeiten zu treffen. „Organspende ist nun mal kein angenehmes Thema und deshalb scheuen viele die freiwillige Beschäftigung damit und schieben sie gerne auf“, sagte die Leiterin des Westdeutschen Zentrums für Organtransplantation der Universitätsmedizin Essen, Ebru Yildiz, zu G+G. Auch der medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Axel Rahmel, sprach sich anlässlich des Tags der Organspende an diesem Samstag für verständliche und transparente Informationen aus, um Vorurteile abzubauen.
Nach den Manipulationen bei Wartelisten, die 2012 bekannt geworden waren, seien umfassende Maßnahmen ergriffen worden, sagte Rahmel zu G+G. Dazu zählten regelmäßige Kontrollen und veröffentlichte Prüfberichte.
Wie groß die Folgen fehlender Entscheidungen sind, machte der Transplantationsbeauftragte der Uniklinik Köln, Dirk Schedler, im ARD-Morgenmagazin deutlich. In rund zwei Dritteln der Fälle müssten Angehörige über eine Organspende entscheiden, weil keine dokumentierte Willenserklärung vorliege. Das sei in einer akuten Trauersituation eine „extreme Belastung“, erläuterte der Mediziner. Aus Unsicherheit und aus Angst vor einer falschen Entscheidung lehnten etwa 90 Prozent die Spende ab. Hinsichtlich der Einführung einer Widerspruchsregelung äußerte er sich positiv: Jeder bekäme dadurch „die Gelegenheit, die Entscheidung auch tatsächlich selber zu Lebzeiten zu treffen“.
Auch DSO-Vorstand Rahmel sieht in der Widerspruchsregelung eine mögliche „Orientierungshilfe“. Diese könne dazu beitragen, „eine Kultur der Organspende“ zu etablieren und die Zahlen zu steigern. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL), Hans-Albert Gehle, und der Transplantationsbeauftragte der ÄKWL, Theodor Windhorst, bezeichneten Organspende als „ein Zeichen gelebter Solidarität“. „Jetzt ist die Zeit, daraus auch ein wirksames System zu machen.“ Ohne Widerspruchslösung bleibe Deutschland „im Weiter so“ stecken, während Menschen auf der Warteliste wertvolle Zeit verlören.
Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sagte, er wünsche sich zum Tag der Organspende, dass alle Bürger, die es noch nicht getan hätten, ihre Entscheidung in einem Spendeausweis oder im Organspende-Register festhielten. Die Mehrheit stehe der Organspende positiv gegenüber. „Wir haben also keine niedrige Spendenbereitschaft, wohl aber ein Dokumentationsproblem”, so der CDU-Politiker, der sich für eine Widerspruchslösung einsetzt.
Zurzeit gilt die Entscheidungslösung. Eine Organ- oder Gewebeentnahme ist nur möglich, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten zugestimmt hat. Ist keine Entscheidung dokumentiert, werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen gefragt. Im Mai 2026 legten zwei fraktionsübergreifende Gruppen ihre Vorschläge für eine Änderung vor und entfachten die Debatte damit neu. Für die nahe Zukunft wird eine Orientierungsdebatte im Bundestag zu dem Thema erwartet.
Nach Angaben der Stiftung Eurotransplant standen Anfang 2026 in Deutschland 8.207 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan. 2025 wurden 3.592 Organtransplantationen vorgenommen; zugleich kamen 4.638 Patientinnen und Patienten neu hinzu. Laut DSO spendeten von Januar bis einschließlich April 368 Menschen nach ihrem Tod insgesamt 1.137 Organe. (ts)
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