G+G Kassentreffen: Vielleicht dann doch lieber Ornithologie?
Die 15. Podcast-Folge des „G+G Kassentreffen – Wer kommt, was geht?": Zu Gast ist Prof. Dr. Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften am Rhein-Ahr-Campus Remagen der Hochschule Koblenz.
Seit 30 Jahren beobachtet und begleitet Professor Stefan Sell die Sozialpolitik in Deutschland – seit 1999 als Professor an der Hochschule Koblenz. Angefangen hat er mal als Krankenpfleger. Mit Linda Peikert und Ralf Breitgoff blickt Sell auf die aktuellen Reformbemühungen der Bundesregierung bei Gesundheit und Pflege und ordnet sie in den sozialpolitischen Kontext ein.
Stefan Sell kommt aus dem Gesundheitheitswesen, hat mal Krankenpfleger gelernt. Nach dem Abitur auf dem sogenannten zweiten Bildungsweg und Zivildienst hat er an der Ruhr-Uni Bochum Sozialwissenschaften studiert. Seine ersten beruflichen Stationen sind eng verknüpft mit der Arbeitsmarktpolitik, die immer noch zu seinen Schwerpunkten zählt. Zunächst ging es ans Landesarbeitsamt Nordrhein-Westfalen und später ans Landesarbeitsamt Baden-Württemberg. Ende der 1990er Jahre wurde er Professor für Wirtschaftswissenschaft und Arbeitsmarktpolitik an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Mannheim. Im März 1999 kam Sell schließlich an die Fachhochschule Koblenz, wo er bis heute tätig ist.
Von der Wiege bis zur Bahre
Die Sozialpolitik ist seit jeher „sein“ Thema, obwohl er heute nicht mehr so sicher ist, ob er diesen beruflichen Weg noch einmal so einschlagen würde. „Ich habe mal etwas flapsig formuliert: Wenn ich jetzt die Möglichkeit hätte, 'ne andere Wahl zu treffen, dann könnte ich mir gut vorstellen, was in Ornithologie oder in Tierfilm-Dokumentation zu machen“, sagt Sell mit einem Augenzwickern.
Am Ende ist jedoch eine gewisse Faszination für die sozialen Themen geblieben. „Es gibt diesen Spruch: Die Sozialpolitik begleitet uns von der Wiege bis zur Bahre. So ist das auch“, betont der 62-Jährige und beschreibt den großen Bogen von der Geburtsklinik und Hebammenversorgung über die Bildungspolitik bis zur pflegerischen und Palliativversorgung, inklusive der Fragen, „wo und wie wir sterben“.
Reformbegriff im Wandel
Sell gehört zu jenen, die politische Entwicklungen oft sehr schnell und sehr pointiert kommentieren. Er mischt sich gerne ein. Allerdings: „Das hat sich verändert“, räumt der gebürtige Schleswig-Holsteiner ein. In den 1990er- und 2000er-Jahren habe er die „distanzierte sozialwissenschaftliche Beobachtung“ immer auch „verkoppelt mit dem Impuls, etwas weiterzuentwickeln, einen Beitrag zu leisten“.
Inzwischen habe sich das Verständnis von Reformen jedoch gewandelt. „In früheren Zeiten hatte dieser Reformbegriff wirklich noch den ursprünglichen Impuls, die Lebenslage der Menschen zu verbessern, auch Gesetzgebung zu verbessern.“ Schmerzlich müsse er feststellen, dass dieser Begriff in den vergangenen Jahren „immer mehr eingedampft“ worden sei. Heute stehe Reform eher für Abbau oder Umbau sozialstaatlicher Leistungen, bedauert Sell.
Der Sozialstaat unter Druck
Pandemie, Inflation, wirtschaftliche Schwäche, demografischer Wandel – der Sozialstaat scheint dauerhaft unter Druck zu stehen. Aus Sells Sicht kommt beides zusammen: eine außergewöhnliche Phase gepaart mit einem grundlegenden Strukturwandel. „Wir stehen vor einer grundlegenden Systemproblematik. Der Großteil der Einnahmen wird ja über lohnbezogene Beiträge generiert.“ Das habe lange gut funktioniert, sei aber ein „Kernproblem der zukünftigen sozialstaatlichen Entwicklung“, viel mehr noch als die Tatsache, dass die Menschen immer älter werden.
Linda Peikert und Ralf Breitgoff sprechen mit Stefan Sell über die strukturellen Hemmnisse nachhaltiger Sozialpolitik, den schwierigen Ausgleich beteiligter Interessengruppen und überraschende Entwicklungssprünge, „die ich damals nicht für möglich gehalten habe“. Außerdem erläutert der Volkswirt und Sozialwissenschaftler, warum es den angeblich nicht mehr finanzierbaren Sozialstaat gar nicht gibt, und wie eine gute Arbeitsmarktpolitik die Krankenkassen entlasten kann.
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