Pflegebedürftigkeit verhindern mit Prävention
Die Verdreifachung der Zahl von Menschen mit Pflegegrad seit 1999 erfordert nach Ansicht der Haller Pflegewissenschaftlerin Gabriele Meyer verstärkt die Prävention von Pflegebedürftigkeit in den Blick zu nehmen. Es gelte, Möglichkeiten der Vermeidung, Verkürzung und Abmilderung der Phase der Pflegebedürftigkeit zu identifizieren, machte Meyer gestern auf dem „Hessischen Gesundheitsforum“ in Frankfurt deutlich. „Angebote der Prävention von Pflegebedürftigkeit sind allerdings keinesfalls vom Nachweis ihrer Wirksamkeit, Sicherheit und Kostenwirksamkeit befreit“, so das ehemalige Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und in der Pflege (SVR).
„Pflege ist ein kostbares Gut geworden“ betonte Meyer die Notwendigkeit, pflegerische Ressourcen nur für evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen zu nutzen. Das vorhandene Wissen über präventive Interventionen gehe teilweise nicht über den Status von Expertenmeinungen hinaus. „Eine Engführung auf Verhaltensänderung in den Bereichen Mobilität und Sturzrisiko, Ernährung sowie Suchtmittelkonsum ist nicht zielführend“, sagte Meyer. So zeigten internationale Studien etwa, dass auch schlechte sozioökonomische Verhältnisse einen maßgeblichen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Pflegebedürftigkeit hätten. Neben der Prävention von Pflegebedürftigkeit benannte Meyer den Ausbau von Caring Comunities als einen weiteren wichtigen Baustein für eine kommende Pflegereform. Dabei müssten die Kommunen eine zentrale Rolle übernehmen, um das gelungene Zusammenspiel verschiedener Akteure zu gewährleisten.
Auch die hessische Gesundheitsministerin Diana Stolz machte auf die wichtige Rolle der Kommunen aufmerksam. „Die kommunale Ebene weiß am besten, wofür sie ihre Mittel verausgaben sollte.“ Ihr Land überlasse daher folgerichtig den Kommunen einen Großteil des hessischen Anteils am Sondervermögen des Bundes für Infrastruktur. Dieses Geld könnten die Kommunen dann unter anderem nutzen, um ihren Aufgaben als Caring Communities besser nachzukommen. Mit Blick auf die derzeit im Bund vorbereitete Pflegereform betonte Stolz den Vorteil des föderalen Systems in Deutschland. Da die Länder deutlich mehr Bezug zur Praxis hätten, sei es wichtig, dass sie sich mit starken Stimmen im Bundesgesetzgebungsverfahren einbringen könnten. Stolz kritisierte an der aktuellen Diskussion zur Pflegereform den zu starken Fokus auf die Kosten. „Wir machen nicht Politik für Zahlen. Wir machen Politik für Menschen“, so die hessische Gesundheits- und Pflegeministerin.
Hinsichtlich der geplanten Pflegereform kam Detlef Lamm zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Pflegereform werde auf wenig Akzeptanz stoßen, wenn die Bundesregierung sie als reines Spargesetz aufsetze und Pflege nur als Kostenfaktor begreife, so der Vorstandsvorsitzende der AOK Hessen. „Einzelmaßnahmen müssen aufeinander abgestimmt werden und die Belastungen dürfen nicht einseitig den Beitragszahlern und Pflegebedürftigen aufgebürdet werden“, forderte Lamm.
Indes verzögert sich das von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ursprünglich für Mitte Mai angekündigte Reformkonzept für die Pflegeversicherung. Laut einem Ministeriumsprecher soll es aber noch im Sommer eine Kabinettsfassung geben. (om)
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