Kassenbeiträge unter Druck: Ausgabendynamik ungebremst
Die gesetzlichen Krankenkassen befürchten ohne weitere schnelle Reformen eine neue Welle von Beitragserhöhungen zum Jahreswechsel. Zwar schlossen die vier großen Kassenarten das erste Halbjahr 2026 mit einem Überschuss von 2,28 Milliarden Euro ab, aber die Ausgaben stiegen durch die Bank schneller als die Einnahmen – und schneller als prognostiziert. Das geht aus vorläufigen Daten hervor. Die Schätzungen zur Lücke in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für 2026 und Folgejahre seien damit „jetzt schon Makulatur“, warnte Jens Martin Hoyer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands.
Hoyer hält „kurzfristig weitere Sparmaßnahmen“ für nötig. Selbst wenn das jüngst beschlossene GKV-Sparpaket die Kassen 2027 um 18,8 Milliarden Euro entlasten sollte, „wird das im Lichte dieser neuen Quartalszahlen immer noch nicht ausreichen, um die Beiträge in der GKV zum Jahreswechsel stabil zu halten“.
Laut den Finanzdaten erzielten die Ersatzkassen einen Überschuss von einer Milliarde Euro, die Ortskrankenkassen (AOK) von 406 Millionen Euro und die Betriebskrankenkassen (BKK) von 630 Millionen Euro. Die Innungskrankenkassen (IKK) brachten es auf 250 Millionen Euro. Das Plus sei allein den gestiegenen Zusatzbeiträgen geschuldet und diene dazu, die Rücklagen aufzufüllen, betonten die Kassen. Alarmiert zeigten sie sich über die ungebremste Ausgabendynamik. Bei den Ersatzkassen schnellten die Ausgaben um 7,1 Prozent je Versicherten hoch und bei den AOK um 7,2 Prozent. Bei den BKK waren es 8,5 Prozent und bei den IKK sogar 9,16 Prozent.
Damit wächst der Handlungsdruck auf den neuen Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU). Zwar hat der Bundestag erst im Juli das GKV-Sparpaket verabschiedet. Die Kassen warnen jedoch, dass es nicht ausreicht, die Beitragssätze zu stabilisieren. Der Schätzerkreis habe die Ausgabenentwicklung für 2026 offenbar zu niedrig eingeschätzt, kritisierte Anne-Kathrin Klemm, Vorstandschefin des BKK-Dachverbandes. Die IKK nannten Kliniken und Pharmaindustrie als Kostentreiber. Ihr Bundesverband forderte schnelle Strukturreformen. Es brauche eine bessere Patientensteuerung, mehr Prävention und eine breitere Einnahmebasis. Zudem müsse der Bund versicherungsfremde Leistungen endlich vollständig aus Steuern finanzieren.
Zugleich wächst in der Bevölkerung der Unmut über die Gesundheitspolitik. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der IKK sind nur noch 20 Prozent in diesem Bereich mit der Regierung zufrieden, 77 Prozent hingegen unzufrieden. Als größte Probleme werden lange Wartezeiten auf Arzttermine, Leistungseinschnitte und steigende Beiträge genannt. (cm)
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