Interview Versorgung

„Wir wissen viel – aber wir handeln zu wenig“

28.05.2026 Ulrike Serbent 5 Min. Lesedauer

Die geschlechtersensible Medizin ist in der Kardiologie bereits stärker berücksichtigt als früher, in Infektiologie und Krankenhaushygiene ist sie aber bislang kaum angekommen. Dabei beeinflussen Unterschiede in Immunantwort, Krankheitsverläufen, Diagnostik und Therapie die Versorgung deutlich – mit Folgen bis hin zu verzögerten Diagnosen, unpassenden Dosierungen und schlechteren Behandlungs- oder Therapieergebnissen. Wie sich diese theoretisch bekannten Unterschiede in die Praxis umsetzen lassen, erläutert Professorin Irit Nachtigall im Interview.

Lupe mit weiblichem und männlichem Geschlechtssymbol vor hellem Hintergrund.
Frauen erhalten bei schweren Infektionen oft später lebensrettende Therapien.
Porträt: Prof. Dr. Irit Nachtigall, MHBA Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH
Prof. Dr. Irit Nachtigall ist Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH.

Frau Prof. Nachtigall, die Infektiologie hinkt bei der Geschlechtersensibilität hinterher. Woran liegt das?

Prof. Dr. Irit Nachtigall: Die geschlechtersensible Medizin hat in einigen Disziplinen längst Eingang in Leitlinien, Fortbildungen und Versorgungsstrukturen gefunden. In der Infektiologie und Krankenhaushygiene hingegen besteht ein deutlicher Nachholbedarf. Viele diagnostische Scores wie qSOFA oder NEWS2 – medizinische Frühwarnsysteme, die im Notfallmanagement und auf Normalstationen eingesetzt werden, um kritisch kranke Patienten und das Sepsis-Risiko frühzeitig zu erkennen – wurden überwiegend an männlichen Probanden entwickelt. Medikamentendosierungen sind selten geschlechtsspezifisch validiert. Und Frauen werden seltener mikrobiologisch untersucht. Sie bekommen auch deutlich später die lebensrettenden Antibiotika. Diese strukturellen Verzerrungen ziehen sich durch die gesamte Versorgungskette – von der Anamnese bis zur Therapie.

Welche biologischen Unterschiede sind in der Infektiologie besonders relevant?

Nachtigall: Frauen zeigen häufig eine robustere angeborene und adaptive Immunantwort, während Männer ein höheres Risiko für schwere Infektionsverläufe haben – von bakteriellen Pneumonien über Tuberkulose bis Covid‑19. Zahlen aus internationalen Studien bestätigen das: So haben Männer eine höhere Inzidenz von Blutstrominfektionen und Sepsis. Dagegen zeigen Frauen niedrigere CRP- und Procalcitonin-Werte – wichtige Laborparameter zur Erkennung von Entzündungen. Das erschwert die Diagnose. Bei Sepsis auf Intensivstationen ist bisher nicht eindeutig zu beziffern, ob die Mortalität von Frauen oder Männern höher ist, da es hierbei auf die Adjustierung auf Vorerkrankungen, Alter und Instrumentierung ankommt.

„Geschlechtersensible Infektiologie ist kein Zusatz, sondern Voraussetzung für Präzision, Qualität und Patientensicherheit.“

Prof. Dr. Irit Nachtigall

Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH

Sie warnen vor geschlechtsspezifischen Verzerrungen in KI‑Modellen. Was bedeutet das konkret – und was versteht man in diesem Zusammenhang unter „Bias“?

Nachtigall: Geschlechtsspezifische Verzerrungen in KI‑Modellen entstehen, wenn die Daten, mit denen diese Systeme trainiert werden, Unterschiede zwischen den Geschlechtern unzureichend berücksichtigen oder bereits bestehende Ungleichheiten enthalten. KI‑Modelle, Frühwarnsysteme und klinische Systeme zur Unterstützung einer Entscheidung basieren auf historischen medizinischen Daten. Wenn diese verzerrt sind und die Verzerrung nicht erkannt und ausgeglichen wird, überträgt und verstärkt die KI bestehende Versorgungsungleichheiten.

Ein besonders kritisches Beispiel ist die Sepsis‑Erkennung: Frauen zeigen häufig niedrigere Entzündungsmarker als Männer. Wenn ein KI‑Modell überwiegend mit männlich dominierten Datensätzen trainiert wurde, erkennt es diese – bei Frauen typischen – Verläufe schlechter. Die Folge: Diagnosen werden verzögert oder übersehen. Es könnte allerdings auch sein, dass nicht nur Frauen unterdiagnostiziert sind, sondern auch Männer zu früh erkannt werden und deswegen zu viel Versorgung bekommen.

Der zentrale Begriff hierfür ist „Bias“. Bias bedeutet eine systematische Verzerrung in Daten, Bewertung oder Entscheidungsprozessen. In der Medizin kann sich das beispielsweise so äußern:

  • Frauen werden mit ihren Symptomen seltener ernst genommen
  • Männer werden häufiger als „schwerer erkrankt“ eingestuft
  • Diagnostische Normwerte orientieren sich primär am männlichen Körper
  • KI‑Modelle erkennen bevorzugt Muster, die bei Männern häufiger vorkommen

Wichtig ist: Bias ist in diesem Fall kein individuelles Fehlverhalten einzelner Personen, sondern ein strukturelles Problem, das sich über Daten, Forschung und Versorgungssysteme hinweg aufgebaut hat. Deshalb muss es auch systematisch erkannt, reflektiert und aktiv in der Entwicklung von KI‑Systemen berücksichtigt werden.

Wie kann diesen Verzerrungen entgegengewirkt werden? Sie sprechen hier von geschlechtsspezifischer Surveillance.

Nachtigall: Surveillance bedeutet systematische Erfassung, Analyse und Interpretation von Gesundheitsdaten. Geschlechtsspezifische Surveillance heißt: Infektionsraten getrennt erfassen, Testhäufigkeiten vergleichen, Therapieentscheidungen analysieren, Behandlungs- oder Therapieergebnisse nach Geschlecht auswerten. Diese Unterschiede sind da und müssen adressiert werden.

„Der Wandel ist überfällig, aber machbar.“

Prof. Dr. Irit Nachtigall

Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH

Was muss sich jetzt konkret ändern?

Nachtigall: Ich sehe fünf zentrale Schritte:

  • Geschlechtsspezifische Diagnostik sowie die Surveillance, also die kontinuierliche, systematische Erfassung, Analyse und Interpretation von Gesundheitsdaten:
    Symptome, Testhäufigkeiten sowie Behandlungs- oder Therapieergebnisse müssen getrennt erfasst werden.
  • Differenzierte Impfstrategien:
    Frauen zeigen stärkere Reaktionen, daher sollte geprüft werden, ob Dosierungen angepasst werden können. Bei Männern sollten wegen ihrer schwächeren Immunantwort die Wirkungen kontinuierlich beobachtet werden. Möglicherweise muss auch der Zeitpunkt der Impfungen angepasst werden und Männer würden schon früher geimpft.
  • Geschlechtersensible Aufklärung stärken:
    Nebenwirkungen, Risiken und Therapieakzeptanz müssen individuell und unter Berücksichtigung von Geschlecht und Lebensrealität adressiert werden.
  • Medizinisches Personal gezielt schulen:
    Unbewusste Bias erkennen, geschlechtsspezifische Unterschiede verstehen und Patientinnen und Patienten individuell sowie evidenzbasiert behandeln.
  • Studiendesigns modernisieren:
    Das biologische Geschlecht muss integraler Bestandteil jeder Studie – von der Rekrutierung über die Datenerhebung bis hin zur Auswertung und Publikation – sein. Nach Möglichkeit sollten auch Genderaspekte erfasst werden.

Das scheint ein komplexes Thema zu sein. Ist es nur an Medizinerinnen und Mediziner adressiert?

Nachtigall: Der Wandel ist überfällig, aber machbar. Geschlechtersensible Infektiologie ist kein Zusatz, sondern Voraussetzung für Präzision, Qualität und Patientensicherheit. Ein geschlechtersensibler Standard bedeutet wirksamere Therapien und weniger Nebenwirkungen. Und dies ist ein gesundheitspolitischer Handlungsauftrag und spart am Ende dem Gesundheitssystem viel Geld, neben dem nicht erzeugten Leid.

Was ist Sepsis? 

Sepsis ist eine lebensbedrohliche Organfunktionsstörung, ausgelöst durch eine fehlregulierte Immunantwort auf eine Infektion. Sie ist eine der häufigsten Todesursachen.

Daten:
5 bis 7 Prozent aller Intensivpatientinnen und -patienten entwickeln nosokomiale Blutstrominfektionen.

Die Sepsis-assoziierte Mortalität liegt bei 37 bis 40 Prozent – doppelt so hoch wie bei vergleichbaren Intensivpatientinnen und -patienten ohne Sepsis.

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