Präventionsexperte Zeeb: Deutschland bremst bei Alkohol und Tabak
Der Epidemiologe Hajo Zeeb macht eine zu liberale Alkohol- und Tabakpolitik für Deutschlands niedrige Lebenserwartung mitverantwortlich. Die Bundesrepublik tue zu wenig dafür, Krankheiten zu verhindern, sagte Zeeb heute Im Interview mit der „Taz“. Deutschland liege im OECD-Vergleich bei der Lebenserwartung im unteren Drittel. Zwar sei die Versorgung im Krankheitsfall gut, „aber das System setzt erst ein, wenn wir krank werden“. Zu wenig geschehe davor, um Gesundheit zu erhalten. Vor allem die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit treibe die geringere Lebenserwartung.
Als wesentliche Ursachen nennt Zeeb Ernährung, Rauchen und Alkohol. Beim Alkohol sei der Pro-Kopf-Verbrauch hoch, zugleich seien die Steuern niedrig und hochprozentige Getränke selbst an Tankstellen erhältlich. Diese liberale Handhabung mache sich in den Gesundheitsstatistiken bemerkbar. Als Gegenbeispiel nennt der Wissenschaftler Litauen. Dort hätten höhere Steuern, Verkaufsverbote und eine Beschränkung des Verkaufs auf bestimmte Läden den Konsum deutlich gesenkt; dies schlage sich auch bei Herzinfarkten nieder.
Auch bei Tabak sieht Zeeb Deutschland im Rückstand. In den Niederlanden sei der Konsum stark reguliert worden, in Großbritannien und in Irland koste eine Schachtel Zigaretten inzwischen rund 20 Euro. Generell mangele es in der deutschen Gesundheitspolitik häufig an politischem Mut. Zudem seien ärztliche Versorgung sowie lokale präventive und gesundheitsfördernde Strukturen nicht ausreichend vernetzt.
Ähnlich hatte sich Zeeb im März in einem Interview mit „Pro Dialog“ geäußert – der Beilage des AOK-Bundesverbandes zur Ärztezeitung. „Ich würde als Erstes die WHO-Rahmenkonvention zur Tabakkontrolle vollständig umsetzen“, forderte er dort. Beim ersten Deutschen Präventionsgipfel des AOK-Bundesverbandes hatte Zeeb für eine „zielgerichtete, mutige, unbequeme, evidenzbasierte“ Präventionspolitik geworben. Die frühere Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte dort eine nationale Präventionsstrategie angekündigt. AOK-Verbandschefin Carola Reimann plädierte seinerzeit für eine „mutige und entschlossene Präventionspolitik, die ressortübergreifend vorgeht, Gesundheit in allen Politikbereichen verankert und die das gesunde Verhalten im Alltag erleichtert“.
Mit Blick auf Deutschlands zögerliches Vorgehen sagte Zeeb nun der „Taz“: „Vorneweg sind wir bei solchen Sachen so gut wie nie.“ Dies führe zu einem „harten Endergebnis bei der Lebenserwartung“. (fb)
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