Geschlechtskrankheiten: Wie sich das Infektionsrisiko senken lässt
Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Gonorrhoe und Chlamydien nehmen europaweit stark zu – vor allem bei jungen Erwachsenen. Die Anzahl der Neuinfektionen mit dem Human Immunodeficiency Virus (HIV) stagnierte in Deutschland in den vergangenen Jahren zwar oder stieg vergleichsweise gering an, dennoch kann das HI-Virus das Immunsystem schwächen und unbehandelt zum Tod führen. Wer sich schützt und zudem gut informiert ist, kann das Risiko einer sexuell übertragbaren Infektion (STI) deutlich senken, wie Dr. Camilla von Münchhausen, Ärztin im AOK-Bundesverband, im Vorfeld des Welt-Aids-Tages betont.
Frau Dr. von Münchhausen – wie erklären Sie sich die aktuell hohen Fallzahlen bei den sexuell übertragbaren Infektionen?
Dr. Camilla von Münchhausen: Zum einen wird mehr getestet, wodurch mehr Infektionen erkannt werden. Zum anderen gibt es Veränderungen im Sexualverhalten, etwa durch eine steigende Zahl von Sexualpartnerinnen beziehungsweise -partnern und seltenere Kondomnutzung. In einem Bericht der WHO gaben fast ein Drittel der Jugendlichen im Alter von 15 Jahren an, beim letzten Geschlechtsverkehr weder ein Kondom noch die Antibabypille benutzt zu haben. Das erhöht die Zahl ungewollter Schwangerschaften, aber auch das Risiko, sich mit einer Geschlechtskrankheit zu infizieren. Kondome sind immer noch der beste Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Außerdem ist es wichtig, dass junge Menschen gut informiert sind, wie sie sich vor Geschlechtskrankheiten schützen können. Dazu gehört eine umfassende und altersgemäße Sexualerziehung.
Sexuell übertragbare Infektionen
Die Europäische Gesundheitsagentur ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control) verzeichnete in ihrem aktuellen Jahresbericht einen deutlichen Anstieg von sexuell übertragbaren Erkrankungen in den Staaten der Europäischen Union und des Europäischen Wirtschaftsraums. Im Jahr 2023 erkrankten in diesen Ländern fast 100.000 Menschen an Gonorrhoe (plus 31 % mehr als 2022). Betroffen waren vor allem Frauen zwischen 20 und 24 Jahren sowie Männer zwischen 25 und 34 Jahren. Auch die Zahl der Syphilis-Infektionen stieg mit mehr als 40.000 Infektionen an (plus 13 Prozent). Die Krankheit tritt häufiger bei Männern auf: Auf eine erkrankte Frau kommen sieben männliche Syphilis-Patienten. Mit über 230.000 registrierten Fällen bleiben Chlamydien – trotz eines leichten Rückgangs – die häufigste Geschlechtskrankheit in Europa. Auch hier sind hauptsächlich junge Menschen betroffen, insbesondere Frauen zwischen 20 und 24 Jahren.
Welche Anzeichen für eine STI gibt es?
von Münchhausen: Das ist je nach Infektion unterschiedlich. Bei Chlamydien sind beispielsweise Schmerzen oder ein ungewöhnlicher Ausfluss aus Scheide, Penis oder Po erste Anzeichen, sowie Zwischenblutungen oder Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen. Frauen bis zum abgeschlossenen 25. Lebensjahr können einmal jährlich einen Chlamydien-Früherkennungstest in einer Arztpraxis machen, auch wenn sie keine Beschwerden haben. Die Kosten für dieses Screening übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen.
Gonorrhoe verursacht ähnliche Symptome. Frauen haben hier jedoch eher leichte oder gar keine Beschwerden, Männer dagegen sehr häufig. Charakteristisch ist ein eitriger Ausfluss aus der Harnröhre morgens vor dem Wasserlassen.
Im Rahmen einer STI können auch Hautveränderungen, etwa Feigwarzen, entstehen, zum Beispiel nach einer Infektion mit Humanen Papillomviren, HPV. Feigwarzen sind stecknadelkopfgroße, flache Knötchen, die häufig an Scheide, Penis oder Anus auftreten. Sie sind eher harmlos, aber sehr ansteckend und schmerzen manchmal beim Sex.
Welche Folgen haben Geschlechtskrankheiten?
von Münchhausen: Bei den oben beschriebenen Symptomen sollte eine ärztliche Praxis aufgesucht werden. Sofern die Behandlung frühzeitig und konsequent erfolgt, sind viele sexuell übertragbare Infektionen heilbar. Unbehandelt kann zum Beispiel eine Chlamydien-Infektion zu Unfruchtbarkeit vor allem bei Frauen führen. Unfruchtbarkeit kann ebenso eine Folge von Gonorrhoe sein – und zwar bei Frauen und Männern. Und manche HPV-Typen verursachen Zellveränderungen, aus denen dann Krebs entstehen kann.
Wichtig ist, dass immer auch der Sexualpartner oder die Sexualpartnerin über eine Infektion informiert und mitbehandelt wird. So schützt man die andere Person und verhindert eine weitere Ausbreitung der Erkrankung. Ob und wie lange während der Behandlung auf Sex verzichtet werden soll, sollte immer ärztlich abgeklärt werden.
Kann man sich gegen STI impfen lassen?
von Münchhausen: Gegen bestimmte Geschlechtskrankheiten gibt es Impfungen, die einen guten Schutz bieten. So kann eine Impfung das Risiko für HPV-bedingte Krebsarten, wie Gebärmutterhalskrebs, ein Peniskarzinom, Analkarzinom oder Krebserkrankungen im Mund- oder Rachenraum, deutlich senken. Empfohlen wird diese Impfung für Mädchen und Jungen zwischen neun und 14 Jahren, damit die Immunisierung möglichst vor dem ersten Geschlechtsverkehr vollständig aufgebaut ist. Auch dafür übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten.
Ebenso gibt es eine Impfung gegen Hepatitis B. Dazu kann man sich von seiner Ärztin oder seinem Arzt beraten lassen. Hepatitis B-Viren können auch beim Sex übertragen werden und verursachen Entzündungen der Leber.
Im Gegensatz zu anderen Geschlechtskrankheiten sind Neuinfektionen mit dem HI-Virus in Deutschland seit Jahren auf einem niedrigen Niveau. Warum ist das so?
von Münchhausen: Einer Infektion mit HIV durch sexuellen Kontakt lässt sich mit Kondomen sowie mit Medikamenten vorbeugen. Die medikamentöse HIV-Prophylaxe wird mit der sogenannten Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz PrEP, durchgeführt. Dazu nehmen Menschen vorbeugend Tabletten ein, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten für Menschen ab einem Alter von 16 Jahren, die ein hohes Risiko für eine HIV-Infektion haben, zum Beispiel Personen, deren Sexualpartner oder -partnerin mit HIV infiziert ist. PrEP kann sehr wirksam vor einer HIV-Infektion schützen, vergleichbar mit Kondomen. Doch PrEP schützt nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Daher ist es weiterhin ratsam, ein Kondom zu nutzen.
Und wer sich dennoch mit HIV infiziert?
von Münchhausen: Dank des medizinischen Fortschritts ist HIV gut behandelbar, jedoch nicht heilbar. Wenn die Behandlung frühzeitig beginnt, und dauerhaft fortgeführt wird, haben Menschen mit HIV eine nahezu normale Lebenserwartung. Das und die verbesserte medikamentöse Vorbeugung haben vielleicht den Schrecken vor der Erkrankung genommen und halten wahrscheinlich auch die Infektionszahlen hierzulande gering. Dennoch ist und bleibt HIV eine schwere Krankheit, die ohne entsprechende Medikamenteneinnahme das Immunsystem stark angreift, schwächt und schließlich zu AIDS und zum Tode führen kann. Nicht in allen Ländern haben HIV-Infizierte zudem Zugang zu Aufklärung, Testmöglichkeiten und medizinischer Versorgung.
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