HPV-Impfung: Das Präventionspotenzial besser nutzen
Mit der Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) steht ein effektives Mittel zur Vermeidung mehrerer Krebserkrankungen zur Verfügung. Dass Deutschland dennoch weit hinter den WHO-Zielen zurückbleibt, ist weniger ein medizinisches als ein strukturelles Problem. Zwei Experten aus der Krebsprävention ordnen ein, wo gesundheitspolitischer Handlungsbedarf besteht.
„Kleiner Pieks, große Wirkung“ – das ist ein bekannter Spruch, der in Zusammenhang mit Impfkampagnen immer wieder zu hören ist. Was simpel klingt, ist es in der Praxis jedoch oft nicht. Die HPV-Impfung wird von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlen und schützt vor den wichtigsten krebsauslösenden HPV-Typen. Dadurch wird das Risiko für HPV bedingte Krebsarten wie Gebärmutterhalskrebs und für bestimmte Krebsformen im Mund-, Rachen- und Genitalbereich reduziert. Dennoch ist die HPV-Impfquote in Deutschland vergleichsweise gering. Aktuellen Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge liegt die Rate der vollständig geimpften 15-jährigen Mädchen gerade mal bei 54,6 Prozent, die der 15-jährigen Jungen bei 34 Prozent. Die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation sehen für diese Altersgruppe allerdings eine Quote von 90 Prozent vor. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?
Flächendeckende und niedrigschwellige Impfangebote vonnöten
Dr. Nobila Ouédraogo von der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum sieht strukturelle Probleme in der Umsetzung. Der Impfung fehle eine „systematische Verankerung“ in der Bevölkerung. „Die Inanspruchnahme hängt stark vom individuellen Engagement der Eltern ab – von der Informationsbeschaffung über die eigenständige Terminorganisation und die Einhaltung des medizinisch empfohlenen Impfzeitpunkts bis hin zur Planung mehrerer Arztbesuche zur Vervollständigung der Impfserie“, sagte er G+G. Werde eine Impfung nicht selbstverständlich und regelmäßig angeboten, entstehe leicht der Eindruck, sie sei optional oder von nachrangiger Bedeutung. Nur „flächendeckende und niedrigschwellige Impfangebote“ könnten zu höheren HPV-Impfquoten führen.
Eine generelle Impfskepsis attestiert Professorin Fabinshy Thangarajah, leitende Oberärztin an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Universitätsmedizin Essen, relevant vielen Menschen in Deutschland. Diese würden eher, „die möglichen Risiken, die Impfungen nun mal auch mit sich bringen, als den Nutzen“ sehen, sagte sie zu G+G. Die Medizinerin hält es für unerlässlich, Fakten und Zahlen zu Impfnebenwirkungen breiter und besser zu kommunizieren, um eine größere Akzeptanz der HPV-Impfung zu erreichen.
„Ohne Impfung der Jungen bleibt der Bevölkerungsschutz unvollständig.“
Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum
Zentrale Präventionslücke vorhanden
Unumstritten ist für beide Experten, dass es mehr Aufklärung geben muss, unter anderem in Schulen. Sie seien „der einzige Ort, an dem nahezu alle Jugendlichen erreicht“ würden, ist sich Ouédraogo sicher. Dass Gesundheitsthemen wie HPV und Impfen an Schulen in Deutschland bislang nur unzureichend und uneinheitlich behandelt werden, hält er für eine „zentrale Präventionslücke“. „Ohne frühzeitige und strukturierte Aufklärung werden wichtige Gesundheitsentscheidungen häufig zu spät oder gar nicht getroffen.“ Thangarajah sieht neben Kinderarztpraxen und Schulen auch beispielsweise Sportvereine in der Pflicht – „das sind alles Orte, an denen Eltern und Kinder anzutreffen sind“.
Erhebung belegt Nutzen der Impfung
Der Früherkennungsmonitor des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hatte Ende vergangenen Jahres gezeigt, dass Frauen, die bereits in jungen Jahren gegen HPV geimpft wurden, nur etwas mehr als halb so häufig operative Eingriffe zur Entfernung von Krebsvorstufen am Gebärmutterhals, eine sogenannte Konisation, benötigten als ungeimpfte Frauen. Damit bestätigt sich der hohe Nutzen der Impfung. Grundlage für die Analyse bildeten die Daten von Versicherten der ersten drei Jahrgänge, die bei Einführung der Impfung im Jahr 2007 zwischen 13 und 15 Jahre alt waren und zum Ende des Auswertungszeitraumes 2024 ein Lebensalter von 30 Jahren erreicht hatten.
HPV betrifft auch Männer
HPV-Infektionen können nicht nur Frauen treffen – auch Männer können sich infizieren und beispielsweise Anal- und Peniskarzinome entwickeln. „Die bisherige Ausrichtung der HPV-Impfung auf Mädchen ist medizinisch nicht mehr zeitgemäß“, machte Ouédraogo deutlich. „Ohne Impfung der Jungen bleibt der Bevölkerungsschutz unvollständig.“ Eine geschlechtsneutrale Impfstrategie sei daher keine Zusatzoption, sondern eine notwendige Voraussetzung für die wirksame Prävention HPV-bedingter Krebserkrankungen.
Neben der HPV-Impfung bleibt die Krebsfrüherkennung ein wesentlicher Baustein der Präventionsstrategie. Das flächendeckende Screening zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs wurde 1971 in Deutschland eingeführt und hat laut WIdO-Monitor von allen Krebs-Früherkennungsuntersuchungen die höchste Inanspruchnahme. GKV-weit wurden etwa 14,7 Millionen solcher Screenings durchgeführt. Bei AOK-Versicherten zwischen 25 und 55 Jahren lag die Teilnahmerate zwischen 2021 bis 2024 im Schnitt bei mehr als 80 Prozent.
HPV-Impfung in Deutschland
- Humane Papillomviren (HPV) werden über den direkten Kontakt von Mensch zu Mensch, vor allem beim Vaginal-, Anal- und Oralverkehr übertragen.
- HPV-Infektionen treten weltweit auf und gehören zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen. In Deutschland gibt es keine Meldepflicht und somit auch keine regelmäßig erhobenen Daten zur Häufigkeit.
- Die meisten sexuell aktiven Menschen infizieren sich mindestens einmal im Leben mit HPV. Unterschieden wird zwischen Hochrisiko-Typen, die zu Krebs führen können, und Niedrigrisiko-Typen, die unter anderem für Genitalwarzen verantwortlich sind.
- Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die HPV-Impfung für Mädchen und Jungen von neun bis 14 Jahren. Auch in einem späteren Alter kann die Impfung sinnvoll sein. Für einen bestmöglichen Schutz sollte sie vor dem ersten Geschlechtsverkehr abgeschlossen sein.
- Laut Daten des Zentrums für Krebsregisterdaten erkranken in Deutschland jedes Jahr etwa 10.000 bis 11.000 Menschen an Karzinomen, die durch HPV-Infektionen bedingt sind, darunter rund 3.000 Männer.
Quelle: Robert-Koch-Institut und Zentrum für Krebsregisterdaten
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