ADHS-Neudiagnosen legen besonders bei Mädchen stark zu
Die Zahl der ADHS-Neudiagnosen bei Kindern und Jugendlichen ist 2024 im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent gestiegen. Besonders deutlich fiel der Anstieg bei Mädchen aus. Das zeigt eine aktuelle Sonderanalyse des Kinder- und Jugendreports der Krankenkasse DAK Gesundheit. Von einer Modediagnose oder Überdiagnostik könne „im Allgemeinen keine Rede sein“, warnte Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité, vor vorschnellen Schlüssen.
Hochgerechnet erhielten laut DAK bundesweit rund 202.000 junge Menschen erstmals die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Bei den Zehn- bis 14-Jährigen seien die Neudiagnosen gegenüber dem Vorjahr um 22 Prozent gestiegen. Jungen erhielten 2024 demnach mit 22,4 je 1.000 Kindern und Jugendlichen etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen mit 11,3 je 1.000. Allerdings war der Zuwachs bei Mädchen mit rund 21 Prozent größer als bei Jungen mit gut 14 Prozent. Insgesamt wurden 5,2 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen mit festgestellter ADHS medizinisch versorgt.
Als mögliche Erklärungen für häufigere Diagnosen nennt Correll unter anderem gestiegenen Druck und Stress. „Wir beobachten wahrscheinlich zum Teil auch Spätfolgen der Pandemie“, sagte der Kinder- und Jugendpsychiater. Zudem könne ein erhöhter Medienkonsum die Konzentrationsfähigkeit mindern und das Stresslevel erhöhen. Gleichzeitig seien Ärztinnen und Ärzte, Eltern und Lehrkräfte heute besser über ADHS-Symptome informiert, sodass die Erkrankung schneller erkannt werde.
Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte (BVKJ), bezeichnete den starken Anstieg bei Mädchen als „besonders bemerkenswert“. ADHS sei lange unterdiagnostiziert gewesen. Als Konsequenz forderte er, „Versorgung neu zu denken“. Dazu zählt Hubmann strukturierte, multiprofessionelle Angebote in der ambulanten Pädiatrie, klare diagnostische Wege und ausreichend Zeit für Gespräche mit Familien und Schulen.
Auch jenseits von ADHS sieht der BVKJ die Versorgung von Kindern und Jugendlichen unter Druck. BVKJ-Bundessprecher Jakob Maske verwies in der Kölnischen Rundschau auf Wartezeiten von einem Dreivierteljahr bei Psychotherapien. „Das ist ja für viele kaum auszuhalten“, sagte er.(sr)
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