Studie: Antibiotika werden häufig nicht optimal eingesetzt
Der weltweite Einsatz von Antibiotika bei der Behandlung von Krankheiten entspricht einer neuen Studie des Fachjournals „The Lancet“ zufolge in vielen Ländern nur selten dem medizinisch geschätzten Bedarf. Demnach verbrauchten 48 von 67 untersuchten Ländern mit umfangreicheren Absatzdaten im Jahr 2019 insgesamt mehr Antibiotika, als nach den Berechnungen der Studienautoren eigentlich erforderlich gewesen wäre. In den einkommensstarken Ländern habe sich diese Überversorgung besonders ausgeprägt gezeigt, denn hier liegen der Studie zufolge 33 von 38 Staaten über dem geschätzten optimalen Verbrauch.
Zudem zeigte sich flächendeckend ein zu hoher Einsatz von Antibiotika aus der sogenannten Watch-Gruppe, die nach der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation WHO ein höheres Risiko für die Entwicklung von Resistenzen haben und deshalb nur gezielt eingesetzt werden sollten. Hier verwendeten 66 der 67 Länder, darunter auch Deutschland, mehr als medizinisch notwendig. Gleichzeitig nutzten 28 der 67 Länder weniger Antibiotika aus der Access-Gruppe als geschätzt erforderlich. Diese Mittel haben ein vergleichsweise geringeres Resistenzpotenzial und gelten bei vielen häufigen Infektionen deshalb als „erste“ oder „zweite Wahl“.
Die Analyse weist zugleich auf mögliche Versorgungslücken hin: Mehr als die Hälfte der 67 Länder verwendete weniger Reserve-Antibiotika als geschätzt notwendig. Reserve-Antibiotika gelten als „letzte Wahl“ für die Behandlung von schweren, multiresistenten Infektionen und sollten nur in diesen Fällen eingesetzt werden, um der Entwicklung von Resistenzen vorzubeugen. Die geringe Nutzung von Reserve-Antibiotika könne insbesondere in Ländern mit hoher Resistenzbelastung auf fehlenden Zugang, hohe Preise, schwache Lieferketten oder eingeschränkte diagnostische Möglichkeiten hindeuten, so die Studienautoren.
Für die Studie berechneten die Forschenden den optimalen Antibiotikabedarf für 186 Länder und Gebiete. Berücksichtigt wurden unter anderem die jeweilige Infektions- und Resistenzlast, demografische Faktoren sowie der Zugang zur Gesundheitsversorgung. Weltweit wären danach 2019 rund 43 Milliarden definierte Tagesdosen erforderlich gewesen. Etwa 77 Prozent davon sollten auf Access-Antibiotika entfallen. Dies entspricht in etwa dem Ziel der Vereinten Nationen, den Anteil dieser Antibiotika-Gruppe bis 2030 auf mindestens 70 Prozent zu erhöhen.
In seiner jüngsten Antibiotika-Analyse kommt das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) auf insgesamt 36,1 Millionen Packungen, die 2023 zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) abgerechnet wurden. Das waren knapp 325 Millionen abgegebene Tagesdosen in der ambulanten Versorgung. Der Anteil an Access-Antibiotika lag bei 62 Prozent, die der Reserve-Antibiotika bei etwa 1,5 Prozent (4,86 Millionen abgegebene Tagesdosen). Im Jahr 2025 betrug der Access-Anteil den Angaben zufolge 68,6 Prozent. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 306,36 Millionen Tagesdosen Antibiotika ambulant abgegeben. (tie)
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