WHO-Bericht offenbart Lohnbenachteiligung von Frauen im Gesundheitswesen
Bereits im Jahr 2022 hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeinsam mit der Internationalen Arbeitsorganisation Zahlen vorgelegt, nach denen Frauen im Gesundheitswesen durchschnittlich rund 20 Prozent weniger pro Arbeitsstunde und 24 Prozent weniger im Monat verdienen als Männer. Im Herbst 2026 legte das europäische WHO-Regionalbüro mit einer aktuellen und auf Europa fokussierten Analyse nach. Deutschland schneidet nicht gut ab.
Pflege ist bekanntermaßen weiblich, das Gesundheitswesen ist es ebenfalls. Unlängst hat die Europäische Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das für ihr Zuständigkeitsgebiet mit Zahlen untermauert: Im Durchschnitt sind 77 Prozent des Personals Frauen, in manchen Ländern sind es sogar 90 Prozent. So heißt es in der im September 2026 erschienenen Publikation „Gender Pay Gap in the Health Care Sector in the WHO European Region“. Diese fokussiert auf Daten zu geschlechterbezogenen Einkommensunterschieden und hat dafür 43 europäische Staaten inklusive der Türkei unter die Lupe genommen. Die Daten stammen im Wesentlichen von der europäischen Statistikbehörde Eurostat.
Die wichtigsten Eckdaten des Reports: Im Durchschnitt verdienen Frauen im Gesundheitswesen in den untersuchten Ländern 19 Prozent weniger pro Stunde; schaut man auf die Monatsgehälter, so sind es sogar 28 Prozent weniger. Bei beiden Werten stehen Frauen, die im Gesundheitswesen arbeiten, schlechter da als in anderen Branchen. Dort liegt der Gender Pay Gap nämlich lediglich bei 13 Prozent pro Stunde und bei Monatsgehältern beträgt er nur 24 Prozent, also sechs beziehungsweise vier Prozentpunkte weniger.
Deutscher Gender Pay Gap höher als der Durchschnitt
Deutschland ist bei der Bezahlungsgerechtigkeit alles andere als ein Vorbild und sein Gesundheitswesen erst recht nicht. Der Gender Pay Gap liegt hierzulande nach der neuen WHO-Publikation im Gesundheitswesen mit knapp 24 Prozent bei den Stunden und fast 40 Prozent bei den Monatsgehältern fünf beziehungsweise zwölf Prozentpunkte über den europäischen Durchschnittswerten. Auch in allen anderen Berufsgruppen fallen die Unterschiede in Deutschland mit rund 17 Prozent bei den Stunden und etwas über 30 Prozent bei den Gehältern überdurchschnittlich aus, allerdings weniger stark (vier beziehungsweise sechs Prozentpunkte). Ramy Srour vom Regionalbüro Europa der WHO weist allerdings gegenüber G+G darauf hin, dass er statt der Rohzahlen faktorgewichtete Daten aussagekräftiger findet. Bei denen sind Ausbildung, Alter, Arbeitsvertrag und andere Faktoren berücksichtigt. Danach wäre der Gender Pay Gap im deutschen Gesundheitswesen pro Stunde nur knapp zwölf und pro Monat knapp 18 Prozent. Srour: „Der erhebliche Unterschied zwischen den unbereinigten und den bereinigten Schätzungen unterstreicht, wie wichtig es ist, bei der Interpretation der Lohnlücke zwischen den Geschlechtern die Zusammensetzung der Belegschaft, die Berufsstruktur, die Arbeitszeitmuster sowie weitere relevante Faktoren zu berücksichtigen.“
Zahlen nennt auch das Statistische Bundesamt auf seiner Internetseite. Seit 1995 schreibt die Bundesoberbehörde Erhebungen zum Thema fort. Nach diesen betrug der allgemeine unbereinigte Gender Pay Gap, der sich am Bruttostundenverdienst ausrichtet, in den Jahren 2024 und 2025 jeweils 16 Prozent und ist damit seit 2012 (23 Prozent) rückläufig. Auffällig bei den Zahlen der Statistikbehörde ist, dass die erst seit 2006 erhobenen ostdeutschen Zahlen konstant erheblich unter den westdeutschen liegen und in allen Erfassungsjahren einstellig waren. Zuletzt betrug der Gender Pay Gap in den neuen Ländern in den Jahren 2024 und 2025 fünf Prozent. Neben dem unbereinigten Gender Pay Gap erhebt das Statistische Bundesamt auch den sogenannten Gender Pay Gap Arbeitsmarkt. Dieser betrachtet außer der Verdienstlücke pro Stunde auch die Unterschiede in der bezahlten monatlichen Arbeitszeit und in der Erwerbsbeteiligung von Männern und Frauen. Anlässlich des Equal Pay Day am 27. Februar 2026 bezifferte das Statistische Bundesamt den Gender Pay Gap Arbeitsmarkt auf Basis der Zahlen von 2025 auf 37 Prozent.
Auch die Apo-Bank wertet Zahlen aus
Zahlen zum Gender Pay Gap im deutschen Gesundheitswesen, die die Eurostat-Zahlen bestätigen oder von ihnen abweichen, nennt das Statistische Bundesamt auf seiner Homepage nicht. Eine gute Übersicht zum Stand der Gleichstellung mit Zahlen zu verschiedenen Branchen liefern aber Reporte des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung (WSI). Diese hat Svenja Pfahl vom Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer in den Jahren 2023 und 2025 mit jeweils drei Co-Autoren für das WSI vorgelegt. Die Wissenschaftler kommen im Report von 2025 beim Bruttoverdienst im Gesundheitswesen auf einen Stundenlohn von 22,37 Euro für Frauen und 31,54 Euro für Männer. Das macht einen Gender Pay Gap von 29 Prozentpunkten. Von den aufgelisteten Branchen ist dieser Wert nur bei den mit Finanz- und Versicherungsdienstleistungen verbundenen Tätigkeiten (31 Prozentpunkte) und der Rechts- und Steuerberatung (30 Prozentpunkte) höher. Über alle Branchen hinweg machen die Autoren einen Gender Pay Gap von 18 Prozentpunkten aus. Allerdings sind auch die Stundenlöhne mit Durchschnitt aller Branchen mit 20,84 Euro bei Frauen und 25,30 Euro bei Männern niedriger.
Online finden sich zudem aufschlussreiche Einzelauswertungen. So nannte anlässlich des internationalen Frauentages 2026 die Deutsche Apotheker- und Ärztebank (Apo-Bank) Zahlen, die aus von ihr selbst vorgenommenen Gehaltsauswertungen stammen. Danach beträgt der Gender Pay Gap in der Humanmedizin bei den Gehältern 21 Prozent. Für Festgehälter von Zahnärzten machte die Apo-Bank einen deutlichen Rückgang der Lohnlücke von 33 Prozent im Jahr 2021 auf nur noch neun Prozent im Jahr 2025 aus. Bei umsatzabhängigen Zahnarztvergütungen liegt der Gender Pay Gap nach Angaben der Apo-Bank mit 20 Prozent im Jahr 2025 leicht über dem Gender Pay Gap von 2021.
Gender Pay Gap steigt mit Stundenlohn
Doch worauf sind die Verdienstunterschiede von Männern und Frauen zurückzuführen? Für die untersuchten europäischen Länder liefert der WHO-Bericht einige aufschlussreiche Details. So haben die Studienmacher anhand der Stundenlöhne das Personal in zehn Gruppen mit jeweils gleicher Anzahl eingeteilt und festgestellt: je höher der Stundenlohn, desto höher ist auch der Gender Pay Gap. Die Zahlen reichen hier von zwei bis 23 Prozent. Danach haben die Autoren die Gehaltsgruppen und die Relation von Männern und Frauen in diesen Gehaltsgruppen angeschaut. Dabei zeigte sich, dass überdurchschnittlich viele Frauen schlechter bezahlte Tätigkeiten ausüben und überdurchschnittlich viele Männer gut bezahlte. Besonders auffällig war der Unterschied im obersten Prozent. Während im Durchschnitt 77 Prozent der Beschäftigten weiblich sind, sind es bei dem einen Prozent der Topverdiener nur 55 Prozent.
Der WSI-Report von 2023 liefert zu diesem Thema auch Zahlen für Deutschland. Danach sind 33 Prozent der Männer im deutschen Gesundheitswesen in leitender Stellung, aber nur 13 Prozent der Frauen. Das bedeutet: Das deutsche Gesundheitswesen wird zwar zu über 74 Prozent von Frauen getragen, doch Frauen arbeiten hauptsächlich hierarchisch unter Männern. Die Arbeitsmarkt- und Bildungsforscherin Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ordnet das für G+G so ein: „Frauen sind vielfach in Teilzeit beschäftigt. Teilzeit ist oft eine Jobbremse und führt eben nicht in Führungspositionen.“ Tätigkeiten im Gesundheitswesen seien enorm belastend und mit Schichtarbeit verbunden – je weiter unten in der Hierarchie, desto mehr. „Aufgrund der Stressoren ist die Beschäftigungsdauer von Frauen im Gesundheitswesen kürzer als in anderen Berufen. Das vergrößert dann auch noch die Gefahr für Altersarmut.“
WHO fordert Staaten zum Handeln auf
Der WHO-Bericht kann einen großen Teil der Unterschiede auf Faktoren wie Alter, Bildung, Sektor und Arbeitszeit zurückführen, doch es bleibt eine Restlücke bei den Arbeitsstunden von sechs Prozent und beim Gehalt von zehn Prozent. Diese Lücke, so die WHO, deutet auf eine geringere Wertschätzung weiblicher Arbeit, auf Unterschiede bei der beruflichen Weiterentwicklung und den potenziellen Einfluss von Diskriminierung inklusive institutioneller Diskriminierung hin. Sie fordert daher mehr Lohntransparenz, Gleichstellungsgesetze, die gezielte Förderung von Aufstiegschancen von Frauen, die Auseinandersetzung mit Unterbewertung feminisierter Berufe, mehr Diversität und Inklusion. Der Blick auf die deutschen Zahlen zeigt: Auch Deutschland hat hier Hausaufgaben zu machen.
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