Interview Prävention

„Regional, saisonal, bio muss auch im Sport gelten“

07.07.2026 Ines Körver 5 Min. Lesedauer

Viele Menschen achten beim Sport sehr darauf, was der Sport für sie tut, aber wenig darauf, was sie damit dem Planeten antun. Das muss sich ändern, meint der Medizinsoziologe und Sportwissenschaftler Karim Abu-Omar.

Gruppe von Läuferinnen und Läufern joggt bei Sonnenlicht auf einem Waldweg.
Sport soll klimafreundlicher werden – etwa durch weniger Reisen, geringeren Konsum und regionale Angebote.
Porträt von Karim Abu-Oma, Medizinsoziologe und Sportwissenschaftler
PD Dr. phil. Karim Abu-Omar ist Medizinsoziologe und Sportwissenschaftler.

Herr Dr. Abu-Omar, Sie behaupten: „Sport kann der Natur, ja sogar dem gesamten Planeten schaden.“ Wie kommen Sie darauf?

Dr. Karim Abu-Omar: Die Medizin sagt klar: „Sport hat ganz viele positive Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.“ Doch wir wissen gleichzeitig, dass er oft schlecht für den Planeten ist. Das passiert beispielsweise dadurch, dass Menschen lange Strecken im Auto fahren oder mit dem Flugzeug fliegen, um zu Sportstätten und Sportwettbewerben zu kommen oder dass sie durch Naturschutzgebiete wandern und damit Tier- und Pflanzenwelt schaden.

Welche Evidenz gibt es denn dafür?

Abu-Omar: Da sind zwei Dinge wichtig. Auf der einen Seite gibt es robuste Evidenzen, dass sich unser Planet immer weiter erhitzt. Auf der anderen Seite muss auch der Sport Teil aller Bestrebungen sein, unsere CO₂-Emissionen zu reduzieren. Der Sport ist schließlich nicht aus dem Pariser Abkommen ausgenommen. Somit muss er ebenfalls daran arbeiten, nachhaltiger zu werden. Das heißt oft, die Schäden auf dem Planeten zu reduzieren.

Lässt sich messen, wie schädlich ein Sport für den Planeten ist?

Abu-Omar: Man kann sich zum Beispiel die Fahrtwege anschauen. Für viele Sportarten sind sie es, die so brutal umweltschädlich sind. So kann es sein, dass ich in der Kreisliga Fußball spiele und eine halbe Stunde mit dem Auto zum Auswärtsspiel fahre. Vielleicht setzen sich sogar gleich zehn Autos ein und derselben Mannschaft in Bewegung, in denen nur je eine oder zwei Personen sitzen. Oder aber ein Mensch sagt: „Ich würde so gerne am Boston Marathon teilnehmen“, und dann fliegt er von Frankfurt aus hin. Oder er surft in Australien oder auf Hawaii, weil er da bestimmte Lieblingsspots hat, obwohl auch in Europa gute Surfmöglichkeiten existieren.

Gibt es überhaupt irgendeinen planetenschonenden Sport? 

Abu-Omar: Es gibt sogar welche mit in der Regel positiver Ökobilanz. Da ist zum Beispiel das gute alte Gärtnern – im städtischen Raum etwas hipper als Urban Gardening bekannt: Wer die Welt in seiner Freizeit begrünt, tut etwas fürs Klima und gleichzeitig für seinen Körper und seine Psyche. Oder aber Radfahren und Zu-Fuß-Gehen im Alltag: Das ist planetenschonende Bewegung, die auch sehr gesundheitsförderlich ist.

„Es geht nie darum, Menschen vom Sport abzuhalten, aber auch Sport muss nachhaltiger werden.“

Karim Abu-Omar

Medizinsoziologe und Sportwissenschaftler

Wenn man Leute auffordert, ihre Emissionen beim Sport zu verringern, hören die dann nicht gleich ganz auf mit dem Sport und verursachen durch Inaktivität Krankheiten und dadurch dann zusätzliche Emissionen?

Abu-Omar: Das Argument, dass Menschen aufhören, Sport zu treiben oder krank werden und dann noch mehr CO₂-Emissionen verursachen, kommt immer wieder. Das nennt man in der Ethik sogenannte übertriebene Rebound-Effekte. Man versucht, das eine zu machen und verursacht das Gegenteil. Wer so argumentiert, nimmt extreme Fälle als Anlass und sagt dann: „So etwas wird passieren.“ Fakt ist aber: Vielen Menschen fällt es ganz leicht, Sport klimafreundlicher zu treiben.

Was soll Ihrer Ansicht nach jemand anders machen, der in seiner Freizeit gerne kickt, Tennis spielt, schwimmt oder Ski fährt?

Abu-Omar: Die Richtschnur muss sein: regional, saisonal, bio. Das kennen wir alle schon seit Jahren aus der Ernährung. Auf den Sport umgemünzt heißt das: Sport in meiner Region treiben und nur, wenn es auch saisonal ist. Manchmal ist die Abwägung nicht so einfach: Das Hallenbad ist vor Ort, aber es hat natürlich CO₂-Emissionen, insbesondere im Winter, weil wir es heizen müssen. Skifahren sollte man möglichst nur auf Naturschnee. Oder noch besser: Man lässt den alpinen Skisport ganz weg, weil der extrem schädlich für die Natur ist, man oft weit anreisen muss und man dafür eine umfangreiche Ausrüstung braucht. Apropos Ausrüstung: Da fängt es mit Tennisbällen an und hört mit neuen Turnschuhen und neuer Sportkleidung auf. Wir müssen hier einfach sparsamer werden. Das ist oft ganz einfach und schont den eigenen Geldbeutel. Vielleicht sollte man sich vor dem Kauf von Ausrüstung ehrlich fragen: „Will ich den Gegenstand kaufen, weil ich ihn wirklich für den Sport brauche, oder will ich gerade nur etwas Neues haben?“

Wer außer dem Individuum ist gefordert, etwas zu ändern: Sportvereine, Staaten, Krankenkassen …?

Abu-Omar: Für die Sportvereine und Sportverbände ist das ein schwieriges Thema und die müssen natürlich mitarbeiten. Spielpläne müssen so angepasst werden, dass Menschen nicht quer durch die Republik fahren, um in einer niedrigen Liga am Ligasportbetrieb teilzunehmen. Und auch die Bundespolitik und die europäische Politik ist hier gefordert: Sportarten und -verbände sollten nur subventioniert werden, wenn sie wirklich echte Nachhaltigkeit betreiben und kein Greenwashing. Natürlich ist das auch für die Krankenkassen ein großes Thema, denn ihr Metier ist die Gesundheit ihrer Versicherten. Die Botschaft „regional, saisonal, bio“ müssen auch sie verbreiten. Sport ist total gut für die Gesundheit. Es geht nie darum, Menschen vom Sport abzuhalten, aber auch Sport muss nachhaltiger werden. Und damit stellt sich auch für manche Sportarten die Frage: Haben sie überhaupt noch eine Zukunft?

Zur Person

PD Dr. phil. Karim Abu-Omar hat in Medizinsoziologie an der University of Alabama at Birmingham (USA) promoviert. Er habilitierte sich für Sportwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und lehrt dort als Akademischer Oberrat am Department für Sportwissenschaft und Sport (DSS). Er ist seit 2015 Ko-Direktor des WHO-Kooperationszentrums für Bewegung und Public Health am DSS. Er forscht zu sozialen Ungleichheiten und Aspekten planetarer Gesundheit. 

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