Debatte um digitale Tools bei der Primärversorgung
Die Rolle digitaler Tools im geplanten Primärversorgungssystem ist unter Experten umstritten. Das zeigte eine Diskussionsrunde auf Einladung des GKV-Spitzenverbandes. Die Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin am Uniklinikum Jena und Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Jutta Bleidorn, riet dazu, die digitale Ersteinschätzung nicht überzubewerten. Sie sei „nicht so trivial, wie es sich anhört“. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten, dass solche Systeme im Zweifel „immer auf Nummer sicher“ gingen und eher mehr Arztkontakte auslösten. Nötig sei eine „sehr gute Evaluation“, was damit „wirklich gewonnen“ werde.
Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen warnte bei der Veranstaltung „GKV live“ am Dienstagabend vor einer Verengung der Reform auf Technik. Digitalisierung werde teils zur „heilsbringenden Wunderpille“ erhoben. Aus einer großen Strukturreform dürfe am Ende nicht „nur eine App“ werden. Patienten wollten „nicht gesteuert werden“, sondern „ihr Problem gelöst haben“. Entscheidend seien die verbindliche Einschreibung in eine Primärversorgungspraxis und die Steuerung nach Dringlichkeit – nicht ein „Bollwerk an Terminmanagement-Systemen“.
Tino Sorge (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, wandte sich gegen eine „Entweder-Oder-Diskussion“. Digitale Ersteinschätzung, Chatbots oder KI sollten den Arztkontakt ergänzen, nicht ersetzen. Für den Sommer kündigte er einen „guten Vorschlag“ zum Primärversorgungsgesetz an. In den Fachdialogen gehe es nun um die konkrete Ausgestaltung, etwa der Terminvergabe und der interdisziplinären Zusammenarbeit. Ziel sei ein „lernendes System“, das je nach Dauer des parlamentarischen Verfahrens Anfang 2027 starten könne.
Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, sieht in digitaler Navigation einen Mehrwert. Viele Versicherte seien derzeit nicht ausreichend orientiert. Ein qualitätsgesichertes „Navigationstool“, etwa per Krankenkassen-App, könne Bedarf und Dringlichkeit einschätzen, zur Selbstbehandlung anleiten oder in die Hausarztpraxis führen. Zudem sprach sie sich für elektronische Überweisungen mit Anschluss an ein bundeseinheitliches Terminverzeichnis aus.
Einig war sich die Runde, dass es ein verbindliches Primärversorgungs- statt Primärarztsystem braucht, das Haus- und Kinderärzte stärkt, Facharzttermine nach Bedarf steuert und Fehlversorgung reduziert. Konfliktstoff blieb zum Umgang mit Versicherten, die sich nicht steuern lassen wollen. Dahmen warnte in diesem Zusammenhang vor einer neuen Drei-Klassen-Medizin durch Selbstzahlerleistungen. Sorge hingegen sah den Anreiz dazu bei einem gut funktionierenden System sinken. (sr)
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