Arzneimittelkosten steigen 2027 voraussichtlich langsamer
Die Arzneimittelkosten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) werden 2027 voraussichtlich um 2,2 bis 2,8 Prozent steigen. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) erwartet damit einen deutlich schwächeren Anstieg als im laufenden Jahr. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Arzneimittelnettokosten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,4 Prozent auf 32,5 Milliarden Euro. Für 2026 rechnet das Institut insgesamt mit einem Plus von etwa 5,5 Prozent. Grund für den schwächeren Anstieg 2027 sind vor allem zusätzliche Herstellerabschläge, die die Kassen um knapp 2,5 Milliarden Euro entlasten sollen. „Die absehbare kurzfristige Drosselung der Ausgabendynamik im kommenden Jahr ist noch keine dauerhafte Lösung. Sie verschafft uns nur etwas Zeit“, ordnete WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder die Entwicklung ein.
Wie hoch die Entlastung tatsächlich ausfällt, ist laut WIdO noch offen. Eine wichtige Rolle spiele dabei die geplante Standortklausel. Sie soll Herstellern unter bestimmten Voraussetzungen eine teilweise oder vollständige Befreiung von den zusätzlichen Abschlägen ermöglichen. Berücksichtigt werden sollen etwa klinische Prüfungen sowie Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsaktivitäten in Deutschland. Je weiter die Ausnahmen reichen, desto geringer fällt die Entlastung für die GKV aus. Die Gegenfinanzierung ist bislang ungeklärt. Das WIdO sieht daher weiter strukturellen Reformbedarf bei der Preisbildung von Medikamenten. Auch die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann, warnte vor den Folgen der Standortklausel. Sie bezeichnete sie als „offene Flanke“ und Risiko für massive Preissteigerungen und forderte weitere Strukturreformen, insbesondere beim Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG).
Bei den Kosten fallen patentgeschützte Arzneien besonders ins Gewicht. Sie verursachten 2025 mit 34,4 Milliarden Euro rund 55 Prozent der gesamten Nettokosten, obwohl ihr Anteil an den verordneten Tagesdosen nur gut sieben Prozent betrug. Deutliche Unterschiede zeigen sich auch zwischen den Therapiegebieten: Krebs- und Immuntherapien verursachten zusammen 37,6 Prozent der Arzneimittel-Nettokosten, machten aber nur knapp drei Prozent der verordneten Tagesdosen aus. Bei Herz-Kreislauf-Mitteln entfielen dagegen 50,6 Prozent der Tagesdosen auf 14,3 Prozent der Nettokosten. Aus Sicht des WIdO bleiben Wettbewerb und Rabattverträge unverzichtbar. Die Einsparungen der Krankenkassen durch Arzneimittel-Rabattverträge lagen 2025 bei rund 6,8 Milliarden Euro. (ts)
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