Interview Gesundheitssystem

„China wechselt auf die Überholspur"

22.04.2026 Thomas Rottschäfer 6 Min. Lesedauer

Der Wirtschaftsjournalist und Bestsellerautor Frank Sieren lebt seit 1994 in China. Zuletzt hat er analysiert, wie es dem Land gelang, Innovationsrichtung und Geschwindigkeit der weltweiten Autoindustrie zu bestimmen. Er hält es für möglich, dass China auch der Aufstieg zur globalen Gesundheitsmacht gelingt.

Eine Arbeiterin in blauer Schutzkleidung und Haube bedient Maschinen in einer sauberen industriellen Produktionsumgebung.
China wird nach Einschätzung von Frank Sieren auch im Gesundheitsbereich zu einem zentralen Akteur weltweit.
Foto: Porträt von Frank Sieren, Autor und Wirtschaftsjournalist
Frank Sieren ist Wirtschaftsjournalist sowie Bestsellerautor und lebt seit 1994 in China.

Herr Sieren, was veranlasst Sie zu Ihrer Prognose?

Frank Sieren: Die gewaltige Innovationskraft. China investiert enorm stark in die Gesundheitsforschung, in neue Heilmethoden und Medizintechnik. Das Land wechselt auch in diesem Bereich von der Fabrik der Welt auf die innovative, KI-basierte Überholspur. Peking hat bei mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern und mit einer alternden Gesellschaft größtes Interesse daran, dass die Menschen erst gar nicht krank werden und sie im Krankheitsfall gut behandelt werden können. Diabetes oder Herzkrankheiten sind auch hier ein zunehmendes Problem. Im Bereich der seltenen Erkrankungen wird in China – auch wegen der größeren Patientengruppen – viel mehr geforscht als in Europa. Es gibt bereits deutsche Patienten mit einer seltenen Erkrankung, die nach China kommen, weil es in Europa dafür keine Behandlung gibt. Dieser Gesundheitstourismus dürfte in Zukunft deutlich zunehmen.

Welche Medikamente sehen Sie, wenn Sie in die Apotheke gehen?

Sieren: Es gibt immer noch viele Medikamente deutscher und europäischer Pharmaunternehmen, aber sie werden in großer Geschwindigkeit von Arzneimitteln aus chinesischer Herstellung abgelöst – Lizenzmedikamente, aber auch immer mehr wettbewerbsfähige Eigenentwicklungen. Das Land strebt nach Unabhängigkeit. In China ist auch im Gesundheitsbereich die Bereitschaft größer als im Westen, Dinge einfach mal auszuprobieren und früher anzuwenden – etwa in der Krebs- oder Stammzellforschung. Was der ersten Patientengruppe noch nicht nützt, hilft vielleicht der nächsten. Natürlich sind die Rahmenbedingungen weiter gesteckt. Es gibt aber auch eine große Offenheit bei Patienten, in vielleicht noch nicht vollständig ausgereifte Behandlungen einzuwilligen.

Traditionell arbeiten europäische Universitäten eng mit nordamerikanischen Einrichtungen zusammen. US-Präsident Donald Trumps Politik stellt da gerade einiges in Frage. Kann das zu einer stärken Forschungszusammenarbeit mit China führen?

Sieren: China wird in erster Linie als sehr herausfordernder Wettbewerber wahrgenommen. Die rotgrüne Bundesregierung unter Kanzler Olaf Scholz hatte auf Druck der Grünen die Kooperation deutlich heruntergefahren – vor allem aus der Sorge heraus, durch die Zusammenarbeit Wissen wegzugeben. Das hat sich auch unter der jetzigen Bundesregierung bislang nicht geändert. Ich halte das für einen Fehler. Inzwischen sind wir es, die auf vielen Feldern von China lernen können. Wir müssen uns an die Vorstellung gewöhnen, dass da jetzt auf Dauer ein neuer großer Player zentral mitspielt. Wir sollten zusammenarbeiten, solange wir noch etwas zu bieten haben und den Chinesen auf Augenhöhe begegnen können. In einigen Bereichen haben sie uns bereits abgehängt.

„Wir müssen uns an die Vorstellung gewöhnen, dass da jetzt auf Dauer ein neuer großer Player zentral mitspielt.“

Frank Sieren

Wirtschaftsjournalist

Peking verfolgt auch in der Gesundheitswirtschaft eine klare „China first“-Politik.

Sieren: Daran ist nichts Verwerfliches. Jedes Land möchte so viel wie möglich selbst entwickeln und selbst herstellen. China verfügt über die finanziellen Möglichkeiten und Forschungskapazitäten, um dabei voranzukommen. Es auch geht darum, mehr Arbeitsplätze im eigenen Land zu schaffen und unabhängig von ausländischen Pharmaunternehmen oder Medizingeräteherstellern zu werden. Dadurch behält man auch im geopolitischen Machtkampf die Hebel in der Hand und man kann entscheiden zu welchen Preisen man medizinische Leistungen anbietet.

Ist China bereit, Arzneimittel als politisches Druckmittel einzusetzen?

Sieren: Es geht den Chinesen meines Erachtens nicht darum, Europa oder die USA zu besiegen. Es ihnen vor allem um Eigenständigkeit, also darum, so leben und Politik machen zu können, wie sie es wollen. Wenn es zu einer Konfrontation mit dem Westen käme, würde Peking natürlich seine Joker ziehen, und dazu gehört der Medikamentenexport. Am Beispiel der Seltenen Erden sieht man ja bereits, dass das Land bereit ist, ein Monopol für eigene Interessen einzusetzen.

Eine Person in Schutzkleidung und Schutzbrille arbeitet konzentriert im Labor mit Proben und Geräten unter farbigem Licht.
China ist für die heimischen Pharma- und Medizintechnik-Unternehmen ein ebenso wichtiger wie schwieriger Partner. Das Klischee von der „verlängerten Werkbank“ des Westens ist längst passé. Peking forciert massiv eigene Forschung, Entwicklung und Produktion. Zugleich wächst Europas Abhängigkeit von chinesischer Arzneimittelproduktion.
22.04.2026Thomas Rottschäfer11 Min

Wie wahrscheinlich ist ein militärischer Konflikt um Taiwan?

Sieren: Einen Krieg um Taiwan halte ich derzeit für wenig wahrscheinlich. Ein Ausfall der dortigen Chipproduktion würde eine weltweite Wirtschaftskrise auslösen. Warum sollte Peking das bei einem Rekord-Handelsbilanzüberschuss von 1,2 Billionen US-Dollar im vergangenen Jahr, mit kaum Auslandschulden und als der größte Gläubiger der USA riskieren? Zu solchen ideologischen Kurzschlusshandlungen neigen Regierungen eigentlich nur, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht, wie Trump mit dem Irankrieg. 

Die EU will mit Milliarden für Forschung und Standortförderung Pharmaproduktion aus Asien zurückzuholen. Die EU-Kommission wirbt generell für eine „Made in Europe“-Strategie zur Stärkung der strategischen Autonomie. Der richtige Weg?

Sieren: Zum gleichen Preis wird man die Arzneimittel dann nicht bekommen. Die Produktion wurde ja nach Asien verlagert, um preiswertere Medikamente herstellen zu können. Trotzdem: Der Weg ist richtig, nur würde ich empfehlen, mehrgleisig zu fahren: Einerseits die eigene Forschung verstärken und die ein oder andere Regulierung lockern. Andererseits mit chinesischen Unternehmen in den Bereichen kooperieren, wo diese einfach besser sind. Die Hälfte des Gewinns in einem Joint Venture mit einem chinesischen Partner ist doch besser als am Ende leer auszugehen.

Politische Lösungen, die sich vor internationalem Wettbewerb „schützen“ wollen, führen am Enden nur dazu, dass man abgehängt wird. Die Patienten und die Krankenkassen werden am Ende nicht akzeptieren, dass es medizinische Leistungen anderswo billiger und besser gibt. Wir brauchen eine Debatte darüber, wo Deutschland und Europa noch alleine international wettbewerbsfähig sind, und in welchen Bereichen es bereits mehr Sinn macht, mit chinesischen Firmen zu kooperieren, sonst geht es der Gesundheitswirtschaft in einigen Jahren wie der Autoindustrie heute – die ist vor allem wegen der besseren und günstigen Wettbewerber in freiem Fall.

Zur Person

Frank Sieren (geb. 1967 in Saarbrücken) hat in Trier und Berlin Politische Wissenschaften mit Schwerpunkt Wirtschaft studiert. Er lebt seit 1994 in Peking und gilt als einer der besten deutschen China-Kenner. Im September 2025 erschien sein jüngstes Buch „Der Auto- Schock – Wie China uns abhängen konnte und was das für unsere Zukunft bedeutet“.

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