Was gute Pflege künftig braucht

Unter dem Titel „Pflegereform – die Zeit drängt“ gaben Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Pflege beim fünften Hessischen Gesundheitsform der AOK Hessen wichtige Anregungen für die bevorstehende Pflegereform.

Teilnehmer des Hessischen Gesundheitsforums 2026 diskutieren über die Zukunft der Pflege.
Die Teilnehmer des Hessischen Gesundheitsforums, hier Markus Juch, Ute Stettner, Moderator Thomas Hommel, Isabella Erb-Herrmann und Martin Hußing (v. li.), diskutierten verschiedene Ansätze, wie die Zukunft der Pflege nachhaltig gesichert werden könnte.
Detlef Lamm, Vorstandsvorsitzender der AOK Hessen, bei seiner Begrüßung auf dem Hessischen Gesundheitsforum 2026

Der Reformdruck in der Sozialen Pflegeversicherung Die Pflegeversicherung wurde 1995 als fünfte Säule der Sozialversicherung eingeführt. Ihre Aufgabe… (SPV) ist hoch. Das machte Detlef Lamm, Vorstandsvorsitzender der AOK Die AOK hat mit mehr als 20,9 Millionen Mitgliedern (Stand November 2021) als zweistärkste Kassenart… Hessen, gleich zu Beginn in seiner Eröffnungsrede deutlich. „Die Pflegeversicherung ist eine etablierte Säule des deutschen Sozialstaates. Mehr als sechs Millionen Menschen beziehen hier derzeit Leistungen und jedes Jahr kommen rund 300.000 Menschen hinzu“, betonte Lamm vor den knapp 100 Besucherinnen und Besuchern, die der Einladung der AOK Hessen gefolgt waren. Allerdings fehlten, so Lamm weiter, im kommenden Jahr rund 7,5 Milliarden und 2028 bereits 15 Milliarden Euro, die ohne schnelle Reformen nur über Beitragssatzsteigerungen finanziert werden könnten. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, steigender Bedarfe und knapper Personalressourcen in der Pflege Kann die häusliche Pflege nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden, besteht Anspruch auf… brauche es künftig neue Wege der Versorgung sowie strukturelle Anpassungen mit Blick auf eine nachhaltige Finanzierung. „Eine gute und bezahlbare Versorgung ist auch entscheidend für den sozialen Zusammenhalt“, betonte der Chef der AOK Hessen und warnte davor, eine Reform als reines Spargesetz misszuverstehen. Es müsse stattdessen grundlegend geklärt werden, wie Pflege künftig organisiert werden soll.

Wie Pflegebedürftigkeit hinauszögern?

Diana Stolz, Gesundheits- und Pflegeministerin in Hessen.

Hessens Gesundheits- und Pflegeministerin Diana Stolz (CDU) konnte dem in ihrem Auftaktvortrag nur zustimmen: „Ich finde in der aktuellen Diskussion den alleinigen Blick auf die Kosten sehr verkürzt. Wir machen nicht Politik für Zahlen. Wir machen Politik für Menschen.“ Gerade im Bereich Pflege müsse deshalb mehr über das Thema Prävention Prävention bezeichnet gesundheitspolitische Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen,… nachgedacht werden, so Stolz. „Es muss in den Blick genommen werden, wie sich Pflegebedürftigkeit Mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) vom 27. November 2015 wurde der Begriff der… herauszögern – und wenn sie eintritt, verlangsamen – lässt.“ Wer das nicht tue, so die hessische Pflegeministerin, begehe nicht nur finanziell einen großen Fehler. Für das Gelingen künftiger Reformen betonte die Ministerin die wichtige Rolle der Kommunen. Ihr Land überlasse diesen einen Großteil des hessischen Anteils am Sondervermögen des Bundes für Infrastruktur. Dieses Geld könnten sie dann unter anderem nutzen, um ihren Aufgaben als Caring Communities besser nachzukommen. 

Auch die Hallenser Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Gabriele Meyer betonte in ihrer Keynote die wichtige Rolle der frühzeitigen Gesundheitsförderung ist ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über… . Die Verdreifachung der Anzahl von Menschen mit Pflegegrad Mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) sind zum 1. Januar 2017 in der Pflegeversicherung die… seit 1999 erfordere es, verstärkt die Prävention von Pflegebedürftigkeit in den Blick zu nehmen. „Angebote der Prävention von Pflegebedürftigkeit sind allerdings keinesfalls vom Nachweis ihrer Wirksamkeit, Sicherheit und Kostenwirksamkeit befreit“, so Meyer, die bis 2023 Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen Das Gesundheitswesen umfasst alle Einrichtungen, die die Gesundheit der Bevölkerung erhalten,… und in der Pflege (SVR) war. Pflege sei ein kostbares Gut geworden, daher dürften pflegerische Ressourcen auch wirklich nur für evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen genutzt werden. Neben der Prävention von Pflegebedürftigkeit benannte Meyer den Ausbau von Caring Comunities als einen weiteren wichtigen Baustein für eine kommende Pflegereform.

Moderator Thomas Hommel von der Ärzte-Zeitung führte durch die Veranstaltung und die drei folgenden Talkrunden. Mit „Pflege als Gemeinschaftsaufgabe“ und „Blick in den Pflegealltag“ waren die ersten beiden Runden überschrieben. Stand in ersterer eher die Bedeutung von Prävention, Pflegeforschung und Kommunen im Vordergrund, bekamen in der zweiten Talkrunde Menschen ein Forum, die selber in der Pflege arbeiten bzw. einen Angehörigen selber pflegen. In Talkrunde drei mit Abgeordneten des hessischen Landtages wurden dann die parteipolitisch unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen deutlich. 

Pflege als Gemeinschaftsaufgabe

Isabella Erb-Herrmann, Mitglied des Vorstandes der AOK Hessen, Nina Urban, Angela Opitz, Kira Bork, Robert Ringer (alle aus dem Pflegebereich der AOK Hessen) und Detlef Lamm, Vorstandsvorsitzender der AOK Hessen (v. li.), auf dem Podium des Hessischen Gesundheitsforums 2026.

Dr. Isabella Erb-Herrmann erinnerte daran, dass die Pflegeversicherung jährlich Milliarden für versicherungsfremde Leistungen ist die Bezeichnung für Leistungen der Sozialversicherung , die nicht zu deren eigentlichem Auftrag… ausgibt – etwa Rentenbeiträge für pflegende Angehörige oder Corona-Hilfen, die der Bund bis heute nicht ausgeglichen hat. Würden Länder und Bund ihre gesetzlichen Verpflichtungen erfüllen, könnten stationär Gepflegte um bis zu 500 Euro monatlich entlastet werden, so die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der AOK Hessen.

Ute Stettner betonte die zentrale Rolle der Kommunen, die Pflegeakteure vor Ort miteinander zu vernetzen. Dafür stünden Bundesmittel aus dem Infrastrukturfonds bereit – ob sie reichen, müsse sich allerdings erst noch zeigen, so die Abteilungsleiterin „Pflege und Öffentliche Gesundheit“ im Hessischen Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege. Sie warb dafür, Pflege als gemeinschaftliche Aufgabe positiv zu besetzen.

Martin Hußing vom Landespflegerat forderte, die Kompetenzen der Pflege evidenzbasiert zu erweitern und gleichzeitig nicht-pflegerische Aufgaben abzugeben. Hessen brauche dringend einen Pflege-Lehrstuhl, um Versorgungsforschung ist eine Weiterentwicklung der Gesundheitssystemforschung, die sich mit Versorgungsstrukturen,… voranzubringen. Bürokratieabbau sei essenziell, damit Pflegekräfte das tun können, wofür sie ausgebildet wurden.

Dr. Markus Juch von der Liga der Freien Wohlfahrtspflege verwies auf die Verantwortung der Kommunen, Pflege im Sozialraum zu gestalten. Prävention und Rehabilitation Die Weltgesundheitsorganisation versteht unter Rehabilitation alle Maßnahmen, die darauf abzielen,… seien in der stationären Pflege nach wie vor unterentwickelt, weil Anreizstrukturen fehlten. Forschung müsse helfen, diese evidenzbasiert aufzubauen.

Pflegealltag: Überforderung, Bürokratie und fehlende Plätze

Wie groß die Lücke zwischen System und Realität ist, zeigte die zweite Talkrunde. Kira Bork von der AOK-Pflegeberatung Bei der Pflegeberatung handelt es sich um eine individuelle Beratung und Hilfestellung durch eine… sprach von einem „Pflegedschungel“, in dem sich Betroffene kaum zurechtfinden. Unterschiedliche Budgets, komplizierte Anträge und länderspezifische Unterschiede überforderten viele. Sie plädierte dafür, Leistungen zu bündeln und das System zu vereinfachen.

Susanne Zellner vom Selbsthilfeverband „Wir pflegen!“ schilderte eindrücklich die Belastung pflegender Angehöriger. Nach der Einstufung in einen Pflegegrad würden Betroffene mit Informationen und Formularen überhäuft. Kurzzeitpflegeplätze seien in Hessen extrem knapp, Reha-Angebote nur mit viel Mühe nutzbar, wenn parallel die Versorgung des Gepflegten organisiert werden müsse. Besonders Familien mit pflegebedürftigen Kindern seien strukturell benachteiligt.

Tobias Schreiber, Wohnbereichsleiter in der stationären Pflege, lobte die gute Zusammenarbeit mit Angehörigen, kritisierte aber die erdrückende Bürokratie. Von zwei Stunden Pflegezeit Die 2008 mit dem Pflegezeitgesetz eingeführte Pflegezeit ermöglicht es Beschäftigten, sich für… pro Bewohner müssten teilweise bis zu 90 Minuten für die Dokumentation verwendet werden – ein Missverhältnis, das dringend korrigiert werden müsse.

Reformdruck wächst – aber Einigkeit über den Weg fehlt

Stefanie Klee (Mitte; CDU) im Gespräch mit Moderator Thomas Hommel (li.) und Daniela Sommer von der SPD sowie der Keynote-Speakerin Gabriele Meyer.

In der dritten Talkrunde wurde klar, dass die Notwendigkeit einer Reform unstrittig ist – die Wege dorthin aber politisch umkämpft bleiben. Stefanie Klee, Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion für Pflege, erinnerte daran, dass strukturelle Probleme lange ignoriert wurden. Nun fehlten sowohl Geld als auch Personal, um weiterzumachen wie bisher.

Auch Dr. Daniela Sommer, gesundheitspolitische Sprecherin der hessischen SPD-Fraktion, warnte davor, Reformen auf Kostendebatten zu reduzieren. Viele Verbesserungen – etwa Bürokratieabbau oder stärkere Einbindung der Pflegenden – seien ohne große finanzielle Mittel möglich.

Katrin Anders, Sprecherin der Grünen für Gesundheit und Pflege, forderte eine klare Neuordnung der Verantwortlichkeiten in der Pflege sowie den Abbau ineffizienter paralleler Strukturen. Eine echte Reform müsse nicht nur Einsparpotenziale erschließen, sondern zugleich die Voraussetzungen für langfristige Investitionen schaffen – etwa in Tagespflegeplätze, Digitalisierung und Ausbildung.

Yanki Pürsün, Sprecher der FDP-Landtagsfraktion für Gesundheit, Soziales, Sport und Integration, bestätigte die Kritik der Pflegeprofis an zu viel Bürokratie und kritisierte, dass viele der Vorschläge zur Entbürokratisierung aus der Pflegebranche nicht umgesetzt wurden. 

Pflegewissenschaftlerin Meyer erinnerte daran, dass die Pflegeversicherung trotz aller Probleme eine Erfolgsgeschichte sei. Doch ineffiziente Strukturen und profitorientierte Marktmechanismen erforderten eine neue Form der Steuerung.