Blutzucker messen auf dem Spielplatz
Diabetes Typ 2 ist auf dem Vormarsch – nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen. Medikamentöse Behandlungen gibt es bisher wenig. Die Politik hat das Problem in der aktuellen Reformdebatte nicht ausreichend auf dem Radar, kritisieren Experten.
Was haben der Schauspieler Tom Hanks, der Rockmusiker Pete Doherty, der Star-Wars-Regisseur George Lucas und die frühere britische Premierministerin Theresa May gemeinsam? Sie alle haben im Erwachsenenalter Diabetes Typ 2 bekommen und sprechen öffentlich darüber, wie die Krankheit ihr Leben prägt. Typ 2 ist die Diabetesvariante, die früher oft als „Alterszucker“ bezeichnet wurde – in der Annahme, dass sie Kinder und Jugendliche verschont. Doch diese Ansicht entpuppt sich zunehmend als falsch.
Inzwischen mehren sich die Typ-2-Diagnosen bei Kindern. Laut „Diabetes Surveillance 2015 – 2024“ des Robert-Koch-Instituts stieg die Anzahl der betroffenen Elf- bis 17-Jährigen von 557 im Jahr 2015 auf 973 Fälle im Jahr 2022. Weiterhin erkranken pro Jahr erheblich mehr Unter-18-Jährige, nämlich 4.700, an Diabetes Typ 1 als an Typ 2 (245). Doch die Inzidenz von Typ 2 bei Kindern und Jugendlichen ist in den vergangenen 20 Jahren doppelt so schnell gestiegen wie bei Typ 1, wie Wissenschaftler des Deutschen Diabetes-Zentrums und der Universität Ulm 2025 in der Zeitschrift „Kinder- und Jugendmedizin“ berichteten.
„Die aktuell noch geringen Zahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um ein ernstes Problem handelt“, beurteilt Professor Siegfried Geyer, Medizinsoziologe der Medizinischen Hochschule Hannover, die Entwicklung. Die betroffenen Jungen und Mädchen seien nicht nur früher chronisch krank, mit der Dauer der Erkrankung steige auch das Risiko damit einhergehender Krankheiten. Geyer sorgt sich um die betroffenen jungen Patientinnen und Patienten: „Sie stehen aufgrund der Erkrankung zumeist unter starker individueller Belastung. Denn die Kinder- und Jugendzeit ist ab der Diagnosestellung geprägt von täglich mehrfachem Blutzuckermessen, von einer notwendigen Ernährungsumstellung und von immer wieder zu absolvierenden Terminen bei Spezialisten“, sagt er G+G. Auch später im Erwachsenenalter sei viel Disziplin gefordert, um Folgeerkrankungen wie Durchblutungsstörungen, Nervenschäden und Niereninsuffizienz zu vermeiden oder abzumildern.
Fachgesellschaften und Wissenschaftler wollen die Zunahme der Fallzahlen nicht hinnehmen – zumal sich den Hauptursachen gut vorbeugen lässt. Die sind nach einer Metaanalyse der Athener Professorin Kyriaki Karavanaki und anderen aus dem Jahr 2022 eindeutig: „Die häufigste Ursache von Insulinresistenz sind Übergewicht und Fettleibigkeit.“ Zu den weiteren Risikofaktoren gehören eine erbliche Vorbelastung, Adipositas der Mutter zum Zeitpunkt der Empfängnis, Schwangerschaftsdiabetes der Mutter und ausschließlich Milch und Getreide statt Stillen in den ersten Lebensmonaten. Doch auch Umwelteinflüsse spielen eine Rolle. Feinstaub löst Entzündungen aus, die die Insulinempfindlichkeit verringern können. Dauerlärm stört den Schlaf und treibt damit Blutzucker und Gewicht in die Höhe. Und der Klimawandel mit anhaltenden Hitzeperioden wirkt sich negativ auf die Bewegungsfreude aus.
„Es reicht nicht aus, an die Eigenverantwortung zu appellieren.“
Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft
Die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche mit Diabetes Typ 2 sind derzeit noch begrenzt. Für sie zugelassen sind nur wenige Wirkstoffe wie Metformin und inzwischen auch Liraglutid. Letzteres assoziieren viele Menschen mit Abnehmspritzen, doch das Medikament dient eigentlich der Behandlung einer chronischen Stoffwechselerkrankung und nicht der Gewichtsreduktion. Was andere Wirkstoffe angeht, fehlen bislang noch Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit für Kinder. Solange die nicht vorliegen, bleibt vor allem Prävention, damit die Krankheit erst gar nicht entsteht, sowie die intensive therapeutische Begleitung der bereits betroffenen Jungen und Mädchen.
Doch wie lässt sich dem Auftreten von Diabetes Typ 2 in jungen Jahren vorbeugen? Nach Ansicht der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zieht die Politik immer noch die falschen Schlüsse. „Es reicht nicht aus, an die Eigenverantwortung zu appellieren. Wir brauchen verbindliche rechtliche Rahmenbedingungen, die die gesunde Wahl für Bürgerinnen und Bürger zur einfachen Wahl machen“, sagte Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der DDG und Sprecherin der Deutschen Allianz für Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), Ende 2025 angesichts einer gemeinsamen Initiative beider Organisationen für mehr Präventionsarbeit gegen Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. DDG und DANK fordern unter anderem die Einschränkung von Werbung für ungesunde Lebensmittel, wenn diese sich an Kinder richtet. Sie plädieren ebenso für eine Herstellerabgabe auf stark zuckergesüßte Getränke und eine Mehrwertsteuerentlastung gesunder Lebensmittel. Auch verbindliche Standards für die Schulverpflegung und mehr Bewegung in Schule und Alltag gehören zu den Forderungen.
„Ein solches Maßnahmenpaket würde es allen Menschen in Deutschland erleichtern, sich gesund zu ernähren und mehr zu bewegen, und es könnte mehr Lebensjahre in guter Lebensqualität garantieren“, ist Bitzer überzeugt. „Solange das noch nicht erreicht ist, helfen bei der Prävention ein paar Faustregeln“, ergänzt Geyer und zählt auf: „Vollkorn statt Weißmehl, mehr pflanzliche Lebensmittel, wenig Fleisch, Wasser sowie ungesüßte Getränke bevorzugen.“ Und natürlich sei regelmäßige Bewegung wichtig. Geyer mahnt: „Die Politik muss sich des Problems der steigenden Zahl der jungen Typ-2-Diabetiker dringend annehmen – allein schon, weil es volkswirtschaftlich geboten ist.“
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