Prävention im Schlaraffenland
Pizza, Softdrinks, Gummibärchen: Das Marketing verführt zu einer Lebensmittelauswahl, die langfristig der Gesundheit schadet. Die Ernährungspolitik braucht breite Bündnisse, um im Überangebot von Dickmachern gesunde Alternativen attraktiv zu machen.
Treppensteigen, Rennen, Klettern – was für viele Kinder selbstverständlich ist, fällt Gleichaltrigen mit Übergewicht deutlich schwerer. Bewegung wird für sie anstrengender, soziale Ausgrenzung wahrscheinlicher, und ihr Körper muss schon in jungen Jahren mit den Folgen einer falschen Ernährung kämpfen. Adipositas im Kindesalter ist zentraler Risikofaktor für Typ-2-Diabetes, Herzinfarkt, Bluthochdruck, weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie für verschiedene Krebsarten im späteren Leben.
In Deutschland haben sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen Adipositas. Dass ihr Anteil seit Jahren stagniert, ist kein Erfolg. Denn gleichzeitig hat sich die soziale Schere weiter geöffnet. Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind rund viermal so häufig von Adipositas betroffen wie Kinder aus besser gestellten Haushalten. Offensichtlich erreichen präventive Angebote die Letzteren bereits, die Ersteren jedoch nicht. Aus Public-Health-Sicht stellt sich deshalb die Frage, warum umfangreiche freiwillige Präventionsprogramme, Aufklärungskampagnen und Appelle an individuelles Verhalten bislang nicht ausreichen, um die Situation spürbar zu verbessern. Die Antwort darauf führt mitten hinein in die Grundsatzdebatte über Ernährungspolitik, soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Verantwortung.
Werbung ist stärker als Gesundheitsappelle
Professor Dr. Peter von Philipsborn kann das Kernproblem vieler bisheriger Ansätze benennen: „Sie setzen auf Motivation und individuelles Verhalten, greifen aber zu kurz, wenn die Alltagsbedingungen gesunde Entscheidungen systematisch erschweren.“ Der Ernährungsexperte vom Lehrstuhl für Public Health Nutrition an der Universität Bayreuth ist überzeugt: „Den allermeisten Eltern liegt eine gesunde Ernährung ihrer Kinder am Herzen.“ Auch wisse die Mehrheit, dass ein Apfel gesünder ist als eine Tüte Gummibären. Dennoch falle es im Alltag schwer, dieses Wissen umzusetzen. „Kinder sind in Deutschland täglich mit Werbung für ungesunde Produkte konfrontiert. Sie sehen im Schnitt rund 15 entsprechende Werbespots pro Tag. Gegen diese Dauerpräsenz kämen individuelle Gesundheitsappelle kaum an.“
Aus wissenschaftlicher Sicht ist deshalb klar: Ungesunde Ernährung ist kein individuelles Versagen, sondern das Ergebnis einer Ernährungsumgebung, die bestimmte Entscheidungen begünstigt. Für von Philipsborn muss nachhaltige Ernährungspolitik dort ansetzen, wo diese Umgebung gestaltet wird – bei Werbung, Preisen, Verfügbarkeit und Präsentation von Lebensmitteln. Das betrifft alle Lebensbereiche: Kita und Schule, Gastronomie und Einzelhandel. Hier können politische Maßnahmen nicht nur das Ernährungsverhalten verbessern, sondern auch gesundheitliche Ungleichheiten abbauen. Maßnahmen wie eine gesunde, kostenlose Kita- und Schulverpflegung oder steuerliche Entlastungen für Obst und Gemüse hätten das Potenzial, alle Bevölkerungsgruppen zu erreichen, unabhängig von Einkommen oder Bildungsstand. Sie machen gesunde Entscheidungen einfacher, statt sie einzufordern.
Abgaben auf Süßgetränke senken Zuckerkonsum
Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigt auch der Blick auf den Zuckerkonsum. Die Datenlage ist zwar methodisch anspruchsvoll, aber eindeutig in der Richtung. „Nach der Nationalen Verzehrsstudie, der letzten großen Befragungsstudie unter Erwachsenen, liegt der durchschnittliche Zuckerkonsum bei etwa 70 Gramm pro Tag. Die Handelsstatistik kommt auf rund 90 Gramm pro Tag. Der tatsächliche Konsum liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen“, erklärt Ernährungsexperte von Philipsborn. Unabhängig von der genauen Zahl wird deutlich: Der durchschnittliche Zuckerkonsum liegt hierzulande deutlich über der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von maximal zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr. Das sind etwa 50 Gramm Zucker pro Tag für Erwachsene.
Andere Länder haben auf den hohen Zuckerkonsum in der Bevölkerung mit wirksamen Gegenmaßnahmen reagiert. Gestaffelte Abgaben auf zuckerhaltige Getränke, etwa in Großbritannien oder Chile, haben messbare Erfolge erzielt. Das zeigte zuletzt auch der Public Health Index 2025 des AOK-Bundesverbandes und des Deutschen Krebsforschungszentrums. Danach wirken Abgaben auf besonders süße Getränke doppelt: Sie lenken die Nachfrage hin zu weniger gesüßten Produkten und bringen die Hersteller dazu, den Zuckergehalt ihrer Produkte zu senken, um sie für Menschen attraktiver zu machen.
Selbstverpflichtungen zeigen kaum Wirkung
Auch beim Thema Werbung ist die Evidenz eindeutig. Der Einfluss von Lebensmittelmarketing auf das Essverhalten von Kindern gilt als sehr gut belegt. Dennoch ist es in Deutschland bislang nicht gelungen, wirksame Werbebeschränkungen einzuführen. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie zeigen kaum Wirkung. Dem Public Health Index 2025 zufolge sind andere Länder hier deutlich weiter. In Großbritannien gibt es bereits seit 2007 im Radio und im Fernsehen verbindliche Beschränkungen für an Kinder gerichtete Werbung für stark zucker-, fett- und salzhaltige Produkte. Ab 2026 ist solche Werbung im Fernsehen nur noch nach 21 Uhr erlaubt, online gar nicht mehr.
„Die Gesundheit unserer Kinder geht uns alle an.“
Leiter des Lehrstuhls für Public Health Nutrition an der Universität Bayreuth
Schulverpflegung hat Schlüsselrolle
Von Philipsborn betont: „Die Gesundheit unserer Kinder geht uns alle an.“ Eltern dürften angesichts einer zunehmenden Werbeflut – auch auf digitalen Plattformen – nicht allein gelassen werden.
Eine Schlüsselrolle, wenn es um gesunde Essgewohnheiten geht, kommt der Schulverpflegung zu. Sie deckt einen erheblichen Teil des täglichen Energiebedarfs und ist damit ein zentraler Hebel für langfristige Prävention von Adipositas. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat Qualitätsstandards für die Schulverpflegung entwickelt. Sie sind jedoch nicht bundesweit verbindlich und werden bislang nur in einzelnen Bundesländern umgesetzt.
Sparpotenzial zeigt sich langfristig
Alle diese Maßnahmen gehören zu den sechs wirksamen Instrumenten, die der Public Health Index im Bereich Ernährungspolitik als besonders gesundheitsförderlich einstuft. In Deutschland ist bislang keine davon flächendeckend umgesetzt. Im internationalen Vergleich zählt die Bundesrepublik bei der Ernährungspolitik deshalb zu den Schlusslichtern in Europa. Das hat nach Ansicht von Public-Health-Experten mehrere Gründe. Ein wichtiger Faktor ist das tief verankerte Verständnis von Gesundheit als Privatsache. Historisch sei das erklärbar, sagt von Philipsborn. „Die Idee öffentlicher Gesundheit wurde im Nationalsozialismus ideologisch missbraucht und nach 1945 weitgehend aus dem politischen Denken verbannt. Das Gesundheitswesen wurde strikt individualmedizinisch neu aufgebaut, die gesellschaftliche Dimension von öffentlicher Gesundheit – nämlich Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein gesundes Leben ermöglichen – ist dabei gewissermaßen ‚mit dem Bade ausgeschüttet‘ worden.“ Erst in den 1990er-Jahren kehrte sie unter dem Begriff Public Health zurück, ohne bis heute vollständig verankert zu sein.
Hinzu kommen praktische Hürden, etwa andere politische Prioritäten, starke Lobbyinteressen und die Tatsache, dass der Nutzen vieler Maßnahmen erst langfristig sichtbar wird, während die Kosten kurzfristig entstehen – etwa bei Verbesserungen der Kita- und Schulverpflegung. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung hat bereits 2020 berechnet, dass eine flächendeckende, für Eltern beitragsfreie Mittagsverpflegung nach DGE-Standards rund 5,5 Milliarden Euro jährlich kosten würde. Angesichts gestiegener Preise dürfte der Betrag heute höher liegen. Setzt man diese Summe jedoch in Relation zu den jährlichen Gesundheitsausgaben von rund 500 Milliarden Euro, relativiert sie sich. Nach Auffassung des Ernährungsexperten liegt das politische Problem in der Zeitschiene: Die relevanten Einsparungen treten erst Jahrzehnte später ein. „Wenn Haushaltsmittel knapp sind, fällt es schwer, Investitionen zu rechtfertigen, deren Nutzen erst in 30 oder 40 Jahren sichtbar wird.“
Politische Unterstützung wächst
Dennoch beginnt sich hierzulande etwas zu bewegen. „In Deutschland ist es bislang weniger gelungen als in anderen Ländern, über Parteigrenzen hinweg Akteure von der Wichtigkeit einer gesundheitsorientierten Ernährungspolitik zu überzeugen“, sagt von Philipsborn. Das ändere sich jedoch. Initiativen für eine Softdrinksteuer werden inzwischen auch von konservativen Politikern unterstützt, etwa von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). Zudem gebe es Signale, dass auch das Bundesgesundheitsministerium den Themen offen gegenüberstünden. „Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir in Deutschland besser darin werden, über diese Themen so zu sprechen, dass wir ein breites Spektrum politischer Akteure erreichen. Es braucht überzeugende Argumente, die über Parteigrenzen hinweg anschlussfähig sind“, so von Philipsborn.
Studien zeigen, dass die Unterstützung für ernährungspolitische Maßnahmen weniger von Parteipräferenzen abhängt als vom Verständnis dafür, wie stark Ernährung von gesellschaftlichen, politischen und anderen Umgebungsfaktoren beeinflusst wird und welche Bedeutung Ernährung für die Menschen hat. Wissens- und Verständnisvermittlung seien daher zentral. Das sei auch das Ziel des Public Health Index, erklärt von Philipsborn, der dem Expertenteam angehört, das die Publikation entwickelt hat. Bewusst hätten die Beteiligten auf breite gesellschaftliche Bündnisse gesetzt und den Bezug zu steigenden Gesundheitskosten sowie zur langfristigen Tragfähigkeit des Gesundheitssystems hergestellt.
Ernährungspolitik eröffnet neue Möglichkeiten
Weitere anschlussfähige Narrative liegen laut von Philipsborn nahe: Kindern ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen und Eltern zu unterstützen. „Diese Argumentationslinie kommt ohne Schuldzuweisungen aus, setzt auf positive Ziele und ist etwas, hinter dem sich alle gut versammeln können.“ Sie entzieht auch dem häufig vorgebrachten Vorwurf staatlicher Bevormundung den Boden. Tatsächlich gehe es um das Gegenteil. „Eine gute Ernährungspolitik schafft reale Freiheitsräume“, sagt von Philipsborn. „Sie nimmt den Menschen nichts weg, sondern eröffnet neue Möglichkeiten.“
Ernährungspolitik ist damit keine Frage individueller Disziplin, sondern eine gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe. Ob es gelingt, daraus eine langfristige politische Strategie zu entwickeln, entscheidet darüber, wie gerecht, gesund und belastbar die Gesellschaft in Zukunft sein wird.
Mitwirkende des Beitrags
Autorin
Datenschutzhinweis
Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.
Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.