Blankoverordnungen lassen Heilmittel-Ausgaben steigen
Trotz stark steigender Kosten im Heilmittelbereich bleibt die Wirkung der verordneten Therapien weitgehend unklar. Dies macht der Heilmittel-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) deutlich. „Die Qualität der Heilmittelversorgung ist für die Kassen in weiten Teilen eine Black Box“, konstatierte die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann, bei der heutigen Vorstellung des Reports. Gleichzeitig verzeichne der Bereich eine „besonders hohe Ausgabendynamik“. Heilmittelverordnungen umfassen Leistungen in der Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Podologie und Ernährungstherapie.
Reimann wies darauf hin, dass im ersten Quartal 2026 die Ausgaben für Heilmittel um 8,7 Prozent gestiegen seien. Damit setze sich der Trend der vergangenen Jahre ungebrochen fort. Gleichzeitig wisse niemand, ob das Geld der Beitragszahler und die Arbeitszeit der Therapeuten „immer und überall sinnvoll eingesetzt“ werde. Als positiv wertete Reimann, dass das geplante GKV-Sparpaket ausgabendämpfende Maßnahmen in diesem Bereich vorsehe.
Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) gab 2025 laut WIdO 14,7 Milliarden Euro für Heilmittel-Therapien aus. Im Jahr 2024 waren es noch 13,3 Milliarden Euro. Die Ausgaben hätten sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt. Mehr als zwei Drittel der GKV-Heilmittelkosten entfielen 2024 auf Physiotherapien.
Kritisch sieht der Report die 2024 eingeführten Blankoverordnungen. Es gebe keine Hinweise darauf, dass die Patienten so eine bessere Behandlung erhielten, sagte der WIdO-Geschäftsführer und Mitherausgeber des Reports, Helmut Schröder. Analysen zeigten, dass Patientinnen und Patienten offensichtlich die gleiche Therapie wie vor der Einführung der Blankoverordnung bekämen, „nur eben häufiger“. Gleichzeitig verursachten diese Verordnungen höhere Kosten. Die Blankoverordnung ermöglicht es Therapeuten, in bestimmten Bereichen selbst über Heilmittel, Behandlungsfrequenz und Menge der Behandlungen zu entscheiden. Mit dem GKV-Sparpaket soll die bestehende Mehraufwandspauschale für Blankoverordnungen abgeschafft werden.
Routinedaten-Auswertungen der Krankenkassen könnten dazu beitragen, „mehr Licht in die Qualität der Heilmittelversorgung zu bringen“, betonte Schröder. Als eine zentrale Stellschraube machte er auch die Qualität der Ausbildung aus. Deutschland sei das einzige Land in Europa, in dem eine Berufsausbildung für Physiotherapeuten noch ausreichend sei. In 82 Prozent der europäischen Länder sei dagegen ein Bachelor-Abschluss erforderlich, in 13 Prozent sogar ein Master. Christian Kopkow von der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus beleuchtete fehlende Qualitätsstandards bei der Versorgung. Viele Therapeuten würden die wissenschaftlichen Leitlinien für bestimmte Behandlungen gar nicht kennen, sagte der Mitherausgeber des Heilmittel-Reports. (at)
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