Blickwinkel Gesundheitssystem

Kommentar: Nicht blenden lassen

20.10.2026 Philipp Grätzel von Grätz 2 Min. Lesedauer

Digitalisierung im Gesundheitswesen ist mehr als Rechenpower und moderne Algorithmen. Ein Kommentar von Philipp Grätzel von Grätz, freier Journalist mit Spezialisierung auf Medizin- und Technikthemen.

Digitale Illustration einer blauen Leiterplatte mit zahlreichen Leiterbahnen und schwebenden Binärzahlen. In der Mitte befindet sich ein Mikrochip mit einem orange leuchtenden Herzsymbol.
Bis bei der Digitalisierung in Deutschland alles rund läuft, wird noch einige Zeit vergehen.
Philipp Grätzel von Grätz ist freier Journalist mit Spezialisierung auf Medizin- und Technikthemen.

Man muss die Bahn nicht mögen, aber die Einführung des Baustellenbotschafters Max Maulwurf 1994 war ein Erfolg. Das Gesundheitswesen bräuchte auch einen Max Maulwurf. Der sollte nicht so sehr die aktuellen (Digital-)Baustellen auflisten, sondern jene Arbeitspakete, die die Versorgung wirklich voranbringen. Er wäre eine ständige Erinnerung daran, wo es digital pressiert – und ein Bollwerk gegen Bullshit-Bingo.

Was würde auf dem Schild von Max Maulwurf stehen? Bestimmt nicht „Schnell KI einführen“. Eher „Laborbefund digitalisieren“. Das wäre von der Politik um ein Haar auf 2031 verschoben worden, bevor jemandem auffiel, dass das niemandem vermittelbar gewesen wäre. Zumindest die ersten 140 Laborwerte sollen jetzt „schon“ 2028 strukturiert und standardisiert genutzt werden können – nach mehr als zehn Jahren Arbeit. Die nächsten 1.500 kommen dann bis zum Ende der Frist für den Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS), besagtes Jahr 2031. Also, vielleicht.

„Daten, nicht Dokumente, das ist der Weg.“

Philipp Grätzel von Grätz

Auf dem Schild stünde auch „ePA-Upload in Kliniken“ und „Strukturierte Diagnosen etablieren“. Ersteres läuft, aber viel zu langsam. Letzteres erfordert eine Codierung in SNOMED, und darüber sollte Deutschland sich dringend Gedanken machen. Österreich hat gerade ambulante Diagnosen komplett mit SNOMED hinterlegt. Da lohnt es, mal genauer hinzusehen. 

Ja, Deutschland holt derzeit auf. Gut so. Aber ausruhen darf sich niemand. Statt ständig von KI zu reden, sollten die vielen Datenbaustellen schneller abgearbeitet werden. Eine Hausärztin beim TI-Summit der gematik in Leipzig wurde gefragt, ob sie Entlassbriefe brauche. Antwort: Nö. Was sie denn brauche? Laborwerte, Medikationsdaten, Diagnosen, Prozeduren, Allergien. Daten, nicht Dokumente, das ist der Weg. Dann kann man auch irgendwann mal über Künstliche Intelligenz reden. 

Mitwirkende des Beitrags

Optionale Felder sind gekennzeichnet.

Beitrag kommentieren

Alle Felder sind Pflichtfelder.

Datenschutzhinweis

Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.

Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.