Artikel Prävention

Was Deutschland von Europa lernen kann

18.03.2026 Maria Sinjakowa 6 Min. Lesedauer

Deutschland gibt Milliarden für die Behandlung von Krankheiten aus, verhindert aber vergleichsweise wenig davon. Beim Präventionsgipfel des AOK-Bundesverbandes in Berlin wurde deshalb eine grundlegende Frage gestellt: Warum nutzt die Gesundheitspolitik bekannte Maßnahmen so zögerlich? Ein Blick nach Europa zeigt, dass andere Länder entschlossener handeln.

Foto: Aufgeschnittene grüne Äpfel auf rotem Hintergrund.
Täglich Obst essen – unter den richtigen Rahmenbedingungen fällt eine solche Entscheidung leichter.

Millionen Menschen treffen täglich Entscheidungen, die langfristig gesundheitliche Folgen haben können: ein Bier über den Durst, Rauchen in geselligen Runden, Limos und Chips vor dem Fernseher und Computerspiele statt Spaziergang. Die einzelnen Handlungen wirken banal. In der Summe führen sie jedoch zu chronischen Erkrankungen, verlorenen Lebensjahren und erheblichen Kosten für das Gesundheitssystem. 

Die Forschung zeigt: Das Gesundheitsverhalten des Einzelnen wird stark von den Alltagsbedingungen geprägt. Andere Länder haben das erkannt und steuern gegen, anders als Deutschland. Im März 2026 hat der AOK-Bundesverband in Berlin den 1. Deutschen Präventionsgipfel veranstaltet und dabei eine unbequeme Frage gestellt: Warum lässt ein wohlhabendes Land mit einem teuren Gesundheitssystem vermeidbare Krankheiten weitgehend ungebremst entstehen – und was lässt sich von Nachbarn lernen, die längst gehandelt haben?

Ein System, das zu spät greift

Oliver Huizinga, Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband
Oliver Huizinga, Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband

Die gesetzliche Krankenversicherung steckt unter wachsendem Druck: steigende Kosten, eine alternde Bevölkerung, mehr chronische Erkrankungen bei jüngeren Erwachsenen. In der politischen Debatte drehen sich die Lösungen meistens jedoch um Beitragssätze, Bundeszuschüsse und Leistungseinsparungen. Weniger Aufmerksamkeit erhält die Frage, wie sich Krankheitslast strukturell reduzieren ließe. Dabei zeigen internationale Daten, unter anderem der OECD, dass Tabakkonsum, ungesunde Ernährung, riskanter Alkoholkonsum und Bewegungsmangel für einen Großteil der vermeidbaren Erkrankungen verantwortlich sind, deren Behandlung das Gesundheitssystem viel Geld kostet.

Oliver Huizinga, Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband und Initiator des Gipfels, formuliert den Anspruch entsprechend: Prävention sei „nicht lediglich eine flankierende Maßnahme, sondern ein zentraler Hebel zur Sicherung von Gesundheit und Wohlstand“. Er versteht Präventionspolitik als systemrelevant: Wenn weniger Menschen chronisch erkranken, bleiben Beiträge stabiler, Beschäftigte fallen seltener aus und die sozialen Sicherungssysteme werden entlastet.

Hohe Ausgaben, begrenzte Steuerung

Deutschland gibt im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel für Gesundheit aus und liegt trotzdem bei zentralen Präventionskennzahlen weit hinten. Der Public Health Index von AOK und DKFZ zeigt: Beim Umsetzen wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen belegt Deutschland von 18 europäischen Ländern den vorletzten Platz. Statt Krankheiten früh zu verhindern, werden sie spät und teuer behandelt. Wirksame Maßnahmen wie Preisgestaltung, Werbebeschränkungen und Eingrenzung der Verfügbarkeit von Tabak, Alkohol oder stark verarbeitete Lebensmittel kommen nur schleppend voran. Sie gelten politisch als heikel.

Huizinga macht deutlich, dass Aufklärungskampagnen und freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie nicht ausreichen. Sie mögen das Bewusstsein schärfen, aber solange Alkohol billig und allgegenwärtig ist, Zigaretten und Nikotinprodukte als cooler Lifestyle vermarktet werden und ungesunde Ernährung günstiger als gesunde Ernährung ist, animiert die Umgebung täglich zum Gegenteil. Er drängt deshalb auf politische Maßnahmen, die gesundes Verhalten im Alltag attraktiver machen, statt die Verantwortung allein den Einzelnen zu überlassen.

„Prävention ist keine flankierende Maßnahme – sie ist ein zentraler Hebel für Gesundheit und Wohlstand.“

Oliver Huizinga

Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband

Die politische Hürde

Damit aus Wissen Politik wird, braucht es mehr als Studien und Empfehlungen. „Die entscheidende Frage lautet, ob es uns gelingt, ein parteiübergreifendes Commitment zu erzielen, damit sich in Deutschland etwas bewegt“, sagt Huizinga. Prävention erfordert Entscheidungen, die kurzfristig unbequem sind, etwa höhere Tabaksteuern, Einschränkungen bei Alkoholwerbung oder Abgaben auf zuckerhaltige Getränke, langfristig aber Leben verlängern und Kosten senken. Beim Gipfel standen deshalb nicht neue Ziele im Vordergrund, sondern die Frage der Umsetzung bekannter Erkenntnisse. Für Huizinga ist entscheidend, ob es gelingt, „den Konsens unter Fachpolitikerinnen und -politikern erfolgreich in die Parteispitzen zu tragen“.

Niederlande strebt eine rauchfreie Generation an

Besonders deutlich wird der deutsche Rückstand in der Tabakpolitik. Während hierzulande noch über schrittweise Werbeverbote und moderate Steuererhöhungen diskutiert wird, denken Länder wie die Niederlande längst weiter: Sie verfolgen eine Strategie zur rauch- und nikotinfreien Generation, mit dem Ziel, den Anteil der Raucher bis 2040 auf unter fünf Prozent zu senken. 

Huizinga sieht darin ein Beispiel für ein klares politisches Zielbild, das die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgekosten des Rauchens ernst nimmt. Statt nur Ausstiegsprogramme anzubieten, wird vor allem der Einstieg erschwert. Für Deutschland ist das ein Spiegel: Die Instrumente sind bekannt, aber bislang nur halbherzig eingesetzt.

Grafik: Anteil der Rauchenden in den Niederlanden zwischen 2014 und 2024 sank um -8.

UK: Abgabe auf Zucker lässt Industrie umdenken

Ein weiteres Vorbild ist Großbritannien mit der Soft Drinks Industry Levy – einer Herstellerabgabe auf stark zuckerhaltige Getränke. Sie setzt nicht beim Konsumenten an, sondern bei der Produktgestaltung: Wer viel Zucker im Getränk lässt, zahlt mehr; wer den Zuckergehalt senkt, wird entlastet. Studien zeigen, dass der durchschnittliche Zuckergehalt in Softdrinks seitdem drastisch gesunken ist, ohne dass dies der Softdrink-Industrie geschadet hat. 

Dahinter steckt eine Idee, die in Deutschland noch zu selten greift: Politik sollte Umgebungen so gestalten, dass den Menschen gesündere Entscheidungen leichter fallen. Das Gegenargument vom „Nanny-Staat“, der mündige Bürger bevormunde, lässt Huizinga nicht gelten. Der Status quo ist nicht neutral. Preise, Werbung und die ständige Verfügbarkeit beeinflussen, was Menschen kaufen und treffen benachteiligte Gruppen besonders stark, was die soziale Ungleichheit noch verstärkt. Kluge Präventionspolitik setze genau hier an, ohne Eigenverantwortung abzusprechen.

Grafik: Der Zuckergehalt in Softdrinks reduzierte sich in Großbritannien zwischen 2015 und 2020 um 46%.

Litauen reguliert den Alkoholkonsum

Litauen zeigt, was passiert, wenn ein Land Alkoholpolitik konsequent umsetzt: hohe Verbrauchersteuern, eingeschränkte Verkaufszeiten und umfassende Werbebeschränkungen haben Konsum und alkoholbedingte Schäden messbar gesenkt. Die Botschaft ist eindeutig: Wer Preise, Verfügbarkeit und Werbung regelt, bewegt mehr als mit Aufklärungskampagnen allein. Huizinga sieht hier den schärfsten Kontrast zur deutschen Realität: Alkohol ist hierzulande nahezu jederzeit erhältlich, werblich allgegenwärtig, und so erschwinglich wie in keinem anderen EU-Land. Die gesundheitlichen und ökonomischen Folgekosten von Unfällen über Gewalt bis zu Krebserkrankungen werden zwar berechnet, aber nicht eingepreist.

Grafik: Der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in Litauen sank zwischen 2007 und 2019 um über 2 Liter.

Was Erfolg bedeutet

Für Huizinga ist der Gipfel dann ein Erfolg, „wenn die Impulse in die geplante Novelle des Präventionsgesetzes einfließen und die umfangreichen Erfahrungen aus europäischen Best-Practice-Ländern Anwendung finden“. Gemeint ist eine Politik, die Rahmenbedingungen so gestaltet, dass mehr Menschen freiwillig auf Rauchen und Trinken verzichten, sich gesünder ernähren und mehr bewegen, nicht weil der Staat es ihnen vorschreibt, sondern weil die Umgebung es erleichtert. 

Besonders wichtig ist ihm der direkte Dialog: „Ich bin besonders erfreut, dass es uns gelungen ist, internationale Referenten mit Erfahrung und Entscheidungsträger auf eine Bühne zu holen.“ So soll sichtbar werden, dass andere Länder ähnliche Konflikte kannten und trotzdem gehandelt haben. Der Gipfel soll keine einmalige Veranstaltung bleiben, sondern in regelmäßigem Rhythmus Entscheider aus dem In- und Ausland zusammenbringen. 

Für Deutschlands Gesundheitspolitiker heißt das: Prävention muss vom Rand ins Zentrum rücken als Teil der Antwort auf die GKV-Finanzkrise, auf soziale Ungleichheit bei Gesundheitschancen und auf die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. Der Maßstab ist gesetzt. Ob Deutschland ihn erreicht, entscheidet sich nicht auf dem Podium, sondern in den Gesetzentwürfen, die folgen.

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