Fachleute fordern geschlechtersensible Diabetesversorgung
In Deutschland leben mehr als neun Millionen Menschen mit Diabetes, etwa die Hälfte davon Frauen. Dennoch werde die Erkrankung in Forschung und Versorgung noch zu oft behandelt, als betreffe sie alle Menschen gleich, monierte heute der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD). „Die Medizin kennt Frauen schlechter als Männer – und behandelt sie anders“, kritisierte Susanne Reger-Tan, Direktorin der Klinik für Diabetologie und Endokrinologie am Herz- und Diabeteszentrum NRW.
Ursache seien nicht nur biologische Unterschiede, sondern auch Lücken in Studien, Diagnostik, Beratung und Therapie. Reger-Tan verwies dabei auf den Gender Data Gap und den Gender Health Gap: Fehlendes Wissen über Frauen schlage sich unmittelbar in der Versorgung nieder.
Wie konkret diese Lücken den Behandlungsalltag prägten, zeige sich an hormonellen Risikofaktoren und Lebensphasen von Frauen. Dazu zähle etwa das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom (PMOS). Das früher als polyzystisches Ovarialsyndrom bekannte Krankheitsbild sei umbenannt worden, um die Hormon- und Stoffwechselerkrankung mit kardiometabolischen Risiken sichtbar zu machen. Eine präzise Bezeichnung sei „keine Kosmetik“, sondern Voraussetzung für Aufklärung und Vorsorge, sagte Reger-Tan. Bei Frauen mit Typ-1-Diabetes könne zudem der Menstruationszyklus die Insulinwirkung verändern. Automatisierte Insulinpumpen berücksichtigten solche Schwankungen bislang nicht.
Daran knüpfte Diabeteswissenschaftlerin und Hebamme Judith Scholler-Sachs an. Schwangerschaftsdiabetes werde nach der Geburt zu selten als Präventionsanlass genutzt. „Nach dem Gestationsdiabetes ist vor dem Typ-2-Diabetes“, mahnte sie. Nötig seien ein Nachsorgeprogramm mit Recall-System, eigene EBM-Ziffern für postpartale Beratung und eine bessere Vernetzung.
Menschen mit Diabetes dächten im Schnitt 77 Minuten täglich an ihre Erkrankung, Frauen häufiger als Männer, sagte Laura Klinker, Psychologin am Diabetes-Zentrum Bad Mergentheim. Bei ihnen treffe das tägliche Diabetesmanagement oft auf zusätzliche Verantwortung für Familie, Care-Arbeit und Beruf. „Jetzt kommt auf diesen vollen Arbeitsspeicher auch noch der Diabetes“, sagte Klinker. „Mental Load“ müsse deshalb früher Teil der Versorgung werden.
Theresia Schoppe, stellvertretende VDBD-Vorstandsvorsitzende, weitete den Blick auf das sogenannte Medical Gaslighting. Wenn Beschwerden von Frauen bagatellisiert oder psychologisiert würden, verzögere das die Diagnostik und Therapie. „Frauengesundheit darf kein Nischenthema sein. Sie ist ein Qualitätsindikator für ein gerechtes Gesundheitssystem“, so Schoppe. (sr)
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