Interview Versorgung

„Einzelpraxis wird nicht das primäre Modell der Zukunft sein“

15.07.2026 Frank Brunner, Bernhard Hoffmann 9 Min. Lesedauer

Detlef Lamm sieht Hessen gesundheitspolitisch noch gut aufgestellt – damit das so bleibt, müssten aber jetzt tiefgreifende Strukturreformen eingeleitet werden. Der Vorstandsvorsitzende der AOK Hessen erklärt, warum Krankenhausversorgung, ambulante Versorgung und Pflegeplanung neu aufgestellt werden müssen – und weshalb der demografische Wandel keine abstrakte Zukunftsfrage mehr ist.

Detlef Lamm ist Vorstandsvorsitzender der AOK Hessen.

Herr Lamm, wenn Sie auf Gesundheit und Pflege in Hessen schauen: Was ist derzeit die zentrale Herausforderung?

Detlef Lamm: Hessen unterscheidet sich hier nicht grundlegend vom Bund. Der Kern ist die demografische Entwicklung. Die Versorgungsbedarfe werden in den nächsten Jahren markant steigen, und das wird vor allem die ambulante Versorgung unter Druck setzen. Gleichzeitig wirkt die Demografie auch auf die Seite der Leistungserbringenden. Wenn wir darauf keine adäquaten Antworten finden, betrifft das unmittelbar die Qualität der Versorgung.

Gleichzeitig sagen Sie: Die Versorgung funktioniert noch.

Lamm: Trotz aller Änderungsbedarfe und auch bestehender Problematiken: Insgesamt läuft dennoch vieles gut, auch in Hessen – noch! Damit es gut bleibt, brauchen wir tiefgreifende Veränderungen. Modellprojekte gibt es, aber sie reichen nicht. Wir brauchen Lösungen, die in der Regelversorgung greifen und ganzheitlich angelegt sind.

Was kann die Landesregierung noch tun, wenn zentrale Regeln im Bund entstehen?

Lamm: Sie kann in Gesetzgebungsverfahren ihre Länderstimme erheben, auf notwendige gesetzliche Regelungen hinwirken und auf eine hinreichende Finanzstabilität in der Kranken- und Pflegeversicherung dringen. Vor allem hat das Land aber auch eigene, nicht delegierbare Kompetenzen und Gestaltungsspielräume: beispielsweise bei der Krankenhausplanung, dem Rettungsdienst oder den Investitionsverpflichtungen im Bereich verschiedener Versorgungsstrukturen. Hessen hat sich diesen Themen durchaus gewidmet, aber gemessen an den großen Herausforderungen, die noch vor uns liegen, bedarf es weiterer erheblicher Anstrengungen. Gerade bei den Investitionskosten im Bereich der stationären Versorgung und der Pflege ist trotz der auch im Ländervergleich anerkennenswerten Aktivitäten weiter Luft nach oben.

Der neue hessische Krankenhausplan wurde von den Kassen begrüßt. Warum?

Lamm: Weil die Landesregierung den Plan angepasst und dabei vieles antizipiert hat, was in der Krankenhausreform anstand. Wichtig war auch der Dialogprozess, insbesondere über Regionalkonferenzen. Das Krankenhaus-Reformanpassungsgesetz gibt den Ländern nun zusätzliche Gestaltungsoptionen. Entscheidend ist, dass Ausnahmen nicht zur Regel werden. Hessen wird hier nach meiner Einschätzung sorgfältig vorgehen – daran wird sich auch die Landesregierung messen lassen müssen, denn Reformen wirken nur bei richtiger und konsequenter Umsetzung.

Bei der Krankenhausplanung wird oft von einem Spagat zwischen Spezialisierung und wohnortnaher Versorgung gesprochen. Wie lässt sich dieser Spagat bewältigen?

Lamm: Ich würde nicht von einem Spagat sprechen. Der Landeskrankenhausplan versucht eine Symbiose: wohnortnahe Versorgung erhalten und zugleich Spezialisierung dort vorantreiben, wo sie mit Qualität korreliert. Zugleich ist die Distanz zur Versorgung im Plan ausdrücklich geregelt. Deshalb sehe ich im stationären Bereich derzeit keine Anzeichen für ein Ausbluten ländlicher Regionen.

Im ambulanten Bereich sind Sie skeptischer?

Lamm: Perspektivisch ja. In manchen ambulanten Bereichen gibt es noch Überversorgung. In anderen droht Unterversorgung. Noch ist das kein großflächiges Problem, aber die Vorboten sind bereits da und es kommt sehr rasch auf uns zu. In diese sehr herausfordernde Phase sind wir bereits eingetaucht. Mit dem anstehenden Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge wird sich das alsbald deutlich verschärfen, auch bei Ärztinnen und Ärzten. Ländliche Räume sind für Niederlassungen oft weniger attraktiv. Deshalb müssen wir die ambulante Versorgung auf andere Beine stellen.

Was heißt das konkret?

Lamm: Wir müssen Strukturen und Spielregeln so verändern, dass wir künftig mit weniger ärztlichem Personal, aber mit besserer Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsakteure mindestens die heutige Qualität erreichen. Ich glaube sogar: Mit intelligenter Zusammenarbeit ist eine bessere Versorgung möglich.

Ist Primärversorgung der Schlüssel?

Lamm: Sie ist ein zentraler Ansatz. Der Grundgedanke ist, die Gatekeeper-Funktion in einem Primärversorgungsmodell zu bündeln. Die hausärztliche Versorgung hat darin einen großen Anteil. Entscheidend sind interprofessionelle Zusammenarbeit, Bündelung von Ressourcen und die richtige Weitervermittlung auf die passende Versorgungsebene.

Welche Rolle haben Hausärztinnen und Hausärzte darin?

Lamm: Eine zentrale, aber nicht die alleinige. Die hausärztliche Versorgung bleibt Kernstück der Versorgung. Aber die ausschließliche hausärztliche Praxisstruktur ist nicht die Antwort auf die Zukunftsherausforderung. Auch Hausärztinnen und Hausärzte müssen Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsakteuren organisieren.

Hat die klassische Einzelpraxis damit noch Zukunft?

Lamm: Ja, aber sie wird nicht das primäre Modell der Zukunft sein. Wir werden über stärker konzentrierte Angebote und Teams reden müssen – im hausärztlichen wie im fachärztlichen Bereich. Selbstverständlich wird es weiter klassische Facharztpraxen und kleinere Hausarztpraxen geben. Aber wenn Praxen wegen Ruhestands verschwinden, sollten wir nicht automatisch alte Strukturen zementieren. Die Einheiten werden multiprofessioneller und damit tendenziell auch größer werden müssen. Das kann auch die Attraktivität des Arztberufs erhöhen.

Die Sektorengrenze zwischen ambulant und stationär gilt seit Jahrzehnten als Reformblockade. Ändert sich das jetzt?

Lamm: Ja. In der Krankenhausreform ist eine stärkere Verknüpfung von ambulant und stationär bereits angelegt. Es wird Bereiche geben, in denen ambulante Versorgungsangebote in Kliniken stattfinden. Aber bis das breit gelingt, wird eine Dekade vergehen. Strukturreformen sind Change-Prozesse. Infrastruktur muss verändert werden, Mindsets müssen sich ändern. 

Apropos Mindset: Erwarten Sie Widerstand?

Lamm: Jede Veränderung erzeugt Beharrungskräfte. Entscheidend ist zu zeigen, dass Veränderung sich lohnt. Wir haben keinen Grund, mit Ängsten zu agieren. Deutschland hat dem Grunde nach eine gute Gesundheitsversorgung. Die Geschichte muss lauten: Wir verändern, damit wir in den 2030er-Jahren und Richtung 2040 noch besser und zugleich effizienter versorgen. Dafür müssen wir heute die Antworten geben und nicht erst dann, wenn die absehbaren Probleme bereits da sind. Mit einem gemeinsamen Zielbild kann man sich vorbereiten und die Zukunft gestalten. Das dürfen wir uns im deutschen Gesundheitswesen selbstbewusst zutrauen. 

Neben Strukturen geht es um Geld. Ist Beitragssatzstabilität in der GKV erreichbar?

Lamm: Die Chance besteht, aber es hängt davon ab, ob die vorgesehenen Maßnahmen konsequent umgesetzt werden. Wir sprechen hier von einer finanziellen Größenordnung von fast 20 Milliarden Euro im Jahr 2027. Wenn das aktuelle Beitragssatzstabilisierungsgesetz um wirksame Strukturreformen ergänzt wird, besteht die Chance auf stabile Beitragssätze auch über die Legislaturperiode hinaus.

Die Pflegeversicherung steht ebenfalls massiv unter Druck. Wie bewerten Sie die Lage?

Lamm: Die Lage ist in Kranken- und Pflegeversicherung gleichermaßen hoch angespannt. In der Pflege müssen wir einen Gleichklang hinbekommen: unser Teilkasko-System aufrechterhalten, eine verlässliche Grundversorgung im Pflegefall gewährleisten und zugleich verhindern, dass wir in eine Phase fortlaufend enormer Beitragssatzsteigerungen geraten. In diesem Spannungsfeld müssen wir in Teilen auch auf der Ausgabenseite ansetzen, allerdings mit Augenmaß. Das ist im Pflegebereich schwieriger als in der Krankenversicherung. Auch bei Leistungsansprüchen muss geprüft werden, wo justiert werden muss; das ist Teil der notwendigen Abwägung. Wir müssen darüber sprechen, welchen Anteil der Bund für gesamtgesellschaftliche Aufgaben leisten muss – in der Pflegeversicherung genauso wie in der Krankenversicherung. Die gewährten Darlehen an Pflege- und Krankenversicherung sind eine schwere Hypothek. Das war letztlich eine Überbrückungsfinanzierung, deren Rückzahlungsmodalitäten in die Zukunft verlagert werden. Das darf kein Daueransatz sein.

Wo kann man mit Augenmaß ansetzen?

Lamm: Wenn Leistungsausgaben zweistellige prozentuale Steigerungsraten aufweisen, muss man über Ursachen reden und die einzelnen Leistungsbereiche differenziert betrachten. Bei drei bis fünf Prozent hätte ich diese Aussage nicht gemacht. Es geht ausdrücklich nicht darum, höhere Pflegegrade infrage zu stellen. Wer in hohem Maße pflegebedürftig ist, muss und darf sich auf eine gute pflegerische Versorgung verlassen. Aber bei niedrigschwelligen Leistungen muss geprüft werden, ob Umfang und Beträge in jedem Fall adäquat von der Solidargemeinschaft getragen werden müssen. Das betrifft natürlich nicht die echte pflegerische Versorgung. Auf der anderen Seite müssen wir in der stationären Pflege auf die zunehmend steigenden Eigenanteile schauen, wo den Menschen sehr viel zugemutet wird. Hier sind dringend entlastende Regelungen für die Versicherten und ihre Angehörigen angezeigt. Es geht insoweit ums Ausbalancieren: Eigenanteile und Eigenverantwortung justieren, aber für alle den Zugang zu pflegerischer Versorgung sicherstellen.

Welche Rolle spielt Digitalisierung in dieser Reformagenda?

Lamm: Digitalisierung ermöglicht bessere Datenverfügbarkeit und bessere Informationen. Bei der elektronischen Patientenakte geht es um direkte Verfügbarkeit von Daten für Patientinnen und Patienten. In der Telematik-Infrastruktur sehe ich große Potenziale für intersektorale Zusammenarbeit. Wenn Befundberichte in nicht unerheblichen Teilen noch tradierte Wege nehmen, dann zeigt das den Bedarf. Aber Digitalisierung löst nicht sofort Finanzprobleme. Effizienzgewinne entstehen schrittweise. 

Die ePA wird bislang eher zurückhaltend genutzt. Warum?

Lamm: Zunächst ist wichtig: Weit mehr als 90 Prouzent der Versicherten verfügen über die ePA. Die aktive Nutzung hingegen liegt noch im einstelligen Prozentbereich, in Hessen ähnlich wie im Bund. Das wird sich sukzessive und mit deutlich steigender Dynamik verbessern. Bei den Leistungserbringern gab es nachvollziehbare Hemmnisse beim Zugang zur Telematik-Infrastruktur. Wenn stabile Funktionalitäten sowie die nötige Performance vorhanden sind und Zusatznutzen wie Reminderfunktionen, Impfdokumentation, Vorsorgeuntersuchungen oder Zahnbonusheft funktionieren, wird die Nutzung steigen. 

Welche Weichen müssen in den nächsten Jahren gestellt werden, damit Hessen Mitte der 2030er-Jahre gut aufgestellt ist?

Lamm: In den nächsten vier, fünf Jahren müssen Gesetzgebung, Rahmenvorgaben und Verträge so gestellt werden, dass Zukunftsfestigkeit möglich wird. Wer glaubt, man entscheidet heute etwas und 2028 ist die Welt in Ordnung, irrt. Veränderungen benötigen Zeit. Aber wenn man den Weg nicht einleitet, kommt man Mitte der 2030er-Jahre nicht an. Für Hessen heißt das: Alles, was in Landeskompetenz liegt – Krankenhausplanung, Rettungsdienst, Pflege –, muss auf ein gemeinsames Zukunftsbild ausgerichtet werden.

Wenn Sie dieses Zukunftsbild auf einen Punkt bringen: Wo sollte Hessen in zehn oder 15 Jahren stehen?

Lamm: Mein Zielbild ist, dass wir in allen ländlichen Regionen Hessens genauso verlässlich versorgen wie in den Städten – über Verbünde, Zentren und interdisziplinäre Strukturen, die Primärversorgung leisten. In der Krankenhausversorgung geht es um Spezialisierung bei elektiven Eingriffen, Konzentration zur Qualitätsverbesserung und Personalbündelung dort, wo adäquate Versorgung stattfinden kann. Zugleich brauchen wir wohnortnahe Grundversorgung und bessere Öffnungsmöglichkeiten zwischen stationärer und ambulanter Versorgung. Für die Pflege ist wichtig, dass Hessen mit dem Landespflegekonzept einen Plan entwickelt, wie die Versorgung in den nächsten Jahrzehnten bedarfsgerecht gesichert werden kann. Und wir dürfen Prävention nicht nur als Aufgabe der Krankenversicherung verstehen, sondern als Health in All Policies: in Kitas, Schulen, Betrieben und Kommunen. Die Früchte solcher Politik ernten wir nicht im nächsten oder übernächsten Jahr. Aber die nächste Generation wird sie ernten.

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