Verbände wollen Schutz vor Machtmissbrauch in Kliniken
Acht Verbände und Organisationen des Gesundheitswesens wollen mit einem Maßnahmenpaket Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung in Kliniken eindämmen. „Wir sprechen nicht über wenige bedauerliche Einzelfälle, sondern über ein strukturelles Problem“, umschrieb die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, das Problem. Die Verbände, darunter der Deutsche Pflegerat (DPR) und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), beschlossen heute in Berlin ein gemeinsames Leitbild für „Respekt, Sicherheit und Gleichbehandlung“.
Die Initiatoren reagieren damit auf alarmierende Zahlen, die das Ausmaß der Missstände im Klinikalltag belegen. Machtmissbrauch richtet sich primär entlang der Hierarchie gegen Untergebene, während geschlechtsspezifische Übergriffe vor allem Frauen treffen. Demnach erlebten 49 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte in den vergangenen zwölf Monaten persönlich Machtmissbrauch, der in 87 Prozent der Fälle von Vorgesetzten ausging. Zudem gaben 13 Prozent an, im selben Zeitraum sexuell belästigt worden zu sein, wobei 71 Prozent dieser Taten ausschließlich von Männern ausgingen. Besorgniserregend ist die hohe Dunkelziffer: 74 Prozent der Betroffenen von Machtmissbrauch und 84 Prozent der Opfer sexueller Belästigung schwiegen aus Angst vor beruflichen Nachteilen. Die Daten basieren auf einer Umfrage unter 9.073 angestellten Ärztinnen und Ärzten von Frühling 2026.
Johna forderte als Konsequenz daraus unabhängige und vertraulich erreichbare Anlaufstellen – sowie die Möglichkeit, Vorfälle anonym zu melden. Die Meldewege müssten leicht zugänglich und ihre Abläufe transparent sein. Wer sich beschwere oder als Zeuge aussage, brauche wirksamen Schutz vor beruflichen Nachteilen.
In dem Leitbild geht es unter anderem darum, Verantwortung zu übernehmen, Sicherheit zu schaffen und Prävention zu fördern. Als eine Maßnahme werden auch verpflichtende Führungskräfteschulungen genannt. DPR-Geschäftsführerin Christine Denk unterstrich, „fachliche Leistung oder eine herausgehobene Position“ dürften kein Schutzschild für Fehlverhalten sein. Letzteres müsse konsequent sanktioniert werden.
DKG-Chef Gerald Gaß ging auf die Frage ein, was ein solches Leitbild überhaupt bewirken könne und ob es am Ende nicht doch nur ein „schönes Papier“ sei, das an der Wand hänge, während sich im Alltag wenig verändere. Genau deshalb habe man sich zusammengefunden, um den Anspruch mit echten Strukturen zu füllen. „Unser Ziel ist ein Arbeitsumfeld, in dem Respekt, Wertschätzung und ein diskriminierungsfreies Miteinander in allen Krankenhäusern selbstverständlich sind.“ (jut)
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