Debatte: Offene Ohren für queere Menschen
Bei queersensibler Pflege geht es um mehr als spezielle Angebote für eine bestimmte Gruppe, sagt Sophie Koch. Die Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt fordert, für ein Umfeld zu sorgen, das Vielfalt als Selbstverständlichkeit begreift.
Pflege in Anspruch zu nehmen, bedeutet für viele Menschen tiefe Einschnitte in ihrem bisherigen Leben zu akzeptieren. Für viele queere Menschen kommen weitere Sorgen hinzu: Die Angst, nicht so akzeptiert zu werden, wie sie sind und die Sorge, im Alter einsam zu werden. Wer heute auf Pflege angewiesen ist, gehört oft einer Generation an, die Homosexualität noch als Straftat erlebt hat oder deren geschlechtliche Identität als Krankheit betrachtet wurde. Viele mussten jahrzehntelang verbergen, wen sie lieben oder wer sie sind. Manche haben Diskriminierung in der Familie, am Arbeitsplatz oder im Gesundheitswesen erfahren. Deshalb geht es bei queersensibler Pflege um mehr als spezielle Angebote für eine bestimmte Gruppe. Es geht um Vertrauen.
Die Frage lautet nicht, ob queere Menschen anders gepflegt werden müssen, sondern ob Pflegeeinrichtungen die Lebensrealität aller Menschen kennen und ernst nehmen. Gute Pflege berücksichtigt Biografien, Beziehungen und individuelle Bedürfnisse. Wer jahrzehntelang um Sichtbarkeit kämpfen musste, darf nicht aus Angst vor Ablehnung wieder in die Unsichtbarkeit gedrängt werden. Dafür braucht es offene Ohren in der Pflege. Pflegekräfte müssen möglichst schon in der Ausbildung für unterschiedliche Lebensrealitäten sensibilisiert werden. Einrichtungen brauchen verbindliche Konzepte gegen Diskriminierung und Ansprechpersonen für Betroffene. Ebenso wichtig ist eine Willkommenskultur: eine Sprache, die niemanden ausschließt, Kooperationen mit queeren Organisationen und ein Umfeld, das Vielfalt als Selbstverständlichkeit begreift.
„Gute Pflege berücksichtigt Biografien, Beziehungen und individuelle Bedürfnisse.“
Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt
Politik kann hierfür die Rahmenbedingungen schaffen. Queere Lebensrealitäten müssen stärker in Aus- und Weiterbildung verankert werden. Qualitätsstandards in Pflege und Gesundheitsversorgung sollten Diskriminierungsschutz ausdrücklich berücksichtigen. Und wir brauchen mehr Daten und Austausch über die Lebenslagen älterer queerer Menschen, um Versorgung gezielt weiterzuentwickeln. Gute Pflege bedeutet Würde erhalten. Niemand sollte im Alter Angst davor haben, Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Eine gute Pflegeeinrichtung ermöglicht, dass niemand die eigene Identität verstecken muss.
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