Interview Versorgung

„Älteren fehlen oft Informationen zum Umgang mit digitalen Angeboten"

13.05.2026 Irja Most 6 Min. Lesedauer

Digitale Angebote sollen den Zugang zur medizinischen Versorgung verbessern. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) setzt sich mit der Initiative Digitalpakt Alter dafür ein, ältere Menschen gezielt beim Umgang mit digitalen Technologien zu unterstützen. Die Förderperiode wurde unlängst von der Bundesregierung verlängert. Wie ältere Menschen bei der voranschreitenden Digitalisierung nicht außen vor bleiben, erläutert die BAGSO-Vorsitzende Dr. Regina Görner.

Ein Senior schaut auf den Bildschirm seines Notebooks, auf dem ein Arzt zu sehen ist.
Für ältere Menschen kann der Umgang mit digitalen Gesundheitsdiensten eine große Herausforderung sein. Der DigitalPakt Alter will die Kompetenzen stärken.

Die Bundesregierung will die Digitalisierung im Gesundheitswesen weiter vorantreiben. Im Zentrum stehen aktuell die Weiterentwicklung der Digitalisierungsstrategie sowie ein Primärversorgungssystem. Was gilt es bei der Digitalisierung in diesem Sektor zu beachten, damit niemand abgehängt wird?

Dr. Regina Görner: Am wichtigsten ist, dass die Menschen überhaupt Zugang zu diesen Technologien haben. Dafür müssen sie über die nötigen Geräte verfügen. Das ist noch keineswegs überall der Fall. Bei einem für Ältere so zentralen Thema wie der Gesundheit muss es deshalb weiterhin immer die Möglichkeit eines analogen Zugangs geben. Das gilt besonders für ältere Menschen, für die eine gute Behandlung von Krankheiten viel wesentlicher ist als für Jüngere. 

Wo lauern Fallstricke?

Görner: Wenn es nur noch den Online-Zugang zum Arzttermin gibt, erschwert das älteren Menschen ohne Internet, einen Termin zu vereinbaren, oder es schreckt sie gänzlich ab. Die Einführung der elektronischen Patientenakte ist zwar grundsätzlich zu begrüßen. Menschen ohne Erfahrung im Umgang mit digitalen Medien können jedoch nicht nachvollziehen, was sie bedeutet, und auch nicht eigenverantwortlich mit ihr umgehen. Andererseits kann Künstliche Intelligenz für ältere Menschen sehr nützlich und wirkungsvoll sein. Doch gerade im Gesundheitsbereich muss man immer genau schauen, wie ein guter und sinnvoller Einsatz gelingt.

„Weniger häufige Veränderungen und die Standardisierung von Oberflächen kämen allen zugute.“

Regina Görner

Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO)

Welche Probleme gibt es noch?

Görner: Die Geräte für die Teilhabe müssen generell besser bedienbar sein. Schwierig wird es zum Beispiel, wenn sich durch Updates die Benutzeroberfläche ändert oder Apps ihr Design verändern. Das zwingt die Menschen, die Anwendung jedes Mal wieder neu zu erlernen. Weniger häufige Veränderungen und die Standardisierung von Oberflächen kämen allen zugute, nicht nur Älteren. Ich habe den Eindruck, wenn ich diese Punkte anspreche, sind viele Menschen ganz erleichtert, dass das mal jemand sagt. Digitale Geräte sind eben nicht selbsterklärend, auch wenn das immer wieder behauptet wird.

Die Anwendungen sind also zu kompliziert?

Görner: Ja, ich sehe viel zu viel schlechte Technik in diesem Bereich. Das ist kein Wunder, denn Ältere werden in der Regel nicht in die Entwicklung von digitalen Anwendungen einbezogen. Es muss viel entschiedener darauf geachtet werden, ob die Nutzerfreundlichkeit wirklich gegeben ist. Es kann doch nicht sein, dass die Leute sagen: Die Digitalisierung hilft mir nicht, ich habe jetzt mehr Probleme als früher und werde immer unsicherer. Oft genug liegen die Probleme in den Anwendungen und nicht bei den Nutzerinnen und Nutzern. So wächst der Grundärger in der Bevölkerung immer weiter.

Foto: Porträt von Dr. Regina Görner, Vorsitzende der BAGSO–Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen.
Dr. Regina Görner, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO)

Eine intuitive Bedienung ist somit unerlässlich?

Görner: Wir wissen aus Sport- und Bildungsforschung, dass es ungefähr 10.000 Wiederholungen bedarf, ehe Bewegungen automatisiert ablaufen. Das Gehirn muss erst dann nicht mehr den Auftrag für einzelne Schritte geben, sondern man greift automatisch nach dem richtigen Knopf. Das ist durch eine neue Technologie nicht aus der Welt geschafft. Unsere Gehirne funktionieren nach wie vor so.

Wie hilft der DigitalPakt Alter weiter?

Görner: Daten zeigen, dass Ältere inzwischen viel häufiger im Netz sind als früher. Dazu hat der Digitalpakt Alter einen Beitrag geleistet. In lokalen Initiativen, den sogenannten Erfahrungsorten, können sich Menschen von zumeist ehrenamtlichen Expertinnen und Experten beraten lassen ohne Scheu vor vermeintlich dummen Fragen. Dort hinzugehen, ist für viele schon ein großer Schritt in Richtung digitale Teilhabe. 

Gesundheit war zuletzt ein Schwerpunkt des DigitalPakt Alter. Welche Hürden haben sich in den Erfahrungsorten gezeigt?

Görner: Ältere Menschen nehmen Anwendungen wie E‑Rezept, elektronische Patientenakte oder Videosprechstunden oft als komplex wahr, weil ihnen grundlegende Informationen zum Umgang mit den digitalen Angeboten fehlen. Zudem bestehen Barrieren beim Zugang und in der Nutzung, etwa weil Endgeräte nicht aktuell genug sind. Auch durch sensorische Einschränkungen oder nicht altersgerecht gestaltete Anwendungen entstehen für ältere Menschen Probleme. Häufig herrscht zudem Skepsis in Bezug auf Datenschutz und Datensicherheit gerade bei sensiblen Gesundheitsdaten. Und schließlich hemmt die Angst vor dem möglichen Verlust persönlicher Arzt‑Patient‑Kontakte die Akzeptanz digitaler Angebote.

DigitalPakt Alter geht in neue Phase

Die Bundesregierung unterstützt nach eigenen Angaben Kommunen bei der Förderung digitaler Teilhabe älterer Menschen unter anderem durch den DigitalPakt Alter, der mit dem Jahr 2026 in eine neue Phase tritt und auf die breite Verankerung digitaler Teilhabe in Kommunen abzielt. Ziel ist der Auf- und Ausbau kommunaler Strukturen, um wohnortnahe Unterstützungsangebote für ältere Menschen zu schaffen. Ab 2027 wird es laut Bundesregierung ein für Kommunen spezifisches Förderprogramm geben, um tragfähige, wohnortnahe Strukturen und die Stärkung der digitalen Daseinsvorsorge auf kommunaler Ebene voranzutreiben.

Schwerpunkte der Förderperiode bis Ende 2029 im Überblick:

  • Förderung von Kommunen: Aufbau von kommunalen Strukturen zum digitalen Kompetenzerwerb Älterer
  • Ausbau der Vor-Ort-Angebote, der Erfahrungsorte, um wohnortnahe Angebote zu schaffen
  • Austausch mit Unternehmen, um Ältere bei Entwicklungsprozessen von digitaler Technik einbinden zu lassen
  • Ausbau der Landkarte auf der Website des DigitalPakt Alter, um alle wohnortnahen Initiativen in Deutschland aufzuzeigen

     

Wie ist es um die digitale Gesundheitskompetenz generell bestellt?

Görner: Die digitalen Kompetenzen unter den rund 20 Millionen älteren Menschen in Deutschland sind sehr unterschiedlich. Es gibt sowohl Expertinnen und Experten als auch Anfängerinnen und Anfänger sowie Ältere, die das Internet gar nicht nutzen. Zu den Offlinern gehören vor allem Ältere mit gesundheitlichen Einschränkungen und Pflegebedarf. Menschen also, die konkret auf Gesundheits- und Pflegedienstleistungen angewiesen sind. Deshalb müssen alle am Versorgungsprozess Beteiligten wie Arztpraxen, Apotheken und Krankenkassen, aber auch Vereine und Kommunen mithelfen, die Gesundheitskompetenz aller Menschen nachhaltig zu stärken.

Was will der Digitalpakt Alter künftig noch erreichen?

Görner: Digitale Teilhabe gehört zur kommunalen Daseinsvorsorge. Deshalb unterstützt der DigitalPakt Alter gezielt Kommunen dabei, verlässliche Strukturen aufzubauen, die älteren Menschen einen selbstbestimmten Zugang zur digitalen Welt ermöglichen. Dies ist nur möglich in Zusammenarbeit mit unseren vielen Partnern wie dem Deutschen Volkshochschulverband oder dem Deutschen Bibliotheksverband. Auch einzelne Erfahrungsorte werden weiter ausgebaut. Unser Ziel ist es, deutschlandweit ausreichend Angebote zu schaffen, um Älteren wohnortnah Hilfe bei digitalen Fragen anbieten zu können. Dafür arbeitet der DigitalPakt Alter auch mit Wirtschaftsunternehmen zusammen. 

Mitwirkende des Beitrags

Irja Most

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