„Hepatitis B ist die häufigste ‚vernachlässigte‘ Erkrankung der Welt“
Viele Menschen tragen ein Hepatitisvirus in sich, ohne es zu wissen. Die Virologin Prof. Dr. Ulrike Protzer erklärt im Interview, welche Formen der Leberentzündung besonders relevant sind, warum frühzeitige Tests Leben retten können und weshalb die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre Ziele für 2030 voraussichtlich nicht erreichen kann.
Frau Professorin Protzer, was ist eine Hepatitis?
Prof. Dr. Ulrike Protzer: Eine Hepatitis ist eine Leberentzündung, medizinisch gesprochen eine entzündliche Veränderung des Lebergewebes. Dafür kann es verschiedene Ursachen geben. Viele Menschen denken zunächst an Alkohol. Aber auch eine Fettleibigkeit kann eine Hepatitis auslösen, wenn die Leber verfettet und eine entzündliche Reaktion entwickelt. Das nennt man Fettleberhepatitis. Außerdem gibt es verschiedene Viren, die eine Leberentzündung verursachen können. Diese Erkrankungen sind leider nicht selten tödlich und führen weltweit jedes Jahr zu 1,3 Millionen Todesfällen.
Welche Virushepatitis-Formen gibt es, und welche davon sind für Deutschland besonders relevant?
Protzer: Die Hepatitisviren A und E werden über die Nahrung aufgenommen, etwa durch verschmutztes Trinkwasser oder kontaminierte Lebensmittel. Die dadurch ausgelösten Erkrankungen heilen in der Regel wieder aus. Das kann eine Weile dauern, und in seltenen Fällen kann es auch zu einem schweren Verlauf kommen. Gerade Hepatitis E ist bei uns relativ häufig. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung haben eine solche Infektion irgendwann einmal durchgemacht. Viele haben davon gar nichts bemerkt. Im Blut lässt sich die frühere Infektion anhand von Antikörpern nachweisen.
Die Hepatitisviren B, C und D werden dagegen durch Blutkontakt übertragen, Hepatitis-B-Viren zusätzlich durch Geschlechtsverkehr und von der Mutter bei der Geburt. Sie können eine akute Leberentzündung auslösen. Etwa die Hälfte der Betroffenen bemerkt diese, die andere Hälfte nicht. Diese Infektionen können jedoch auch chronisch werden. Dann trägt man das Virus lebenslang in sich. Das ist besonders beim Hepatitis-B-Virus relevant, das 240 Millionen Menschen in sich tragen, das sind fast eine Viertelmilliarde. Viele Menschen bekommen es bereits bei der Geburt von ihrer Mutter übertragen und wissen nichts davon.
Warum wird die Hepatitis-B-Impfung bereits im Säuglingsalter empfohlen?
Protzer: Aufgrund der hohen Zahl an Fällen hat man entschieden, alle Kinder in Deutschland schon im frühen Kindesalter gegen Hepatitis B zu impfen. Das versucht man auch weltweit einzuführen. Die Impfung verhindert in den allermeisten Fällen auch die Übertragung von der Mutter auf das Kind. Generell schützt diese Impfung sehr lange. Ein im Säuglingsalter geimpftes Kind ist später geschützt, wenn es seine ersten sexuellen Kontakte hat oder seine ersten Reisen unternimmt. Denjenigen, die das Virus bereits in sich tragen, hilft die Impfung allerdings nicht mehr.
„An den Folgen von Hepatitis B sterben doppelt so viele Menschen wie an den Folgen von HIV.“
Direktorin des Instituts für Virologie an der TUM sowie bei Helmholtz Munich
Welche Bedeutung hat Hepatitis D?
Protzer: Das Hepatitis-D- oder Hepatitis-Delta-Virus ist kein eigenständiges Virus. Es kommt immer gemeinsam mit dem Hepatitis-B-Virus vor. Etwa zehn Prozent der Menschen mit Hepatitis B haben zusätzlich eine Hepatitis D, tragen also zwei Viren in sich. Das ist die schlimmste Form der Virushepatitis, weil sie einfach am schnellsten krank macht. Durch die dauerhafte Entzündung kann sich eine Leberzirrhose entwickeln. Das muss man sich als komplette Vernarbung der Leber vorstellen. Häufig entwickelt sich dann auch Leberkrebs. An diesen Folgen sterben die Menschen letztlich. Bei Hepatitis D schreitet diese Entwicklung besonders schnell voran.
Wie lassen sich Virushepatitiden verhindern oder behandeln?
Protzer: Impfungen sind sehr wichtig. Gegen Hepatitis A und B gibt es Impfstoffe, gegen Hepatitis C und E bislang nicht. Diese wären dringend nötig, um die gesundheitlichen Folgen der Virushepatitiden wirksam einzudämmen. Eine chronische Hepatitis C lässt sich heute mit Tabletten in rund 98 Prozent der Fälle ausheilen. Allerdings ist das teuer und man kann sich erneut anstecken. Eine Impfung würde deshalb insbesondere gefährdete Menschen breiter und kostengünstiger schützen.
Bei Hepatitis B ist es umgekehrt: Die Impfung schützt gut, aber eine chronische Infektion können wir bislang nicht heilen. Medikamente unterdrücken lediglich die Vermehrung des Virus. Hepatitis E heilt meist von selbst aus. Bei einer vorgeschädigten Leber kann sie jedoch schwer verlaufen. Deshalb wäre zumindest für Risikogruppen eine Hepatitis-E-Impfung sinnvoll, die in China bereits verfügbar ist.
Wie viele Menschen in Deutschland tragen das Hepatitis-B-Virus in sich?
Protzer: Wir schätzen, dass es in Deutschland zwischen einer halben Million und einer Million Menschen sind, wahrscheinlich eher in Richtung einer Million. Das ist eine sehr große Zahl. Sie haben ein hohes Risiko, eine Leberzirrhose oder Leberkrebs zu entwickeln. Um das zu verhindern, brauchen wir neue Therapien.
Wie weit ist die Forschung an einem Impfstoff gegen Hepatitis C?
Protzer: Bis 2030 wird es sicherlich keinen Impfstoff geben. Dafür müssten mögliche Impfstoffkandidaten heute bereits deutlich weiterentwickelt sein. Die Entwicklung von Impfstoffen ist für Unternehmen häufig nicht besonders lukrativ. Sie ist sehr teuer, während Impfstoffe anschließend vergleichsweise günstig verkauft werden. Deshalb besteht in der Privatwirtschaft wenig Interesse, in diesen Bereich zu investieren. Die Entwicklung ist derzeit weitgehend auf die akademische Forschung angewiesen. Hinzu kommt, dass es schwierig ist, gegen das Hepatitis-C-Virus eine gute Immunantwort zu erzeugen. Verschiedene Arbeitsgruppen forschen daran. Auch wir arbeiten im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus England, den USA und Frankreich an diesem Thema. Wenn es gelingt, einen geeigneten Ansatz zu finden, wird es voraussichtlich mindestens bis 2035 oder 2040 dauern. Das gilt ebenso für eine heilende Therapie gegen Hepatitis B. An den Folgen von Hepatitis B sterben doppelt so viele Menschen wie an den Folgen von HIV. Dennoch fehlt uns weiterhin eine ausheilende Behandlung.
„Bis 2030 wird es sicherlich keinen Impfstoff gegen Hepatitis C geben. Dafür müssten mögliche Impfstoffkandidaten heute bereits deutlich weiterentwickelt sein.“
Direktorin des Instituts für Virologie an der TUM sowie bei Helmholtz Munich
Welche Bedeutung hat das Screening auf Hepatitis?
Protzer: Das Screening ist sehr wichtig, weil nur ein kleiner Teil der Menschen mit Hepatitis B, C oder D überhaupt von der eigenen Infektion weiß. Weltweit sind es weniger als zehn Prozent. Auch in Deutschland weiß vermutlich etwa die Hälfte der Betroffenen nichts von ihrer Infektion. Deshalb wurde die Testung auf Hepatitis B und C in den Gesundheits-Check-up ab 35 Jahren aufgenommen. Wird eine Hepatitis C entdeckt, kann sie mit Medikamenten ausgeheilt werden. Bei einer Hepatitis B können die Betroffenen zumindest regelmäßig ärztlich kontrolliert werden. Außerdem kann man untersuchen, ob sich Leberkrebs entwickelt, und diesen möglichst früh erkennen. In einem frühen Stadium kann er unter Umständen noch operiert werden. Die meisten Fälle von Leberkrebs werden jedoch zu spät entdeckt. Dann kann man häufig nicht mehr viel tun.
Ist der Zeitpunkt des Screenings ab 35 Jahren für Hepatitis B und C gleichermaßen geeignet?
Protzer: Das Screening ab 35 Jahren ist ein guter Ansatz. Für Hepatitis B ist dieser Zeitpunkt allerdings noch relativ spät. Wenn die Infektion erst mit 35 Jahren entdeckt wird, hat sich das Virus unter Umständen bereits über Jahrzehnte in der Leber festgesetzt und Veränderungen angestoßen, aus denen später Leberkrebs entstehen kann. Es wäre deshalb sinnvoll, früher zu testen und diejenigen zu finden, die sich bereits als Kinder angesteckt haben. Wer nichts von seiner Infektion weiß, kann das Virus außerdem beispielsweise beim ungeschützten Geschlechtsverkehr weitergeben. Ein früheres Screening wäre daher insbesondere bei Hepatitis B sinnvoll. Bei Hepatitis C ist die Testung mit 35 Jahren dagegen ein sinnvoller Zeitpunkt.
Welche Kosten und möglichen Einsparungen wären mit einem breiteren Screening verbunden?
Protzer: Die Tests sind nicht teuer. Ein Test kostet etwa sechs bis acht Euro. Verglichen mit den Folgekosten, die entstehen, wenn eine Infektion nicht entdeckt wird, ist das sehr wenig. Wenn ein Mensch später einen Tumor entwickelt, können die Therapiekosten in die Hunderttausende gehen. Ein breiteres Screening ist daher meist auch ökonomisch sinnvoll.
Sie bezeichnen Hepatitis B als eine vernachlässigte Erkrankung. Warum?
Protzer: Ich sage immer: „Hepatitis B ist die häufigste vernachlässigte Erkrankung der Welt.“ Wenn man sich vernachlässigte Erkrankungen anschaut, gibt es einige – aber keine davon ist so häufig wie diese. Deshalb ist es gut, dass die WHO inzwischen einen stärkeren Fokus darauf legt. Es muss deutlich mehr getan werden.
Wie weit ist die Welt von den WHO-Zielen für 2030 entfernt?
Protzer: Das im Jahr 2015 gesetzte Ziel war, die Folgeerkrankungen und Todesfälle durch Virushepatitis bis 2030 deutlich zu reduzieren. Bei Hepatitis B sollten die Folgen wie Leberzirrhose und Leberkrebs um 65 Prozent zurückgehen. Dieses Ziel werden wir ganz sicher verfehlen. Statt zu sinken, ist die Zahl der Todesfälle seit 2015 um etwa 17 Prozent gestiegen. Jetzt, im Jahr 2026, ist eine Senkung in der ursprünglich angestrebten Größenordnung in den verbleibenden Jahren nicht mehr realistisch. Trotzdem müssen wir weiter daran arbeiten. Die Testung ist extrem wichtig, und auch die Impfungen sind entscheidend. Aber das WHO-Ziel für Virushepatitis im Jahr 2030 wird leider nicht erreicht werden – auch nicht bei Hepatitis C.
Viele Menschen verbinden Lebererkrankungen vor allem mit Alkohol und Virusinfektionen mit Drogenkonsum. Ist dieses Bild falsch?
Protzer: Absolut. Rund 80 Prozent der Lebererkrankungen haben andere Ursachen als Alkohol. Auch eine Virushepatitis ist keineswegs automatisch mit Drogenkonsum verbunden. Hepatitis B kann bereits bei der Geburt von der Mutter übertragen werden oder später durch Geschlechtsverkehr. Ein Risiko besteht grundsätzlich bei allem, was mit Nadeln zu tun hat, etwa bei Tätowierungen unter unkontrollierten Bedingungen. In deutschen Arzt- und Zahnarztpraxen sowie bei Blutprodukten gelten dagegen sehr hohe Sicherheitsstandards. Hepatitis ist deutlich häufiger als HIV. Deshalb müssen wir das Bewusstsein für diese Erkrankungen stärken. Dazu trägt auch der Welt-Hepatitis-Tag bei.
Danke für das Gespräch!
Zur Person
Prof. Dr. Ulrike Protzer promovierte nach dem Studium der Humanmedizin an den Universitäten Erlangen, Basel und Durban (Südafrika) 1989 in Erlangen. Sie erwarb 1996 nach gastroenterologischer und infektiologischer Ausbildung in Frankfurt und Mainz die Facharztbezeichnung für Innere Medizin und wurde 2005 zusätzlich Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Nach einer Postdoktorandenzeit am Zentrum für Molekulare Medizin in Heidelberg habilitierte sie sich 2000 im Fach Virologie und leitete von 2002 bis 2007 eine Nachwuchsgruppe am Zentrum für Molekulare Medizin der Universität zu Köln. Ende 2007 übernahm sie den Lehrstuhl für Virologie an der TUM und ist seitdem Direktorin des Instituts für Virologie an der TUM sowie bei Helmholtz Munich.
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