Artikel Prävention

Dampfen ist das neue Rauchen

20.05.2026 Maria Sinjakowa 8 Min. Lesedauer

Mit E-Zigaretten sichert die Tabakindustrie ihre Pfründe. Doch die Liquids für die Verdampfer enthalten oft den Suchtstoff Nikotin. Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum kritisiert den mangelnden Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Vapes. Sie fordert umfassende Beschränkungen für Aromen und Werbung.

Illustration: Person zwischen rauchender und gesunder Lebenswelt; Zigaretten stehen einer grünen, rauchfreien Umgebung gegenüber.
Rauchverzicht ist Gesundheitsgewinn.

Es ist ein kleiner Gegenstand, kaum größer als ein Textmarker. In zarten Pastellfarben gestaltet, mit süßlich-fruchtigen Aromen und einem inszenierten Hauch von Coolness. Die Rede ist von Einweg-E-Zigaretten, auch Vapes genannt. Diese scheinbar harmlosen Lifestyle-Produkte sprechen gezielt ein junges Publikum an.

Beobachter wie Dr. Katrin Schaller sehen darin eine neue Dynamik des Nikotinkonsums – eine, die sich in sozialen Medien, in Alltagsästhetiken und in regulatorischen Grauzonen entfaltet. Aus Sicht von Schaller, die in der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) arbeitet, sind E-Zigaretten für Jugendliche und junge Menschen besonders interessant, weil sie bunt, billig und in etlichen Aromen erhältlich sind.

Raucheranteil stagniert

Offiziellen Statistiken zufolge ist der Tabakkonsum unter Jugendlichen seit 2006 deutlich zurückgegangen. Seit einigen Jahren stagniert der Raucheranteil jedoch bei rund sechs Prozent. Gleichzeitig haben sich neue Produkte etabliert. E-Zigaretten sind seit 2007 auf dem Markt und gewinnen seit etwa 2014 an Bedeutung. Damit hat sich laut DKFZ-Expertin auch die Einstiegssituation verändert: Nicht mehr ausschließlich die klassische Zigarette stehe am Anfang, sondern auch Produkte wie E-Zigaretten, die anders gestaltet sind und anders vermarktet werden.

Für Schaller ist dabei vor allem das Nikotin problematisch. „Das Nikotin hat ein extrem hohes Abhängigkeitspotenzial, insbesondere wenn es inhaliert wird“, sagt sie. E-Zigaretten gäben Nikotin ähnlich effektiv ab wie klassische Zigaretten. Viele Jugendliche wüssten zudem nicht genau, ob sie nikotinhaltige Produkte verwenden. Der Schritt zur Zigarette könne dadurch kleiner werden. Tatsächlich zeige sich laut Schaller ein Zusammenhang: Jugendliche, die E-Zigaretten nutzen, rauchten später mit höherer Wahrscheinlichkeit.

Andere Länder sind weiter

Diagramm: Balkendiagramm zum Rauchverhalten 2025: Rund ein Drittel der 18- bis 24-Jährigen raucht, bei 14- bis 17-Jährigen etwa zehn Prozent; höhere Werte bei Jungen/Männern als bei Mädchen/Frauen.
Anteil der Tabakrauchenden bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Jahr 2025

Deutschland hat in den vergangenen Jahren beim Nichtraucherschutz zwar Fortschritte gemacht. Die DKFZ-Expertin verweist dabei auf das WHO-Tabakrahmenübereinkommen. Auch die EU hat das Abkommen unterzeichnet und beschließt regelmäßig Vorgaben, die Deutschland umsetzen muss. Das habe hierzulande „auch zu Bewegung geführt“. Aber das reiche nicht, meint Schaller. „Andere Länder sind da deutlich weiter.“

Das gilt besonders beim Schutz von Jugendlichen. Zwar dürfen E-Zigaretten auch in Deutschland nicht an Unter- 18-Jährige verkauft werden. Doch die Umsetzung hakt. Die Expertin sagt: „Die Jugendlichen kommen trotzdem an E-Zigaretten.“ Ihr Eindruck sei, „dass bei E-Zigaretten der Jugendschutz von manchen Verkaufsstellen nicht besonders ernst genommen wird“. Schaller nennt drei zentrale Hebel, um E-Zigaretten für Jugendliche weniger attraktiv zu machen.

Erstens: Preiserhöhungen. Besonders wirksam wären aus ihrer Sicht steuerliche Maßnahmen. Das Liquid werde bereits besteuert. Zusätzlich sollten aber die billigen Einsteigergeräte besteuert werden.

Zweitens: Einheitsverpackungen. Die Expertin fordert eine standardisierte Verpackung „ohne Markenlogo, ohne Farbgebung, also mit einheitlicher Farbe, Schrift, Packungsform und vorgeschriebenem Material“. Ziel sei es, „die Packung so unattraktiv wie möglich zu machen“. Das müsse vor allem für alle Tabakprodukte ebenso gelten wie für E-Zigaretten.

Drittens: Aromen. Schaller plädiert dafür, Aromen einzuschränken entweder auf Tabakaroma oder auf „eine ganz geringe Anzahl klar definierter Aromen“. Produkte mit Geschmacksrichtungen wie Käsekuchen, Bubblegum, Melone oder Vanille machten neugierig und erhöhten die Attraktivität für junge Menschen.

Dauergebrauch als Problem

Ein weiteres Problem liegt laut Schaller in der Nutzung von E-Zigaretten. Eine Zigarette werde angezündet und sei nach wenigen Minuten beendet. An E-Zigaretten werde häufig „permanent rumgenuckelt“, weil man sie vielerorts verwenden könne. Deshalb sei es sinnvoll, E-Zigaretten in die Nichtraucherschutzgesetze der Bundesländer aufzunehmen. Das sei bereits im Bundesnichtraucherschutzgesetz und in der Arbeitsstättenverordnung geschehen, außerdem in einigen Bundesländern. Nun müssten alle Bundesländer ihre Nichtraucherschutzgesetze überarbeiten und E-Zigaretten sowie Tabakerhitzer einbeziehen. Ihr Argument ist nicht nur gesundheitlich, sondern auch sozial relevant: Rauchverbote hätten dazu beigetragen, den Tabakkonsum aus dem Alltag zu verdrängen. Bei E-Zigaretten stehe dieser Wandel noch aus.

„Das Nikotin hat ein extrem hohes Abhängigkeitspotenzial, insbesondere wenn es inhaliert wird.“

Katrin Schaller

Deutsches Krebsforschungszentrum

Werbung in Grauzonen

Während klassische Tabakwerbung zunehmend reguliert ist, entwickelt die Tabakindustrie gezielt Strategien, um bestehende Vorgaben zu umgehen. Die DKFZ-Expertin beschreibt etwa, dass bei Tabakerhitzern in der Werbung häufig nicht der Tabakstick, sondern nur das Gerät inszeniert werde. Formal gilt dieses nicht als Tabakprodukt und unterliegt damit keinen Werbebeschränkungen. Funktional jedoch ist es ohne die zugehörigen Tabaksticks nicht nutzbar. Bei E-Zigaretten sieht Schaller vor allem den Einzelhandel als Akteur. Verkaufsstellen fotografierten ihre Läden, Displays oder Sortimente und veröffentlichten diese Bilder in Sozialen Medien. Besonders unübersichtlich sei der Bereich der Influencer und Social-Media-Inhalte. Die Expertin sagt: „Zum Teil ist schwer zu unterscheiden, was Werbung und was User-Content ist.“ Wenn Menschen mit großen Reichweiten etwa Videospiele streamten und dabei vapten, könne das einen Vorbildcharakter haben, gerade für junge Menschen. Das sei zwar keine Werbung, könne aber „einen Werbeeffekt“ haben. Ihre Schlussfolgerung daher: „Was wir brauchen, ist ein umfassendes Tabakwerbeverbot.“

Großbritannien geht voran

Wie unterschiedlich Staaten auf diese Herausforderungen reagieren, zeigt der internationale Vergleich. In Großbritannien gelte die Tabakprävention seit Jahrzehnten als besonders konsequent umgesetzt, sagt die Expertin. Das Land habe die Maßnahmen des WHO-Tabakrahmenübereinkommens „praktisch alle umgesetzt“ – und zwar „auf sehr hohem Niveau“. Dadurch sei der Raucheranteil in der Bevölkerung deutlich gesunken. Während Deutschland je nach Erhebung bei etwa 30 Prozent liege, rauchten in Großbritannien rund zehn Prozent der Erwachsenen. Entscheidend seien auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Großbritannien habe ein Umfeld geschaffen, „in dem das Rauchen weniger verbreitet und Nichtrauchen zur gesellschaftlichen Norm geworden ist“. Vor diesem Hintergrund gilt auch das sogenannte Generationenverbot als konsequenter nächster Schritt: Das Gesetz sieht vor, dass alle Personen, die ab dem 1. Januar 2009 geboren wurden, lebenslang keine Tabakprodukte mehr legal kaufen dürfen. Dafür wird das gesetzliche Mindestalter für den Kauf von Tabak jährlich um ein Jahr angehoben, sodass diese Jahrgänge die Altersgrenze nie erreichen können.

Warum Deutschland zögert

In Deutschland würden die Maßnahmen aus dem Tabakrahmenübereinkommen sehr zögerlich umgesetzt, sagt Schaller. Die Expertin sieht dafür mehrere Gründe. „Bei uns hat Prävention bislang keinen besonders hohen Stellenwert“, sagt sie. Wenn entsprechende Ansätze umgesetzt werden, richten sie sich häufig an den Einzelnen – mit begrenzter Wirkung, weil das gesellschaftliche Umfeld häufig eher ungesundes Verhalten begünstigt.

Hinzu kommt der Einfluss der Tabakindustrie. Industrieinteressen spielten hierzulande eine wichtige Rolle und würden in politische Entscheidungen einbezogen. Bei der Tabakindustrie sei das besonders problematisch, weil das WHO-Tabakrahmenübereinkommen verlange, den Einfluss der Industrie auf das absolut Notwendige zu begrenzen und transparent zu machen.

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Was wirklich wirkt

Der Public Health Index 2025 – ein gemeinsames Produkt von AOK-Bundesverband und DKFZ – ist in seiner Diagnose deutlich: Deutschland belegt in der Tabakpolitik Rang 17 von 18 untersuchten Ländern. Die Analyse zeigt auch, woran das liegt: zu niedrige Tabaksteuern, weiterhin erlaubte Werbung am Verkaufsort, lückenhafte Rauchverbote. Vor allem aber fehlt es an politischer Konsequenz. Während andere Länder mit größeren, zusammenhängenden Maßnahmen gegen Tabakkonsum vorgehen, setzt Deutschland eher auf kleinere, schrittweise Veränderungen. Ein Beispiel ist die Debatte um die Einweg-E-Zigaretten. Der Bundesrat hat sich mehrfach für ein Verbot ausgesprochen, unter anderem mit Verweis auf Umwelt- und Gesundheitsrisiken. Auch der Bundestag hat die Regierung aufgefordert, ein solches Verbot zu prüfen und sich dabei an Ländern wie Frankreich oder Belgien zu orientieren. Die Bundesregierung hingegen zögert bislang und verweist auf rechtliche Hürden sowie europäische Zuständigkeiten. Dieser Konflikt ist symptomatisch: Es gibt politische Initiativen und wachsenden Druck aus Parlament und Ländern, aber bislang keinen klaren, konsistenten Kurs in der Regulierung.

Gleichzeitig verfügt die Politik aus Sicht von Schaller über Instrumente, die nachweislich zur Reduzierung des Tabakkonsums beitragen. Die wirksamste Einzelmaßnahme sind für die Expertin regelmäßige deutliche Erhöhungen der Tabaksteuern. Entscheidend sei, den Preis kontinuierlich zu erhöhen. Doch sie betont zugleich, dass eine einzelne Maßnahme nicht reiche. Notwendig sei „eine umfassende, verpflichtende Tabakpräventionsstrategie mit klar benannten Maßnahmen, einem klaren Zeitplan und Überprüfungsmechanismen“. Dazu gehörten neben Steuererhöhungen, umfassende Werbeverbote, Einheitsverpackungen, Einschränkungen von Aromen, konsequenter Nichtraucherschutz sowie bessere Kontrollen im Jugendschutz. Auch Kampagnen wie „Rauchfrei im Mai“ könnten dazu beitragen, den Tabakkonsum zu reduzieren.

Das Umfeld muss stimmen

Aber auch hier gilt: Aufklärung allein greift zu kurz. Solche Maßnahmen liefen „ins Leere, wenn das Umfeld gegenteilige Signale sendet“, sagt die Expertin. Wenn Kinder auf dem Schulweg an Zigarettenautomaten vorbeikommen, trägt deren bloße Präsenz dazu bei, Rauchen als Teil des Alltags erscheinen zu lassen. Eine zentrale Erkenntnis, die auch der Public Health Index unterstreicht: Gesundheit entsteht nicht allein durch persönliche Entscheidungen, sondern durch die Bedingungen, unter denen sie getroffen werden. Deshalb brauche es beides, betont Schaller: Verhaltensprävention und Verhältnisprävention. Also Aufklärung, Kampagnen und Schulprogramme und zugleich Rahmenbedingungen, die gesundes Verhalten erleichtern.

Deutschland weiß, was wirkt. Doch es fehlt an politischer und gesellschaftlicher Konsequenz. Die DKFZ-Expertin fordert „eine übergreifende Präventionsstrategie“, die die wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren für große Volkskrankheiten gemeinsam angeht: Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung.

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