Interview Pflege

„Wichtig ist, dass Pausen zu machen der Normalfall wird“

30.04.2026 Silke Heller-Jung 8 Min. Lesedauer

Wer sich keine Pausen gönnt, schwächt seine Fähigkeit, Stress zu verarbeiten und läuft Gefahr, in einen permanenten Überlastungszustand zu geraten. Welche Vorgänge im Gehirn ablaufen, erläutert Prof. Dr. Arno Villringer, Direktor der Abteilung Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig.

Eine Frau in blauer Pflegekleidung sitzt in einer Lounge vor einem Gebäude und hält ihr Gesicht mit geschlossenen Augen in die Sonne.
Durch Pausen kann das Gehirn Erlebtes besser verarbeiten und Raum für neue Aufgaben schaffen.
Foto: Prof. Dr. Arno Villringer, Direktor der Abteilung Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und Professor an der Universität Leipzig.
Prof. Dr. Arno Villringer ist Direktor der Abteilung Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und Professor an der Universität Leipzig.

Herr Professor Villringer, was wird aus neurowissenschaftlicher Sicht unter Ruhe verstanden? Was verändert sich im Gehirn, wenn Menschen kurz innehalten?

Prof. Dr. Arno Villringer: Das Gehirn organisiert sich in Netzwerken. Früher hat man gedacht, ein bestimmtes Hirnareal hätte jeweils eine bestimmte Funktion. Heute denken wir vermehrt in zusammenarbeitenden Gebieten, in Netzwerken. Wenn bei neurowissenschaftlichen Untersuchungen die Probanden Aufgaben lösen, sehen wir, dass dabei bestimmte Netzwerke im Gehirn aktiv sind. Der Neurologe Marcus Raichle von der Washington University hat stattdessen geschaut: Gibt es denn auch ein Netzwerk, das heruntergeregelt wird, wenn wir etwas tun? Und er hat tatsächlich ein Netzwerk gefunden, das immer dann, wenn man sehr aktiv ist, quasi ruhig ist. Das ist das sogenannte Default Mode Network, also das Ruhezustandsnetzwerk des Gehirns. Es ist immer dann aktiv, wenn wir keinen externen Aufgaben oder Aktivitäten nachgehen, sondern uns nur mit uns selbst beschäftigen. Aus neurophysiologischer Sicht würde ich sagen: Das sind Ruhephasen. 

Menschen, die in der Pflege arbeiten, haben nach einer kurzen Pause manchmal das Gefühl eines mentalen Neustarts. Gibt es dafür eine neurobiologische Erklärung?

Villringer: Während ich mit Ihnen spreche, bin ich aktiv im Tun. Nach Gesprächsende speichert mein Gehirn ab, was eben passiert ist. Und bis das abgespeichert ist, ist mein Gehirn voll mit Informationen, die noch nicht so richtig gesichert sind. Wie beim Computer: Erst wenn ich etwas auf der Festplatte gespeichert habe, ist es gesichert. Wenn der Computer abstürzt, bevor ich die Datei gesichert habe, habe ich Pech gehabt. Meine Interpretation davon, was diesen Effekt ausmacht, ist: Durch eine kurze Pause bereinige ich mein Gehirn von dem, was darin noch herumschwirrt und noch nicht richtig abgespeichert ist. Und danach bin ich dann quasi wieder bereit für neue Aufnahmen. 

Pausen wären also eine Art Übergangsphase zwischen zwei Aktivitäten?

Villringer: Genau. 

„Wenn ich dem Körper seine Ruhephasen nehme, gerät das Verhältnis von Anspannung und Entspannung aus dem Gleichgewicht.“

Prof. Dr. Arno Villringer

Direktor der Abteilung Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig

Welche Rolle spielen Ruhephasen für das Gedächtnis und für das Verarbeiten von Eindrücken?

Villringer: Wenn ich etwas neu erfahre oder lerne, dann werden bestimmte Erinnerungen in einer Struktur im Gehirn, dem sogenannten Hippocampus, abgespeichert. Offensichtlich nutzt das Gehirn dabei eine Struktur, die Dinge, die sich im Zeitverlauf abspielen, an unterschiedlichen Orten ablegt. Ursprünglich waren diese Orte dafür gedacht, dass ich weiß, wo ich bin. Bei Mäusen zum Beispiel sind bestimmte Zellen dann aktiv, wenn sie sich in einer bestimmten Ecke eines Raums befinden. Bestimmte Zellen haben bestimmte Aufgaben. Bestimmte Orte codieren bestimmte Informationen. Und jetzt stellen Sie sich vor, ich müsste mir eine Abfolge von Dingen merken, zum Beispiel: Zuerst gehe ich dort hin, dann kaufe ich ein, danach mache ich dieses und anschließend jenes. Diese Sequenz wird so, in dieser Reihenfolge, im Gehirn an verschiedenen Orten abgespeichert. Wenn ich dann zur Ruhe komme, macht der Hippocampus das Gleiche interessanterweise noch mal: Dieselbe Sequenz wird noch einmal wiederholt. Man nennt das Replay. Und dieses Wiederholen, das ist das bessere Abspeichern. Die Ruhephase ist dafür da, dass man Dinge besser und dauerhaft abspeichert. Deswegen ist es zum Beispiel beim Vokabeln lernen nicht gut, durchzupowern. Man sollte immer wieder mal fünf Minuten Pause machen und dem Gehirn die Möglichkeit geben, Dinge abzuspeichern. Mindestens genauso wichtig ist der Schlaf, die Ruhephase schlechthin. Auch im Schlaf passiert dieses Replay und danach sind alle Informationen noch besser gespeichert.

Das heißt, wenn man tagsüber eine kurze Pause macht, kann so eine Replay Session schon einmal ablaufen und in der Nacht dann ein weiteres Mal?

Villringer: Ja. Man nennt diesen Vorgang Konsolidierung. Die nächtliche Konsolidierung ist noch effizienter – wahrscheinlich, weil dann die Störeinflüsse durch ständig neue sensorische Eindrücke am geringsten sind.

Was bedeuten Pausen für das Verarbeiten von Emotionen oder von belastenden Situationen? Das ist im Pflegealltag ja auch ein wichtiges Thema.

Villringer: Emotionen werden auf ähnliche Art und Weise abgespeichert, sodass man annehmen darf, dass letztlich der gleiche Prozess abläuft: Dass in diesen Ruhephasen vorangegangene Eindrücke erst einmal gespeichert werden und die kontinuierliche Beschäftigung des Gehirns damit erst mal zur Ruhe kommt. Wenn ich ins Grübeln komme, dann wird dieser Effekt möglicherweise umgedreht. Aber wenn ich es schaffe, mich für einen Moment davon abzugrenzen, zu distanzieren, dann findet dieses Abspeichern statt, auch bei Emotionen. Und gleichzeitig wird das Gehirn dadurch in gewisser Weise reingewaschen.

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In der Pflege sind in Phasen großer Belastung die Pausen oft das Erste, was entfällt. Verstehe ich es richtig, dass damit auf Dauer die Fähigkeit geschwächt wird, mit diesem Stress adäquat umzugehen?

Villringer: Ja. Und ich würde sogar noch weitergehen. Zum medizinischen Alltag gehören ja auch Gespräche mit Patienten und Angehörigen. Auch da würde ich sagen, ist es für beide Seiten sinnvoll, nicht einfach nur Informationen zu sammeln und als Fakten auszutauschen, sondern auch Pausen einzulegen. Gerade wenn wir im persönlichen Gespräch, in der Interaktion sind, fürchten wir uns ja manchmal ein bisschen vor Pausen. Aber nach allem, was man weiß, ist es sinnvoll, zwischendurch eine Pause, eine kurze Ruhephase, einzuschalten. Denn dadurch bringt man das Gehirn wieder in einen Zustand, in dem Dinge dauerhaft gespeichert werden, sodass man sich danach wieder neuen Dingen widmen kann.

Warum, würden Sie sagen, ist es wichtig, dass Pflegende Pausen machen?

Villringer: Wenn Sie dem Gehirn konsequent Ruhepausen verweigern, kommt die pflegende Person in einen Zustand, der zunehmend Stress erzeugt und in chronischen Stress übergehen kann. Nach einer vorübergehenden Stressphase geht die Anspannung wieder zurück. Aber wenn dieser Zustand zu lange andauert, wenn eine Pflegekraft ständig überaktiv sein muss, dann wird aus einem Stresszustand, der sich wieder zurückbildet, etwas, das den Körper dauerhaft schädigt. Wenn ich dem Körper seine Ruhephasen nehme, gerät das Verhältnis von Anspannung und Entspannung aus dem Gleichgewicht. Dann ist ein Punkt erreicht, an dem man seiner Gesundheit schadet, weil chronischer Stress zu Folgeerkrankungen wie hohem Blutdruck führen kann. Letzteres ist ein wichtiger Risikofaktor zum Beispiel für Schlaganfall und Herzinfarkt. 

Und was passiert, wenn es nicht gelingt, das Stresslevel wieder auf ein gesundes, entspanntes Maß ganz herunterzufahren? Baut sich die Anspannung dann weiter auf?

Villringer: Ja. Wir unterscheiden zwischen akutem Stress und chronischem Stress. Akuter Stress kann, wenn er zu stark wird, zu einem posttraumatischen Belastungssyndrom führen; zum Beispiel, wenn man etwas erlebt, mit dem man nicht fertigwerden kann. Akuter Stress kann aber auch positiv sein: Ich kann ihn überwinden, daraus lernen und bin danach stärker. Wenn aber der akute Stress in chronischen Stress übergeht und ich das Gefühl habe, ich komme da nicht mehr raus, dann sinkt das Stresshormon Cortisol im Körper nicht mehr vollständig ab. Auch der Puls geht nicht mehr richtig runter. Und genau da liegt die Gefahr. Wir wissen, dass chronischer Stress ein Risikofaktor ist für hohen Blutdruck, aber auch für Depressionen. Bei Depressionen zum Beispiel ist uns bekannt, dass das Cortisol dauerhaft, auch in Ruhephasen, nicht mehr runtergeht. Es geht aber auch nicht mehr richtig hoch. Es ist wie eingefroren. 

Wenn Sie Pflegeeinrichtungen einen Rat zum Thema Pausen geben sollten: Was wäre aus neurobiologischer Sicht dabei zu beachten, damit sie einen positiven gesundheitlichen Effekt haben?

Villringer: Wichtig ist ein Rückzugsort – einer, der vielleicht auch für Einzelpersonen geeignet ist. Soziale Kontakte, etwa in der Kaffeeküche, sind gut. Aber es ist sinnvoll, wenn es auch eine Möglichkeit gibt, sich auch mal für sich allein zurückzuziehen, um zur Ruhe zu kommen. Wichtig ist auch, dass Pausen zu machen der Normalfall wird. Das ist immer eine Frage der übergeordneten Kultur in einer Gruppe. Eine empathische, das Miteinander fördernde Struktur im Team ist das Allerwichtigste. Dann sind solche Dinge wie regelmäßige Pausen einfacher zu realisieren – allerdings immer noch nicht wirklich einfach in Strukturen, die unter einem starken monetären Druck stehen. Aber das zu ändern, wäre eine politische Aufgabe.

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