Steuerungsdefizite in der Versorgung
Jacobs' Weg: Probleme bei der gesundheitlichen Betreuung von Pflegebedürftigen mit akuten und chronischen Erkrankungen sind aktuell kein Thema. Dabei nimmt deren Zahl ständig zu.
Warum kommen bestimmte Themen auf die gesundheitspolitische Agenda und andere nicht? Gegenwärtig scheint die ungesteuerte Inanspruchnahme von ambulanten Fachärztinnen und Fachärzten – einschließlich der damit verbundenen Wartezeiten – das größte reale Versorgungsproblem zu sein. Dabei gibt es kein gesichertes Wissen, wie groß es tatsächlich ist, was seine Behebung kostet und welche Einsparungen – wenn überhaupt – am Ende erzielt werden können. Aber dass ein Primärversorgungssystem notwendig ist, kann inzwischen als „common sense“ gelten. Allein die konkrete Ausgestaltung scheint noch offen, etwa ob das System für alle Versicherten obligatorisch oder freiwillig ist oder ob es mit oder ohne digitale Ersteinschätzung ausgestaltet wird.
Ein anderes, ständig wachsendes Versorgungsproblem wird dagegen kaum diskutiert: die weitgehend ungesteuerte Inanspruchnahme von Leistungen der Gesundheits- und Pflegeversorgung durch Pflegebedürftige mit akuten oder chronischen Erkrankungen. Sie machen rund ein Drittel aller Krankenhausfälle aus und wären in hohem Maße auf ein wirksames Entlassmanagement angewiesen. Doch wird die Verantwortung allzu oft auf die Hausärzte abgeschoben. Die sind aber auch nicht erpicht auf pflegebedürftige Patienten, denn für Haus- oder Heimbesuche fehlt ihnen meist die Zeit. In so einer Konstellation benötigen Angehörige sehr viel Zeit und gehörige Gesundheits- und Kommunikationskompetenz – erst recht, wenn auch Rehabilitationsmaßnahmen erfolgen sollen.
„Aufsuchende Versorgung überfordert das ambulante System.“
Volkswirt und ehemaliger Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO)
Ein Primärversorgungssystem hat auf diese sehr realen Probleme keine Antwort. Das ambulant-ärztliche System ist strukturell überfordert, wenn Pflegebedürftige mit eingeschränkter oder fehlender Mobilität eine aufsuchende Versorgung brauchen, abgesehen von den geriatrischen Versorgungsbedarfen hochbetagter Menschen. Zumindest in dicht besiedelten Räumen könnten deshalb Medizinische Versorgungszentren speziell für die Versorgung von ambulant und stationär Gepflegten geschaffen werden, gern in gemeinsamer Trägerschaft von Kommunen und Kassen. Darüber sollte endlich diskutiert und die Reformagenda entsprechend angepasst werden.
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