Interview Versorgung

„Digitale Hilfe ja, aber nicht statt Therapie"

20.05.2026 Birgit Weidt 7 Min. Lesedauer

Aktuell existieren rund 70 zugelassene DiGA, etwa ein Drittel davon im Bereich psychischer Erkrankungen. Sie sollen Patienten im Alltag unterstützen und Wartezeiten auf Therapien überbrücken. Doch wo liegen ihre Grenzen? David Matusiewicz spricht über Chancen und Risiken der Apps auf Rezept.

Foto: Professor Dr. David Matusiewicz sitzt auf der Sessellehne im Colosseum Theater Essen.
Innovativ im Industriedenkmal: Im Colosseum Theater Essen nutzt Professor Dr. David Matusiewicz den Coworking Space.

Herr Professor Matusiewicz: Was sind DiGA und was ist der Unterschied zu einer herkömmlichen Gesundheits-App?

David Matusiewicz: Eine DiGA ist eine medizinisch geprüfte App, die ärztlich verordnet werden kann. Sie ist Teil einer Behandlung und nicht einfach nur ein digitales Angebot. Der Unterschied zu einer normalen Gesundheits-App liegt in der klinischen Prüfung, der Zulassung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und der Kostenerstattung durch die Krankenkassen. DiGA sind damit digitale Therapien, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen ist.

Apps auf Rezept sollen Versorgungslücken schließen. Können DiGA bei psychischen Erkrankungen eine sinnvolle Ergänzung zur persönlichen Psychotherapie sein?

Matusiewicz: Ein therapeutisches Gespräch lässt sich digital nicht vollständig ersetzen. Als niedrigschwellige Unterstützung oder Brücke bis zum Therapiebeginn jedoch können digitale Anwendungen durchaus hilfreich sein. Viele Anwendungen arbeiten mit Elementen der kognitiven Verhaltenstherapie, etwa Tagebüchern oder Übungen, und können Wartezeiten auf einen Therapieplatz überbrücken. Das ist besonders relevant, weil Patientinnen und Patienten derzeit im Durchschnitt rund 20 Wochen auf einen Therapieplatz warten. DiGA sind jedoch kein Ersatz für Psychotherapie.

Foto: Professor Dr. David Matusiewicz mit Laptop vor sich und Zeitung in der Hand.
David Matusiewicz weiß die digitale mit der analogen Welt zu verbinden.

Wo können DiGA dann tatsächlich einen Mehrwert bieten?

Matusiewicz: Ein wichtiger Aspekt ist die Selbstwirksamkeit. Wenn Menschen über ihr Smartphone angeleitet werden, Übungen durchführen oder Fortschritte dokumentieren können, stärkt das oft das Gefühl, selbst aktiv etwas für ihre Gesundheit tun zu können. Auch die Zugänglichkeit spielt eine Rolle: In ländlichen Regionen oder bei eingeschränkter Mobilität kann der Weg in eine Praxis schwierig sein. Zudem haben manche Menschen eine hohe Schambarriere, über bestimmte Themen zu sprechen. Eine App kann hier eine niedrigere Einstiegsschwelle bieten und teilweise auch Angehörige einbeziehen.

Psychotherapie lebt nicht von einzelnen Übungen, sondern von kontinuierlicher Begleitung. Wie kann die Verbindung aus digitaler Anwendung und persönlicher Behandlung konkret aussehen?

Matusiewicz: Die Zukunft sehe ich vor allem im sogenannten Blended Care. Dabei werden digitale Anwendungen mit der klassischen Behandlung kombiniert. DiGA funktionieren besonders gut, wenn sie in eine bestehende Therapie eingebettet sind. Ein Beispiel: Patientinnen und Patienten bekommen von ihrem Therapeuten Aufgaben, Fragebögen oder Übungen, die sie zwischen den Sitzungen über eine App bearbeiten. Auch Nachsorge oder Unterstützung im Alltag lassen sich so gut integrieren. Langfristig könnte das sogar dazu führen, dass bestimmte Inhalte aus der Therapie in digitale Formate ausgelagert werden. Dadurch könnten Therapiesitzungen effizienter genutzt werden und möglicherweise auch Kapazitäten für neue Patientinnen und Patienten entstehen. Blended Care ist für mich deshalb eine Art Kompromisslösung, die die Vorteile der digitalen und der persönlichen Versorgung miteinander verbindet.

Foto: Industrieartig gestalteter Innenraum mit großer Glasdachkonstruktion, freiliegenden Stahlträgern und Lüftungsrohren sowie einer zentralen Wand unterhalb des Dachgebälks.
Altes umbauen: David Matusiewicz ist Experte für die digitale Transformation im Gesundheitswesen.

Psychotherapie lebt von Beziehung, Resonanz und der Einordnung durch ein Gegenüber. Was geht verloren, wenn Unterstützung zunehmend digital vermittelt wird?

Matusiewicz: Genau hier liegt eine wichtige Grenze digitaler Anwendungen. Psychotherapie ist immer auch ein Beziehungsprozess. Die Resonanz zwischen Therapeuten und Patienten – also das gemeinsame Verstehen, Einordnen und Spiegeln von Erfahrungen – lässt sich digital nur sehr begrenzt abbilden. Eine App kann strukturieren, anleiten und Übungen anbieten. Sie kann erinnern, motivieren und Fortschritte sichtbar machen. Sie kann helfen, Inhalte zu vertiefen, Übungen zwischen den Sitzungen zu begleiten oder bestimmte Routinen im Alltag aufzubauen. Aber die therapeutische Beziehung bleibt ein zentraler Bestandteil psychotherapeutischer Behandlung. Was sie aber nicht leisten kann, ist die komplexe zwischenmenschliche Dynamik eines therapeutischen Gesprächs.

Kann die permanente Beschäftigung mit dem eigenen Zustand Grübeln, Selbstkontrolle oder Krankheitsfixierung verstärken?

Matusiewicz: Diese Frage ist durchaus berechtigt. Viele digitale Anwendungen setzen auf Selbstbeobachtung: Nutzer führen Tagebuch, dokumentieren Stimmungen oder bearbeiten regelmäßig Übungen. Das kann sehr hilfreich sein, weil es Struktur gibt und Fortschritte sichtbar macht. Gleichzeitig besteht natürlich das Risiko, dass eine zu starke Fokussierung auf Symptome entsteht. Entscheidend ist deshalb, wie solche Anwendungen gestaltet sind. Gute Programme versuchen, die Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf Probleme zu lenken, sondern auch auf Ressourcen, Fortschritte und positive Veränderungen. Der therapeutische Ansatz zielt ja gerade darauf ab, Grübelprozesse zu unterbrechen und neue Handlungsmuster zu entwickeln.

Doch wenn eine digitale Anwendung nicht hilft, wird das Scheitern häufig individualisiert, Betroffene erleben es als eigenes Versagen. Welche psychologischen Nebenwirkungen kann diese Form der digitalisierten Selbsthilfe haben?

Matusiewicz: Digitale Selbsthilfeformate setzen tatsächlich oft voraus, dass Nutzer eigenständig und regelmäßig mit der Anwendung arbeiten. Wenn die gewünschten Effekte ausbleiben, kann durchaus der Eindruck entstehen, man habe nicht genug getan oder nicht konsequent genug mitgearbeitet. Deshalb ist es wichtig, digitale Anwendungen nicht isoliert zu betrachten. Sie funktionieren am besten in einem Kontext, in dem es auch persönliche Rückmeldung und Unterstützung gibt.

Foto: Prof. Dr. David Matusiewicz mit Laptop und Smartphone an einem großen Konferenztisch.
„Patienten sind offen für digitale Unterstützung“, sagt David Matusiewicz.

Kommen Apps auf Rezept im Versorgungsalltag an oder sind sie für viele Ärzte und Patienten noch immer ein Nischenangebot?

Matusiewicz: Die Nutzung nimmt zwar zu, aber sie ist noch nicht flächendeckend im Versorgungsalltag angekommen. Viele Ärzte kennen die Anwendungen nicht gut genug oder sind unsicher, wann sie sinnvoll eingesetzt werden können. Gleichzeitig sehen wir, dass Patienten durchaus offen für digitale Unterstützung sind. Entscheidend wird sein, dass digitale Anwendungen stärker in bestehende Behandlungsabläufe integriert werden.

Digitale Anwendungen können mehrere hundert Euro pro Nutzung kosten. Unter welchen Bedingungen lohnt sich diese Investition für das Gesundheitssystem?

Matusiewicz: Die Kosten werden häufig diskutiert, aber man sollte sie immer im Kontext betrachten. Wenn eine digitale Anwendung dazu beiträgt, Symptome zu verbessern, Therapieabbrüche zu reduzieren oder Krankenhausaufenthalte zu vermeiden, kann sie sich wirtschaftlich lohnen. Gleichzeitig braucht es eine klare Nutzenbewertung und Preisverhandlungen mit den Herstellern. Entscheidend ist, dass DiGA tatsächlich einen nachweisbaren medizinischen Mehrwert bieten. Doch da fehlen oft noch Studien, ebenso solche über die Effizienz oder die Abbruchrate.

In einem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem stellt sich die Gerechtigkeitsfrage: Welche Verantwortung hat die Politik, wenn digitale Anwendungen dort eingesetzt werden, wo persönliche Versorgung fehlt?

Matusiewicz: Natürlich ist es sinnvoll, digitale Anwendungen einzusetzen, wenn sie Menschen helfen können. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, warum diese Anwendungen überhaupt so stark diskutiert werden: weil es in vielen Bereichen strukturelle Versorgungsengpässe gibt. Aber sie dürfen nicht zum Ersatz für notwendige strukturelle Verbesserungen im Versorgungssystem werden.

Verwalten Apps auf Rezept am Ende lediglich strukturelle Versorgungsprobleme?

Matusiewicz: Die Gefahr besteht darin, dass sich die Gesundheitspolitik zu stark auf digitale Lösungen verlässt. Es wäre problematisch, wenn man sagt: Es gibt doch Apps, also ist das Problem der langen Wartezeiten gelöst. Digitale Anwendungen sollten nicht dazu dienen, strukturelle Probleme zu verwalten, sondern sinnvoll in ein umfassenderes Versorgungskonzept eingebettet sein. Dazu gehört, mehr Therapieplätze zu schaffen, regionale Versorgungslücken zu schließen und digitale Anwendungen gezielt dort einzusetzen, wo sie einen echten Mehrwert bieten – etwa zwischen Sitzungen, in der Nachsorge oder zur Begleitung bestimmter Therapieprogramme.

Gesundheitsapps arbeiten mit sehr sensiblen Daten. Wie gut ist der Schutz dieser Daten bei DiGA gewährleistet?

Matusiewicz: Vertrauen ist ein zentraler Faktor für die Akzeptanz digitaler Gesundheitsangebote. DiGA müssen deshalb hohe Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit erfüllen. Sie werden vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte geprüft und müssen strenge gesetzliche Vorgaben einhalten. Gleichzeitig bleibt Transparenz wichtig: Patienten müssen nachvollziehen können, welche Daten erhoben werden und wofür sie genutzt werden.

Zur Person

David Matusiewicz ist Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule und Dekan für Gesundheit & Soziales. Er leitet das Forschungsinstitut ifgs und ist Mitgründer des CIBE Center for Innovation, Business Development & Entrepreneurship. Er ist Berater und Aufsichtsrat in zahlreichen Digitalunternehmen und arbeitet zudem als Autor, Moderator und Herausgeber.

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