Forscher fordern mehr Interprofessionalität
Interprofessionalität ist laut Forschern eine zentrale Strukturvoraussetzung einer zukunftsfähigen ambulanten Versorgung – und nicht etwa nur ein ergänzendes Qualitätsmerkmal. „Interprofessionelle Versorgungsmodelle ermöglichen eine effizientere Nutzung knapper Ressourcen, indem sie ärztliche Arbeitszeit auf hochkomplexe Tätigkeiten konzentrieren, Koordinationsdefizite reduzieren und Versorgungsprozesse entlang klar definierter Verantwortlichkeiten strukturieren“, erläutern Wissenschaftler der Charité – Universitätsmedizin Berlin in der aktuellen G+G Wissenschaft (GGW).
Die Autoren Mike Traub, Lorena Dini und Sydney Odonkor warnen, Interprofessionalität sei jedoch nicht mit Multiprofessionalität zu verwechseln. Letztere beschreibe lediglich das Nebeneinander unterschiedlicher Berufsgruppen, ohne notwendigerweise zu einer integrierten Versorgungspraxis zu führen. Bei Interprofessionalität gehe es hingegen um „eine bewusste Aufgabenverteilung entlang von Kompetenzen, eine gemeinsame Zielorientierung sowie institutionell abgesicherte Kooperationsformen.“ Diese sei in Deutschland zwar bereits ausprobiert worden, etwa in Form Medizinischer Versorgungszentren und hausärztlicher Versorgungsmodelle, eine flächendeckende interprofessionelle Versorgungspraxis habe sich aber noch nicht etabliert.
Um Interprofessionalität in Deutschland zum Erfolg zu verhelfen, sind laut den Experten drei Dinge notwendig. Erstens sei das Berufsrecht weiterzuentwickeln, damit Kompetenzprofile klarer würden, fordern sie. „Zweitens müssen Vergütungslogiken konsequent auf Teamleistungen und Versorgungsprozesse ausgerichtet werden.“ Drittens sei eine institutionelle Verankerung nötig, die über punktuelle Modellvorhaben hinausgehe.
Die Wissenschaftler warnen vor einem strukturellen Scheitern der ambulanten Versorgung, das nicht medizinisch, sondern organisatorisch begründet sei, wenn die Schritte unterblieben. „Versorgungsengpässe, Überlastung ärztlicher Ressourcen und zunehmende Koordinationsprobleme wären dann nicht Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern Ergebnis unzureichender institutioneller Anpassung.“ In verschiedenen anderen Ländern, etwa Dänemark und Finnland, bildeten interprofessionell organisierte Primärversorgungszentren bereits das strukturelle Rückgrat der ambulanten Versorgung. (ink)
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