Zu wenig Schlaf beeinflusst Gesundheit negativ
Stress, psychische Belastungen oder körperliche Beschwerden – viele Ursachen führen dazu, dass Menschen zu wenig schlafen. Auf das von Wissenschaftlern empfohlene Optimum von sieben bis neun Stunden pro Nacht kommen einer Forsa-Umfrage zufolge nur 30 Prozent der Bevölkerung. Die überwiegende Mehrheit von 69 Prozent ruht hingegen mit weniger als sieben Stunden zu kurz. Schlafexperte Hans-Günter Weeß sieht darin unter anderem gesellschaftliche Ursachen: Starre Zeitstrukturen passten oft nicht zur inneren Uhr. „Unsere Gesellschaft tickt nicht richtig“, resümiert er im Gespräch mit G+G.
Am wenigsten Schlaf bekommen Menschen in der Altersgruppe von 45 bis 59 Jahren, wie die Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbandes zeigt. Hier bleiben sogar 77 Prozent unter der empfohlenen Schlafdauer. Insgesamt haben laut Forsa 58 Prozent der Deutschen mit Schlafproblemen zu tun. Gefragt wurde konkret nach wiederholten oder anhaltenden Schwierigkeiten in den vergangenen drei Monaten. Frauen sind mit 64 Prozent häufiger betroffen als Männer mit 52 Prozent.
Für die Mehrzahl (63 Prozent) sind Stress und psychische Belastungen die Hauptursache für einen wenig erholsamen Schlaf. 38 Prozent geben körperliche Beschwerden und 36 Prozent eine zu hohe oder zu niedrige Raumtemperatur an. Den Konsum digitaler Medien vor dem Schlafengehen nennt rund ein Viertel als Grund.
Auch eine kürzlich erschienene Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) belegt, dass der Schlaf bei einem Großteil der Bevölkerung zu kurz ausfällt. „Die Ergebnisse decken sich auch mit meinen Erfahrungen“, sagt Schlafforscher Weeß. Vor allem in industrialisierten Ländern gingen die Zeitstrukturen oft nicht konform mit der biologischen Uhr des Menschen. Während der genetisch festgelegte Biorhythmus bestimme, ob jemand eine frühe „Lerche“ oder eine späte „Eule“ sei, erzwinge die moderne Gesellschaft starre Frühstarts in Schulen und Betrieben. „Das führt zu Schlafdefiziten. Und am Wochenende versucht man dann, den Schlaf zu kompensieren.“ Die Mehrheit in der Bevölkerung würde nach ihrer inneren Uhr zwischen 23 und zwei Uhr ins Bett gehen und zwischen sieben und 9.30 Uhr aufstehen. Die Gesellschaft ticke nicht richtig, wenn es um die innere Uhr des Menschen geht, konstatiert Weeß, der seit 1991 die schlafmedizinische Abteilung des Pfalzklinikums Klingenmünster leitet.
Unterschiede in Alters- und Bildungsgruppen
Darüber hinaus zeigt die RKI-Studie, dass es bei den 65-Jährigen und Älteren kaum Unterschiede zwischen Wochentagen und dem Wochenende gibt. Nicht nur biologische Altersprozesse und Erkrankungen beeinflussten die Schlafdauer, sondern auch Lebensbedingungen im Ruhestand, in dem Unterschiede zwischen Wochentagen und dem Wochenende nicht mehr so deutlich vorhanden seien.
Mit Blick auf die Bildungsgruppen stellen die Autoren fest, dass der Anteil an Personen mit kurzen Schlafzeiten an Wochentagen tendenziell in der niedrigen und mittleren Bildungsgruppe höher liegt als in der hohen Bildungsgruppe. Ein signifikanter Unterschied ist laut RKI jedoch nur bei Männern erkennbar. In der hohen Bildungsgruppe schlafen unter der Woche rund 35 Prozent der Männer zu kurz, in der niedrigen sind es etwa 43 Prozent und in der mittleren rund 46 Prozent.
„Unsere Gesellschaft tickt nicht richtig, wenn es um die innere Uhr des Menschen geht.“
Psychotherapeut und Schlafexperte
Schlaf beeinflusst Gesundheit
„Eine kurze Schlafdauer ist mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko assoziiert“, warnt das RKI. Das Institut mahnt individuelle und gesellschaftliche Präventionsmaßnahmen an, um ein gesundes Schlafverhalten in der Bevölkerung zu fördern. „Aufklärung ist die beste Prävention“, macht auch Weeß deutlich. „Schon in Schulen, etwa im Fach Biologie, sollte darüber informiert werden, wie wichtig Schlaf für die eigene Gesundheit und Leistung ist.“
Wenig Schlaf hängt laut Weeß auch mit Schlafstörungen zusammen. „Seit der Corona-Pandemie haben psychische Belastungen zugenommen; weitere Krisen wie etwa der Ukraine-Krieg oder die wirtschaftliche Lage in Deutschland beeinflussen ebenfalls den Schlaf negativ.“ Die Sorgen würden mit ins Bett genommen.
Schichtarbeit ist eine Herausforderung
„Doch auch die Schichtarbeit hat in den vergangenen Jahren zugenommen“, so Weeß. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse arbeite etwa jeder Fünfte in sogenannten flexiblen Beschäftigungsverhältnissen. Wechselnde Arbeitszeiten und Nachtschichten brächten die innere Uhr des Körpers und den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander und reduzierten die Schlafqualität. Während Beschäftigte, die an gefährlichen Maschinen arbeiteten, eine Schulung erhielten, unterbleibe das bei der gesundheitsgefährdenden Schichtarbeit, kritisierte er. Seiner Ansicht nach sollten auch Schichtarbeiter etwa im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung darüber unterrichtet werden, wie sie am besten mit den Herausforderungen umgingen, um vor der jeweiligen Früh-, Spät- oder Nachtschicht einen guten Schlaf zu haben und häufige schichtbedingte Schlafstörungen zu vermeiden.
Gut informiert über guten Schlaf
Insgesamt sind die Menschen in Deutschland gut informiert über Schlafhygiene. Laut Forsa-Studie wissen 94 Prozent, dass eine Raumtemperatur zwischen 16 und 18 Grad förderlich ist, ebenso wie eine ruhige Umgebung. 89 Prozent kennen den positiven Einfluss regelmäßiger Schlafenszeiten und Bewegung. Sechs Prozent glauben allerdings fälschlicherweise, dass Alkohol vor dem Zubettgehen förderlich sei.
„Neben den vielen Empfehlungen auf der Verhaltensebene gibt es aber noch die innere Haltung“, erläutert der Forscher Weeß. „Viele, die früh aufstehen müssen, setzen sich beim Einschlafen unter Druck, was dann meist das Gegenteil bewirkt: Der Druck aktiviert das Nervensystem und verhindert den Schlaf.“ Besser sei es, sich schöne Gedanken zu machen. Auch das könne man trainieren. Denn: Wer unbedingt schlafen will, bleibt wach.
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