Artikel Prävention

Schlaf als Wirtschaftsfaktor

06.01.2026 Thorsten Severin 3 Min. Lesedauer

Schlafprobleme sind weit verbreitet und können schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Die Krankheiten wiederum belasten das Gesundheitssystem und führen zu Ausfallzeiten im Job. Unausgeschlafene Beschäftigte sind zudem in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Immer mehr rücken daher die Betriebe in den Mittelpunkt, um ihren Beschäftigten zu helfen.

In einer Lagerhalle lehnt sich ein Bauarbeiter an ein Regal mit Holz. Er hat die Augen zu und es sieht aus, als würde er schlafen. Im Hintergrund arbeiten zwei seiner Kollegen.
Immer mehr Menschen leiden unter Schlafproblemen, die sich auf die Sicherheit im Job auswirken können.

Laut dem Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster, Dr. Hans-Günter Weeß, klagen mehr als 80 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 35 und 65 Lebensjahren über Schlafprobleme. 43 Prozent sind bei der Arbeit müde und 31 Prozent regelmäßig erschöpft. Die behandlungsbedürftigen Insomnien, also Ein- und Durchschlafstörungen, seien mit einem Anteil von sechs bis zehn Prozent inzwischen eine Volkskrankheit.

Besonders betroffen sind Schichtarbeiter. „Sie müssen dann arbeiten, wenn die Biologie auf Schlaf ausgerichtet ist und schlafen, wenn die Biologie auf Wachsein eingestellt ist“, erläutert Weeß. Doch das ist nicht der alleinige Grund für Schlafstörungen bei den Flex-Beschäftigten. Diese Gruppe neige auch besonders zu Grübeleien und nehme vermehrt Sorgen des Alltags mit ins Bett. Außerdem zeigten die Schichtarbeitenden schlafhinderliche Verhaltensweisen.

Chronische Schlafstörungen hätten in den vergangenen Jahren zugenommen, berichtet Weeß. Bei diesen nützen weder Lavendelkissen noch Baldriantee. Einer der Gründe seien die weltweiten Krisen, angefangen bei der Corona-Pandemie bis hin zum Ukraine-Konflikt und der damit verbundenen Kriegsangst. Angesichts der wirtschaftlichen Lage litten viele Menschen zudem unter Existenzängsten, weil sie etwa um ihren Job und ein ausreichendes Gehalt bangten. 

Auswirkungen auf Aufmerksamkeit und Entscheidungsvermögen

„Wenig Schlaf hat direkte Auswirkungen auf die Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktion, das Entscheidungsvermögen sowie die Arbeitssicherheit und Unfallhäufigkeit“, so Weeß. Bereits eine Stunde weniger Schlaf erhöhe das Unfallrisiko im Straßenverkehr um 30 Prozent. Wer weniger als vier Stunden geschlafen habe, dessen Unfallwahrscheinlichkeit steige um das 4,3-fache an. In einer europäischen Studie gaben 13,6 Prozent der Menschen mit Schlafstörungen Arbeitsunfälle, 20,9 Prozent Haushaltsunfälle und sieben Prozent Unfälle im Straßenverkehr an. 

Zu wenig oder schlechter Schlaf ist alles andere als harmlos. Er kann zu Bluthochdruck führen und erhöht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzinsuffizienz. Auch die Gefahr an Diabetes, Infekten oder Demenzen zu erkranken, steigt. Nicht zuletzt führen Schlafstörungen häufig zu Depressionen, Angststörungen und Burnout. 

„Der Schlaf ist das wichtigste Regenerations- und Reparaturprogramm des Menschen. Er ist die Voraussetzung für Gesundheit, Leistungsvermögen und ein langes Leben“, unterstreicht Weeß. Für ein wirtschaftlich erfolgreiches Land seien ausgeschlafene Mitarbeitende daher eine wesentliche Voraussetzung. Eine Erhebung der RAND-Corporation schätzte den wirtschaftlichen Schaden durch Produktionsausfälle inklusive Fehlzeiten und schläfrigkeitsbedingter Unfälle 2016 auf knapp 60 Milliarden Euro. Belastbare aktuellere Berechnungen zu den Folgekosten gebe es nicht.

„Wenig Schlaf hat direkte Auswirkungen auf die Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktion, das Entscheidungsvermögen sowie die Arbeitssicherheit und Unfallhäufigkeit.“

Dr. Hans-Günter Weeß

Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster

Vom Impulsvortrag bis zum Schlafparcours

Die Wirtschaft erkennt diese Zusammenhänge zunehmend und investiert in spezielle Angebote. „Die Unternehmen wachen hier langsam auf und wissen, um was es geht“, berichtet Weeß, der mit seinem Team auch Coachings in Firmen anbietet. Die Betriebe könnten eine Menge in die Wege leiten, um Schlafstörungen ihrer Beschäftigten im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) vorzubeugen oder zu lindern. Studien zeigten etwa gute Ergebnisse bei der Vorbeugung von Schlafstörungen bei Schichtarbeit (Primärprävention) und der Behandlung von Schichtarbeitenden mit Schlafproblemen (Tertiärprävention). 

Besonders wirksam sind laut Weeß Interventionen, „die über die reine Vermittlung edukativen Wissens zur Schlafhygiene hinausgehen und sich verhaltens-, kognitions- und emotionsbasierten Techniken der Verhaltenstherapie bedienen“. Wichtige Inhalte könnten zum Beispiel in Form von Gesundheitsimpulsvorträgen, Workshops, digitalen Angeboten oder Podcasts transportiert werden. Weitere Möglichkeiten seien Schlafsprechstunden oder Infostände. Eine unterhaltsame Wissensvermittlung versprechen Schlafparcours, Wissensquiz oder Expertentalk. Eingebettet werden können die Aktionen in Jahreskampagnen, Schwerpunktwochen oder Gesundheitstage.

Bei der Schichtplangestaltung ansetzen

Doch auch die Arbeitszeitgestaltung spielt eine gravierende Rolle. Ein Dorn im Auge sind Weeß in diesem Zusammenhang die frühen Aufstehzeiten. „In Deutschland klingelt der Wecker im Schnitt um 6.18 Uhr. Viele Menschen geraten dadurch unter der Woche immer mehr in ein Schlafdefizit hinein.“ Der Buchautor rät deshalb dazu, bei der Schichtplangestaltung anzusetzen. „Ich empfehle flexible Arbeitszeiten, die sich am Schlaf-Wach-Rhythmus der Mitarbeitenden orientieren. Sie sind dann wacher, kreativer, produktiver und machen weniger Fehler.“ Außerdem sollten Beschäftigte nicht nach Feierabend noch erreichbar sein müssen. Im Sinne der Work-Life-Balance bräuchten sie genügend Zeit, um sich vom Joballtag zu erholen. 

Power-Nap noch verpönt

Kein Verständnis hat der Psychologe für Pläne der Politik, die tägliche Arbeitszeit bei Beibehaltung der Wochenarbeitszeit aufzuweichen und etwa Schichten von zehn Stunden zuzulassen. „Dazu muss man wissen, dass ab der achten Stunde das Leistungsvermögen deutlich nachlässt.“ Mit jeder Stunde Mehrarbeit würden auch Schlafstörungen wahrscheinlicher. Wichtig seien aber auch Sport und Bewegung sowie Entspannungsübungen, da sie dem Stressabbau dienten und guten Schlaf förderten. Auch hier könnten Unternehmen ihren Angestellten Angebote machen. 

Im Übrigen unterschätzen laut Weeß die deutschen Firmen die Kraft eines Nickerchens am Tag. Ein kurzer Büroschlaf sei hierzulande weiterhin verpönt. Wer jedoch regelmäßig tagsüber ein Schläfchen von zehn bis 20 Minuten mache, steigere sein Leistungsvermögen, erhöhe Aufmerksamkeit und Konzentration und habe sogar eine höhere Lebenserwartung. „Der Power-Nap sollte Karriere machen.“ 

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