Artikel Prävention

Wenn Übergewicht Kinder und Jugendliche krank macht

26.08.2026 Hilke Nissen 7 Min. Lesedauer

Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen sind weit verbreitet. Die Effekte zahlreicher Präventionsmaßnahmen bleiben allerdings begrenzt. Der Ruf nach strukturellen Maßnahmen wird deshalb in der politischen Diskussion lauter.

Ein adipäoses Mädchen in gelbem Pulli sitzt vor einem Busch in herbstlichen Farben und hält rote Beeren in der Hand.
Übergewicht belastet Kinder nicht nur körperlich, sondern häufig auch psychisch.

In der Umkleide der Turnhalle bleiben sie etwas länger sitzen als die anderen. Die Kommentare – manchmal offen, oft hinter vorgehaltener Hand – gehören für viele Kinder mit Übergewicht zum Alltag. Aus Scham meiden sie häufiger als Normalgewichtige Sport oder gemeinsame Aktivitäten. Sie fühlen sich ausgeschlossen, werden gehänselt und ziehen sich zurück. Folgen wie Depressionen, Angststörungen und „Frustessen“ sind keine Seltenheit. 

Übergewicht trifft Kinder ungleich

In Deutschland sind laut Daten der KiGGS-Studie (2014–2017) rund 15 Prozent der drei- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen übergewichtig und knapp sechs Prozent von ihnen sind adipös. Die Daten zeigen zudem deutliche soziale Unterschiede: Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status sind häufiger betroffen – bei Mädchen 8,1 statt zwei Prozent, bei Jungen 11,4 statt 2,6 Prozent. Insgesamt verharren die Zahlen auf hohem Niveau.

„Ein paar Pfunde zu viel“ können sich schleichend zum krankmachenden Übergewicht (Adipositas) entwickeln. Der Übergang ist für Betroffene oft kaum spürbar, doch markiert er den Punkt, an dem aus einem Risiko eine chronische Erkrankung wird. 

Laut dem aktuellen Ernährungsbericht des Kinderhilfswerks UNICEF sind weltweit erstmals mehr Kinder und Jugendliche über- als untergewichtig. Demnach bringen etwa 20 Prozent (391 Millionen) zwischen fünf und 19 Jahren zu viel auf die Waage, 9,4 Prozent (188 Millionen) gelten sogar als fettleibig. UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzen, dass 2024 rund 35,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren mit Übergewicht lebten. Modellrechnungen gehen davon aus, dass bis 2050 etwa ein Drittel der Kinder und Jugendlichen (5-19 Jahre) weltweit übergewichtig oder adipös sein könnten.

Adipositas ist mehr als ein „Gewichtsproblem“

Die Ursachen sind komplex: Neben Umweltfaktoren spielt auch die genetische Veranlagung eine wichtige Rolle. Wissenschaftler verweisen darauf, dass Adipositas mehr ist als ein „Gewichtsproblem“. Sie gilt heute als chronisch fortschreitende Erkrankung, bei der die Fähigkeit des Körpers, überschüssige Energie sinnvoll zu speichern und zu verteilen, gestört ist. Ist diese Regulation aus dem Lot, lagert sich Fett vermehrt in Organen ab – mit Folgen für den gesamten Stoffwechsel. Langfristig kann Adipositas schwere Folgeerkrankungen begünstigen. Dazu zählen Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden, Lebererkrankungen und bestimmte Krebsarten. Bei Erwachsenen kann sich die Lebenserwartung je nach Ausprägung um fünf bis zehn Jahre verkürzen. 

„Wenn Übergewicht und Adipositas bereits im Kindesalter bestehen, steigt das Risiko für weitere Erkrankungen deutlich.“

Prof. Susann Weihrauch-Blüher

Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin an der Universitätsklinik Halle

Wenn Übergewicht früh zur Krankheit wird

„Wenn Übergewicht und Adipositas bereits im Kindesalter bestehen, steigt das Risiko für weitere Erkrankungen deutlich“, sagt Professorin Susann Weihrauch-Blüher, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin an der Universitätsklinik Halle. „Daher muss frühzeitig gegengesteuert werden.“ In der Adipositas-Ambulanz in Halle werden jährlich rund 300 Kinder und Jugendliche betreut.

Hier und in anderen Spezialzentren folgt die Behandlung nach der derzeit in Überarbeitung befindlichen Leitlinie zur Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Neu eingefügt werden hier zum Beispiel die Empfehlungen zur medikamentösen Therapie, weil es seit der Fassung von 2019 neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu ihrem Einsatz gibt. Arzneimittel sollten nun ab dem zugelassenen Mindestalter stärker als bisher als Ergänzung einer leitliniengerechten Lebensstilintervention in Betracht gezogen werden. Eingesetzt werden dann sogenannte GLP-1-Rezeptoragonisten mit den Wirkstoffen Liraglutid oder Semaglutid verabreicht, die als „Abnehmspritzen“ bekannt sind. Sie dämpfen den Appetit und beeinflussen den Stoffwechsel, müssen jedoch regelmäßig injiziert werden. Ihr Einsatz soll in spezialisierten Zentren unter engmaschiger ärztlicher Betreuung und unter klar definierten Kriterien erwogen werden.

Im Fokus der gesamten Behandlung steht auch künftig die sogenannte multimodale Therapie. Hierzu gehören mehr Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und die Einbeziehung der Familie. Bei Bedarf kommt psychologische Unterstützung hinzu. „Besonders im frühen Kindesalter lassen sich so schon gute Erfolge erzielen. Aber oft kommen Kinder und Jugendliche bereits mit einer ausgeprägten Adipositas und schon bestehenden Folgeerkrankungen zu uns“, berichtet Weihrauch-Blüher. Das durchschnittliche Alter für die erste Vorstellung liege zwischen elf und zwölf Jahren, obwohl die übermäßige Gewichtszunahme schon im Grundschulalter eingesetzt habe. Leider fehle es in Deutschland „an flächendeckenden, zertifizierten Therapieangeboten“. 

Ziel einer Adipositastherapie bei Heranwachsenden ist es, das Gewicht langfristig zu stabilisieren oder zu senken, ohne das Wachstum und die Entwicklung zu beeinträchtigen. Gleichzeitig werden Begleiterkrankungen medizinisch abgeklärt und behandelt. Seit Juli 2025 ist ein Disease Management Programm (DMP) für Kinder und Jugendliche mit Adipositas vorgesehen. Dieses soll die bislang oft fragmentierte Versorgung bundesweit besser vernetzen und einheitlicher gestalten. Auch die Kostenübernahme soll bundesweit einheitlich geregelt werden. Das Programm befindet sich aber noch im Aufbau.

Prävention oft engagiert, aber zu kleinteilig

Zur Vorbeugung von Übergewicht setzen Krankenkassen früh an – mit Programmen zur Ernährungsbildung, Bewegungsförderung und Stärkung der Gesundheitskompetenz in Kitas und Schulen. Dazu zählen auch Angebote der AOK wie das Kita-Programm „JolinchenKids“ oder vielfältige Angebote für Schulkinder. Sie motivieren Kinder und Jugendliche gemeinsam mit ihren Familien zu mehr Bewegung und ausgewogener Ernährung. Ziel ist es, gesunde Verhaltensweisen früh zu verankern und zugleich soziale Unterschiede zu verringern. Solche Programme sind ein zentraler Baustein der Prävention und entsprechen dem gesetzlichen Auftrag der Krankenkassen. Wie breit dieses Engagement ist, zeigt der Präventionsbericht der gesetzlichen Krankenkassen, der zahlreiche Maßnahmen in Lebenswelten wie Kitas und Schulen dokumentiert.

Ein Kind sitzt rechts auf einer Arztliege mit einer Insulinpumpe am Arm. Links daneben steht die Begleitperson und ganz links im Bild die Ärztin.
Diabetes Typ 2 ist auf dem Vormarsch – nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen. Medikamentöse Behandlungen gibt es bisher wenig. Die Politik hat das Problem in der aktuellen Reformdebatte nicht ausreichend auf dem Radar, kritisieren Experten.
24.07.2026Ines Körver7 Min

Was andere Länder anders machen

Andere Länder setzen bereits stärker auf unterstützende Umgebungen, damit die Präventionsprogramme auch ihre volle Wirksamkeit entfalten können und die gesunde Wahl im Alltag leichter fällt. Mehr und mehr Länder beschränken beispielsweise die Werbung für Lebensmittel mit einem hohen Gehalt an Zucker, Fett und Salz, um Kinder zu schützen. Unlängst hat beispielsweise Norwegen ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Zudem führen mehr und mehr Länder Mindeststandards für die Verpflegung in Kitas und Schulen ein. In Deutschland sind nur in fünf von 16 Bundesländern verbindliche Regelungen vorhanden. Zu guter Letzt gibt es weltweit bereits mehr als 100 Länder, die eine Steuer oder Abgabe auf zuckergesüßte Getränke eingeführt haben.

Großbritannien setzt gar auf allen diesen Ebenen an: Neben der 2018 eingeführten und nach dem Zuckergehalt gestaffelten Steuer auf Softdrinks gibt es zum Beispiel im Fernsehen vor 21 Uhr Werbebeschränkungen für ungesunde Lebensmittel sowie einen „Whole Systems Approach“: Gesundheitsförderung ist dort gemeinsame Aufgabe aller Politikbereiche. Der Zuckergehalt in Softdrinks hat sich in Großbritannien aufgrund der „Zuckersteuer“ deutlich reduziert. Studien weisen zudem auf einen Rückgang der Adipositasrate bei bestimmten Gruppen von Kindern hin.

Was jetzt nötig ist

Die negativen gesundheitlichen Folgen eines regelmäßigen Konsums zuckerhaltiger Getränke sind wissenschaftlich belegt: Er fördert Gewichtszunahmen und erhöht das Adipositasrisiko bei Kindern und Erwachsenen. Eine Steuer auf Süßgetränke gilt daher als wirksamer Präventionsbaustein und ist weltweit bereits in mehr als 100 Ländern eingeführt – darunter zahlreichen EU-Staaten. Darauf verweisen 45 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem kürzlich vorgelegten Evidenzpapier.

Auch die schwarz-rote Bundesregierung plant eine Abgabe auf Süßgetränke, um Anreize für zuckerärmere Rezepturen zu setzen. 2027 sollen dadurch etwa 650 Millionen Euro und ab 2028 rund 450 Millionen Euro pro Jahr eingenommen werden. Die von Ex-Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eingesetzte „Finanzkommission Gesundheit“ verweist in ihrem Bericht explizit auf erhebliche Folgekosten des hohen Zuckerkonsums für die gesetzlichen Krankenkassen und die hohe Krankheitslast durch ernährungsbedingte Erkrankungen, die mit der Abgabe reduziert werden könnten.

„Zuckergesüßte Getränke sind ein zentraler Treiber der weltweiten Adipositas-Epidemie. Es ist wissenschaftlich gut begründbar, bei dieser Produktkategorie anzusetzen“, sagt Oliver Huizinga, Leiter der Präventionsabteilung beim AOK-Bundesverband. „Entscheidend ist nun eine kluge Ausgestaltung der Zuckerabgabe. Vieles spricht dafür, dem Vorbild Großbritannien zu folgen und eine nach Zuckergehalt gestaffelte Abgabe einzuführen. Der Erfolg gibt den Briten recht: Während Deutschland nur spärlich vorankommt, konnte in Großbritannien der Zuckergehalt bei Getränken nahezu halbiert werden“, so Huizinga weiter. Zudem sei entscheidend, dass die Einnahmen auch tatsächlich der Präventionsarbeit der gesetzlichen Krankenkassen zugute kämen..

Mitwirkende des Beitrags

Optionale Felder sind gekennzeichnet.

Beitrag kommentieren

Alle Felder sind Pflichtfelder.

Datenschutzhinweis

Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.

Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.