„Bei Schulangst brauchen Kinder frühe Hilfen“
Ein Virtual-Reality-Spiel soll helfen, Schulangst bei Kindern zu überwinden. Stephan Kiefer vom Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) erläutert das Konzept.
Wie groß ist das Problem Schulangst in Deutschland?
Stephan Kiefer: Schulangst ist keine eigenständige klinische Diagnose. Daher sind wir auf Schätzungen angewiesen. Studien zufolge sind drei bis sieben Prozent der Kinder betroffen. Die meisten Daten stammen aus der Zeit vor der Pandemie. Seitdem haben Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen zugenommen. Grob gerechnet sind damit ein bis zwei Kinder pro Schulklasse betroffen.
Warum ist frühe Hilfe wichtig?
Kiefer: Kinder mit Schulangst klagen morgens oft über Kopf- oder Bauchschmerzen und bleiben zu Hause. Das verstärkt die Angst und kann zu Schulabsentismus führen. Lange Wartezeiten auf Therapieplätze erhöhen das Risiko, dass sich die Schulangst verfestigt. Deshalb brauchen Kinder frühe, niedrigschwellige Hilfen. Eine solche Hilfe könnte künftig die Virtual-Reality-Anwendung „angstVRei“ bieten. Derzeit befindet sich das Verbundprojekt des Bundesforschungsministeriums unter Leitung des Fraunhofer IBMT in der Entwicklung.
Wie kann Virtual Reality helfen?
Kiefer: Eine klassische Exposition ist nur aufwendig umzusetzen, weil dafür eine reale, angstauslösende Schulsituation geschaffen werden müsste. Virtuell lassen sich Schulszenarien kontrolliert und in verschiedenen Schwierigkeitsstufen darstellen. Die Anforderungen lassen sich schrittweise steigern. So lernen die Kinder, belastende Situationen auszuhalten und passende Verhaltensweisen zu trainieren, etwa bei einem Vortrag vor der Klasse.
Wie unterstützt das Spiel die Kinder?
Kiefer: Ein digitaler Avatar gibt positives Feedback und macht den Kindern Mut. Auch spielerische Belohnungen sollen sie unterstützen: Nach erfolgreich absolvierten Levels können sie beispielsweise Karten erhalten, mit denen sich später hilfreiche Elemente freischalten lassen. Das Spielkonzept wurde gemeinsam mit therapeutischen Fachleuten entwickelt. Ob der Ansatz sicher und wirksam ist, soll eine Machbarkeitsstudie zeigen.
Wie wird die Anwendung begleitet?
Kiefer: In der geplanten Studie mit 40 Kindern begleitet eine Therapeutin oder ein Therapeut die Anwendung. Sie oder er sieht, was das Kind über die VR-Brille erlebt, beobachtet seine Reaktionen und kann jederzeit eingreifen. Das Kind wird nach seinem Angsterleben gefragt und kann sich bei Überforderung in einen virtuellen Rückzugsraum begeben. Nach jeder etwa 20-minütigen Spieleinheit wird das Erlebte besprochen. Perspektivisch könnten auch Biofeedback-Daten helfen, die Übungen anzupassen oder die Anwendung abzubrechen.
Welche Bedeutung hat das Biofeedback?
Kiefer: Beim Biofeedback erfassen zusätzliche Sensoren Puls und Herzratenvariabilität. Ergänzend werden Stimme und Spielverhalten analysiert. Daraus sollen KI-Modelle ableiten, wie hoch das aktuelle Angst- und Stressniveau des Kindes ist. Die Daten laufen in einer Therapeuten-App zusammen und werden zunächst parallel zur Anwendung ausgewertet. Langfristig könnten sie helfen, Übungen anzupassen, Pausen oder einen Rückzug vorzuschlagen und die Anwendung bei zu hoher Belastung abzubrechen. Ob das zuverlässig funktioniert, wird in der Studie untersucht.
„Grob gerechnet sind ein bis zwei Kinder pro Schulklasse von Schulangst betroffen.“
Welche Chancen bietet „angstVRei“?
Kiefer: Die Anwendung könnte Wartezeiten bis zu einem Therapieplatz überbrücken und eine Behandlung ergänzen. Perspektivisch wäre auch ein niedrigschwelliger Einsatz in Schulen denkbar. Klar ist aber: Virtual Reality kann eine gute Versorgung unterstützen, nicht ersetzen.
Wie kann die Anwendung in die Regelversorgung kommen?
Kiefer: Zunächst muss sie ihre Sicherheit, Wirksamkeit und Akzeptanz in Studien belegen und als Medizinprodukt zugelassen werden. Anschließend käme eine Aufnahme in den Hilfsmittelkatalog oder in das Verzeichnis digitaler Gesundheitsanwendungen infrage. Auch Finanzierung und Technik müssten geklärt werden, etwa über Mietmodelle, Schulen oder Krankenkassen. Bis dahin bleibt „angstVRei“ ein Forschungsprojekt und noch keine verfügbare Therapie.
Lässt sich der Ansatz auf andere Störungen übertragen?
Kiefer: Grundsätzlich eignet sich der Ansatz für Angststörungen, die mit Exposition behandelt werden können, etwa soziale Ängste oder Angst vor Arztbesuchen. Auch bei Spinnenangst gibt es bereits entsprechende Anwendungen. Weitere Einsatzfelder sind denkbar, müssen aber jeweils eigens entwickelt und untersucht werden.
Zur Person
Dipl.-Inform. Stephan Kiefer ist stellvertretender Leiter der Arbeitsgruppe Biomedizinische Daten am Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik sowie Verbundkoordinator des Projekts „angstVRei“.
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