„Das System kommt an seine Grenzen“
Immer mehr Ärzte bleiben über ihr Ruhestandsalter hinaus im Beruf. Wie Peter Engeser, Hausarzt aus Pforzheim. Ein Gespräch über Verantwortung, Nachwuchsmangel und die Realität im heutigen Praxisalltag.
Herr Dr. Engeser, warum sind Sie mit über 70 noch Tag für Tag in der Praxis?
Dr. Peter Engeser: Ich arbeite sehr gern und liebe meine Tätigkeit! Doch das ist nicht der einzige Grund. Wenn ich jetzt aufhören würde, würde ein weiterer Arzt fehlen. Der Mangel ist gerade in hausärztlichen Praxen inzwischen massiv. Allein in unserem hausärztlichen Versorgungsbereich rund um Pforzheim sind viele Sitze nicht nachbesetzt oder nur teilweise besetzt. Konkret: Von 60 Planstellen sind nur etwa 20 vergeben. Das bedeutet: Für viele Patientinnen und Patienten wird es immer schwieriger, überhaupt noch einen Hausarzt zu finden. Ich fühle mich verantwortlich – für meine Patientinnen und Patienten, aber auch für den ärztlichen Nachwuchs. Aktuell begleite ich zwei Ärzte in ihrer Weiterbildung bis zur Facharztprüfung, damit sie anschließend in die hausärztliche Versorgung einsteigen können.
Seit wann arbeiten Sie in eigener Praxis?
Engeser: Ich habe 1987 die Praxis meines Vaters übernommen. Die familiäre Prägung war stark, denn meine Mutter war ebenfalls Hausärztin.
Was macht diesen Beruf für Sie bis heute so besonders?
Engeser: Vor allem die langjährigen Beziehungen zu meinen Patientinnen und Patienten. Viele begleite ich bereits seit Jahrzehnten. Daraus entstehen Vertrauensverhältnisse, die weit über einzelne Behandlungen hinausgehen. Hausarztmedizin bedeutet für mich, den Menschen in seiner Gesamtheit zu betrachten: körperlich, psychisch und in seinem sozialen Umfeld.
Kranke behandelt er an einem normalen Vormittag.
Was heißt „ganzheitlich“ konkret im Praxisalltag?
Engeser: Es bedeutet, Zusammenhänge zu erkennen, die nicht sofort offensichtlich sind. Eine 86-jährige Patientin mit chronischer Lungenerkrankung und Gelenkbeschwerden erzählte mir kürzlich von einem Konflikt mit ihrem weit entfernt lebenden Sohn. Kurz darauf entwickelte sie Übelkeit, Appetitlosigkeit und ein allgemeines Krankheitsgefühl.
Ist diese Zeit überhaupt noch vorhanden?
Engeser: Die Spielräume gegenüber vergangenen Jahren sind heute deutlich knapper, der Druck im Alltag ist spürbar höher. Das ist ein klarer Unterschied zu früher. Gleichzeitig lernt man mit der Erfahrung, schneller zu entscheiden: Was lässt sich zügig klären, wo muss ich innehalten? Ein Infekt mit Husten und Heiserkeit ist meist schnell eingeordnet. Komplexe Situationen erfordern jedoch genaue Untersuchungen und aufmerksames Zuhören – und den nötigen Raum dafür nehme ich mir auch. Die eigentliche Herausforderung ist: effizient arbeiten und trotzdem gründlich bleiben.
Woran merken Sie im Alltag am deutlichsten, wie sich die Hausarztmedizin verändert hat?
Engeser: Wenn ich einen typischen Vormittag nehme: Ich behandle etwa 20 Patientinnen und Patienten, die akute und chronische Beschwerden haben. Die Vielfalt der Diagnosen ist gleich geblieben, doch was sich verändert hat, ist die Art, wie wir arbeiten. Die Medizin ist stärker wissenschaftlich fundiert. Leitlinien geben Orientierung und erhöhen die Qualität. Zum Beispiel: Früher wurde ein Hexenschuss häufig mit einer Injektion behandelt, mit Schmerzmitteln, Cortison, Vitamin B12. Das half kurzfristig, gilt inzwischen aber als problematisch. Heute setzt man eher auf Aktivierung und Zurückhaltung. Gleichzeitig bedeutet diese Entwicklung, dass Entscheidungen stärker begründet und dokumentiert werden müssen, was zusätzliche Zeit bindet.
„Viele Patienten begleite ich Jahrzehnte, so entsteht Vertrauen weit über Behandlungen hinaus.“
Hausarzt
Wann wird Erfahrungswissen entscheidend?
Engeser: Neulich erst kam eine Patientin mit Kopfschmerzen und erwähnte so nebenbei, dass sie 40 Zigaretten täglich raucht. Ich sagte: „Dann müssten Sie doch ständig Kopfschmerzen haben.“ Sie antwortete: „Ja, aber diese sind anders.“ Dieses „anders“ war entscheidend. Ich habe sie zum MRT geschickt, und es zeigten sich multiple Hirnmetastasen eines Lungentumors. Solche Hinweise stehen in keiner Leitlinie. Sie ergeben sich aus Kenntnis, Aufmerksamkeit und dem Gespräch.
Gibt es Aufgaben, die es früher so nicht gab?
Engeser: Ein zentraler Punkt ist die Digitalisierung. Wenn sie funktioniert, entlastet sie – wenn nicht, bindet sie Ressourcen. Es kommt vor, dass eine medizinische Fachangestellte einen halben Tag mit technischen Problemen beschäftigt ist. Diese Zeit fehlt direkt für die Patienten. Das ist ein Unterschied zu früher: zusätzliche Aufgaben, die nichts mit Medizin zu tun haben, aber den Alltag stark prägen. Manchmal verschiebt sich dadurch der Schwerpunkt des Arbeitstags spürbar – weg von der unmittelbaren Patientenversorgung hin zur Organisation und Problemlösung im Hintergrund.
Was funktioniert bereits, und wo liegen die Probleme?
Engeser: Das E-Rezept läuft inzwischen gut und stabil. Andere Anwendungen, etwa die elektronische Patientenakte, sind noch fehleranfällig. Gleichzeitig hat sich der Umgang mit Patienten verändert. Viele kommen gut informiert, aber mit festen Vorstellungen, die sie sich aus dem Internet angelesen haben. Ein Patient war wegen eines minimal erhöhten Blutwerts stark verunsichert und hatte online bereits eine Diagnose gestellt. Meine Aufgabe ist dann, einzuordnen: Was ist relevant, was nicht?
Ist der Umgang mit Patienten dadurch schwieriger geworden?
Engeser: Nicht grundsätzlich. Informierte Patienten sind nichts Negatives, im Gegenteil. Schwieriger wird es dort, wo Informationen nicht eingeordnet werden können. Ein Beispiel ist der Umgang mit Fieber bei Kindern: Heute wird mehr Zurückhaltung bei fiebersenkenden Maßnahmen empfohlen. Viele Eltern sind darüber verunsichert, weil sie es anders gelernt haben, und zweifeln ärztliche Empfehlungen an.
Welche Rolle spielen wirtschaftliche Vorgaben?
Engeser: Als Selbstständiger musste ich immer wirtschaftlich denken. Aber der Einfluss ist nun spürbarer. Wir beschäftigen inzwischen deutlich mehr Personal, aktuell 15 Angestellte. Viele Aufgaben, etwa strukturierte Behandlungsprogramme für chronisch Kranke, erfordern zusätzliche Ressourcen. Das verbessert die Versorgung, erhöht aber gleichzeitig den wirtschaftlichen Druck.
Beeinflussen diese Rahmenbedingungen Ihre medizinischen Entscheidungen?
Engeser: Ja. Ich treffe Entscheidungen teilweise anders, nicht aus Überzeugung, sondern wegen der Vorgaben. Da Leitlinien und Richtlinien strenger geworden sind, muss ich bei Verordnungen genau darauf achten, sonst drohen Regressforderungen. Das schränkt die Entscheidungsfreiheit ein, und das spüre ich im Praxisalltag.
Welche Vorteile hat es, wenn erfahrene Ärzte wie Sie weiterarbeiten?
Engeser: Ich kann an jüngere Kolleginnen und Kollegen Wissen weitergeben. Das ist ein wichtiger Aspekt. Und ganz praktisch: Es hilft, Versorgungslücken zu schließen. In der aktuellen Situation ist jede erfahrene medizinische Arbeitskraft absolut wichtig.
Es gibt seit längerer Zeit Schwierigkeiten, Nachwuchs für die Hausarztmedizin zu gewinnen. Warum ist es so schwer?
Engeser: Ein Grund liegt in der langen strukturellen Schwächung des medizinischen Unterrichtsfachs an den Universitäten. Es hat sich inzwischen ein bisschen verbessert, aber nicht ausreichend. Gleichzeitig wirken steigende Bürokratie, wirtschaftlicher Druck und Arbeitsbelastung abschreckend auf Studierende. Das sind Faktoren, die zu großen Problemen führen.
„Dass Hausärzte lange arbeiten, liegt nicht nur an der Motivation, sondern daran, dass ein System an Grenzen stößt.“
Hausarzt
Wie zeigt sich das bei der Suche nach einer Nachfolge?
Engeser: Viele schrecken vor ganz praktischen Risiken zurück: mögliche Regressforderungen oder Verpflichtungen wie der Bereitschaftsdienst, den wir alle leisten müssen. Das sind keine theoretischen Hürden, sondern reale Gründe, sich gegen eine Niederlassung zu entscheiden.
Wann wäre für Sie persönlich der richtige Zeitpunkt gekommen aufzuhören?
Engeser: Wenn beide Ärzte in Weiterbildung ihre Facharztprüfung abgelegt haben, werde ich mich schrittweise zurückziehen und dann möglicherweise meine Anwesenheit auf einen Tag pro Woche reduzieren. Doch die Kollegen sagen schon jetzt, dass sie mich brauchen werden und ich nicht ganz aussteigen soll.
Hätten Sie gedacht, dass Sie so lange arbeiten würden?
Engeser: Nein. Mein Vater hat übrigens mit 74 aufgehört, weil er wartete, bis ich mit meiner Ausbildung fertig war. Jetzt bin ich 71, fühle mich leistungsfähig, fachlich sicher und mache weiter. Aber mal ehrlich: Dass viele von uns Hausärzten so lange arbeiten, liegt nicht nur an der eigenen Motivation. Es ist auch ein Hinweis darauf, dass das System an seine Grenzen kommt und jeder von uns gebraucht wird, um die Versorgung überhaupt aufrechtzuerhalten.
Zur Person
Dr. Peter Engeser ist Facharzt für Allgemeinmedizin und verfügt über Zusatzqualifikationen, unter anderem in Palliativmedizin und Umweltmedizin. Seine Praxis ist Teil einer größeren Gemeinschaftspraxis.
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