Artikel Gesundheitssystem

Abfall im Gesundheitswesen: Im Land der tausend Container

01.09.2026 Ines Körver 6 Min. Lesedauer

Wer schon einmal den Wirtschaftshof einer Klinik mit oft Dutzenden von Müllbehältern betreten hat, bekommt eine Ahnung davon, wieviel Abfall in deutschen Krankenhäusern anfällt. Die genauen Mengen zu beziffern, ist nicht ganz einfach. Noch weniger ist bislang über den Müll von Arztpraxen bekannt. Doch nun gibt es eine erste Erhebung.

In einem Mülleimer häufen sich alte Spritzen, Verpackungen und anderer medizinischer Abfall.
Abfallvermeidung und -trennung werden für Kliniken und Praxen zu einem wichtigen Baustein auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit.

Mediziner können ausgesprochen ehrgeizig sein. Ein eindrucksvolles Beispiel lieferte im November 2021 der 125. Deutsche Ärztetag. Mit Annahme des Beschlusses II-03 votierten die Delegierten dafür, das Gesundheitswesen bis 2030 klimaneutral zu machen. Die Entscheidungsträger sollten die dafür notwendigen Maßnahmen „zielstrebig, konsequent und zeitnah“ in Angriff nehmen, so der Appell der Ärzteschaft. Der kurze Zeithorizont von damals wenig mehr als acht Jahren ist ambitioniert – nicht nur, weil die G7-Staaten im Mai 2022 beschlossen, ihre jeweiligen Gesundheitswesen erst bis 2050 klimaneutral zu gestalten. Er ist es auch, weil die medizinische Versorgung in Deutschland mit geschätzt 5,2 Prozent der nationalen Emissionen zu Buche schlägt und damit deutlich über dem weltweiten Durchschnittswert von 4,4 Prozent liegt. 

Müll überall

Zu den Hauptfaktoren für Klimaneutralität in einem Gesundheitswesen zählen die Errichtung und der Betrieb von Gebäuden, die Energieversorgung, die Lieferketten, die Mobilität der Mitarbeitenden und Patienten, Arzneimittel, Anästhesiegase, Krankenhausverpflegung und einiges mehr. Was überall anfällt – vom Universitätsklinikum bis zur kleinen Arztpraxis – ist Müll. Der Umgang mit ihm entscheidet mit darüber, ob Deutschland das Ziel der Ärzteschaft rechtzeitig schafft. 

Eine Menge über Abfall im Gesundheitswesen weiß Matthias Fischer. Er ist Professor für Nachhaltigkeitsmanagement im Gesundheitswesen an der Hochschule Bochum – Wirtschaft Technik Gesundheit und sagt: „Für das gesamte Gesundheitswesen in Deutschland liegen noch immer nur ungenaue Schätzungen vor. Leider sind die Zahlen zudem nicht nach Sektoren aufgeschlüsselt.“ Konkrete Zahlen nach Versorgungsbereichen zu ermitteln, sei „alles andere als einfach“, auch weil viele Daten nicht öffentlich verfügbar seien und Abfälle im ambulanten Sektor teils über den Hausmüll entsorgt werden könnten. „Zum stationären Sektor gibt es bereits Erhebungen, im ambulanten Bereich stochern wir aber noch ziemlich im Nebel.“

Foto: Über einem grünen Wald stehen zwei Fußabdrücke als Symbol.
Die einen sprechen von Zukunftsfähigkeit, die anderen nennen es Enkelgerechtigkeit: Nachhaltigkeit ist in aller Munde, auch im Gesundheitswesen. Doch noch wichtiger als reden ist handeln. Zwei Analysen zeigen, wo der deutsche Medizinbetrieb derzeit steht, und zwar bei der Krankenhausarchitektur und in der Abfallwirtschaft.
19.02.2024Ines Körver4 Min

Unterschiedliche Angaben zu Krankenhäusern

Das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) publizierte 2022 konkrete Zahlen, nachdem es Kliniken unter anderem zum Müllaufkommen befragt hatte. Danach betrug das Abfallaufkommen pro Krankenhaus im Jahr 2019 im Schnitt (Median) 420,19 Tonnen. Davon entfielen 193 Tonnen auf nicht infektiöse medizinische Patientenabfälle, 85 Tonnen waren gemischter Siedlungsabfall, 82,9 Tonnen Küchen- und Kantinenreste. Infektiöse Abfälle machten 5,1 Tonnen und Medikamente 0,7 Tonnen aus. Das passt zu einer Zahl, die das Abfallmanager Magazin bereits im August 2019 publiziert hatte: Es war damals auf fünf bis sechs Kilo Abfall pro Tag und Bett bei einem Maximalversorger gekommen. 2022 sprach das Abfallmanager Magazin jedoch von einer Tonne Abfall pro Jahr und Patient, was 2,7 Kilo Abfall pro Tag und Patient entspräche. Und noch niedrigere Ergebnisse erzielte 2025 eine Studie der Hochschule Pforzheim im Rahmen des Projekts Medizinische Einmalgebrauchsprodukte in der Kreislaufwirtschaft (MEiK). Bei dieser wurden an 122 Krankenhausstandorten mehr als 130 Abfallarten erfasst und analysiert. Laut der MEiK-Studie entstehen im Mittel pro Fall während des gesamten Klinikaufenthalts 8,3 Kilo Abfall. Das wären bei einer durchschnittlichen Verweildauer von gut sieben Tagen etwa 1,2 Kilo pro Tag und Patient. 

„Aus den genannten sinkenden Kilozahlen im Zeitverlauf darf man nicht folgern, dass sich die Müllmengen in deutschen Kliniken in den vergangenen Jahren stark dezimiert haben“, betont Fischer. Das Gegenteil sei der Fall. „Man darf von deutlich mehr Einweg-Plastik ausgehen, besonders die Corona-Pandemie hat zu viel Extra-Müll geführt." Die unterschiedlichen Studienergebnisse könnten unter anderem damit zu tun haben, dass die Häuser unterschiedlich groß waren und die Patienten- beziehungsweise Bettenzahlen unterschiedlich genau berücksichtigt worden seien. Der Wissenschaftler ergänzt: „Die Analysen zeigen aber durchgehend, dass im Krankenhaus erhebliche Abfallmengen nicht infektiös sind und dementsprechend auch prinzipiell über Möglichkeiten zur Wiederverwertung, Wiederaufbereitung oder – im Falle von Ernährungsresten – über Möglichkeiten der Vermeidung nachgedacht werden kann.“ Tatsächlich gibt es Bestrebungen wie die interdisziplinäre und mittlerweile durch viele Unternehmen getragene Initiative „Der weiße Punkt“, signifikante Abfallmengen im klinischen Bereich durch Kreislauflösungen, Vorschläge für den Abbau regulatorischer Hindernisse und konkrete Maßnahmen zur effizienteren Materialnutzung einzusparen.

„Wir haben noch keinen guten Überblick, wieviel Abfall welcher Art in den Praxen anfällt.“

Matthias Fischer

Professor für Nachhaltigkeitsmanagement im Gesundheitswesen an der Hochschule Bochum – Wirtschaft Technik Gesundheit

Erstes Zahlenmaterial zum Praxisabfall

Deutlich lückenhafter als im stationären Sektor ist bislang die Studienlage im ambulanten Bereich. Während sich die Krankenhäuser bereits seit den 1990er-Jahren mit dem Thema Müll beschäftigen – damals fingen sie mit Plastikrecycling und Mülltrennungskonzepten an – und das DKI in den Publikationen „Klimaschutz in deutschen Krankenhäusern“ (2022) und „Klinikreport Nachhaltigkeit“ (2024) konkrete Zahlen veröffentlicht hat, haben die Niedergelassenen das Thema erst vor kurzem für sich entdeckt. „Wir haben noch keinen guten Überblick, wieviel Abfall welcher Art in den Praxen anfällt“, sagt Fischer. Um hier erste Zahlen zu ermitteln, habe er mit Kollegen das Abfallaufkommen in einer hausärztlich-diabetologischen Praxis mit rund 1.100 Patientinnen und Patienten pro Quartal untersucht. „Wir haben zweimal gemessen, einmal im Sommer und einmal im Spätherbst, um saisonal bedingte Schwankungen besser abbilden zu können.“ Der Wochendurchschnitt in der ersten Messung betrug 24,4 Kilo und der der zweiten Messung 28,6 Kilo. „Auffällig bei den Befunden war, dass der infektiöse Abfall rund 32 Prozent ausmachte; Papier, Restmüll und Wertstoffe zusammen 68 Prozent“, erläutert Fischer. Darüber hinaus liege der Schluss nahe, dass die Zunahme von Infekten und eine höhere Frequenz der Patienten im Spätherbst mit einem höheren Verbrauch an nicht infektiösen Einmalmaterialien einhergehe. Fischer und seine Kollegen haben im Juli 2026 ihre Ergebnisse veröffentlicht. Weitere Studien müssten folgen, so der Bochumer Professor. 

Im Jahr 2025 hat sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) mit dem Thema Hygiene befasst, weil sie darin Müllreduktionspotenzial sieht. Sie meint: Den Niedergelassenen würden zum Teil überzogene Regeln zugemutet, die vielleicht fürs Krankenhaus sinnvoll seien, aber nicht unbedingt in der Arztpraxis. „Das zunehmend enger geschnürte Regelkorsett sorgt dafür, dass die Niedergelassenen in ihren Arztpraxen enorm viel Müll produzieren müssen“, ärgert sich KBV-Vizechef Stephan Hofmeister. In einem von der KBV in Auftrag gegebenen Gutachten von 2025 schlägt das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung daher eine Reihe von Veränderungen an den Medizinhygieneverordnungen der Länder vor.

Hohe Motivation

Im vergangenen Jahr hatten sich viele Krankenhäuser darauf vorbereitet, zukünftig Nachhaltigkeitsberichte nach der europäischen Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) vorzulegen. Darin sind Angaben zur Menge, zur Art, zum Verbleib und zum Management von Abfall zu machen. Nach einer deutlichen Abschwächung der Verpflichtungen im Zuge der „Omnibus-Initiative“ der EU-Kommission habe sich die Zahl der berichtspflichtigen Kliniken erheblich reduziert, sagt Fischer. Dennoch bleibe das Thema Abfallvermeidung und Abfalltrennung etwa aufgrund von hohen Kosten für die Entsorgung infektiösen Abfalls auch aus finanziellen Gründen relevant. „Und auch wegen des allgemeinen Wertewandels in der Gesellschaft nehme ich eine hohe Motivation aus den Kliniken wahr, ihre Nachhaltigkeitsinitiativen auch bei schwierigen strukturellen Rahmenbedingungen fortzuführen.“ Ob all dies ausreicht, das Ziel der Ärztetagsdelegierten zu erreichen, wird sich zeigen.

Mitwirkende des Beitrags

Optionale Felder sind gekennzeichnet.

Beitrag kommentieren

Alle Felder sind Pflichtfelder.

Datenschutzhinweis

Ihr Beitrag wird vor der Veröffentlichung von der Redaktion auf anstößige Inhalte überprüft. Wir verarbeiten und nutzen Ihren Namen und Ihren Kommentar ausschließlich für die Anzeige Ihres Beitrags. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht, sondern lediglich für eventuelle Rückfragen an Sie im Rahmen der Freischaltung Ihres Kommentars verwendet. Die E-Mail-Adresse wird nach 60 Tagen gelöscht und maximal vier Wochen später aus dem Backup entfernt.

Allgemeine Informationen zur Datenverarbeitung und zu Ihren Betroffenenrechten und Beschwerdemöglichkeiten finden Sie unter https://www.aok.de/pp/datenschutzrechte. Bei Fragen wenden Sie sich an den AOK-Bundesverband, Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin oder an unseren Datenschutzbeauftragten über das Kontaktformular.

Oops, an error occurred! Request: 044ddf05daf87 Event: bcb7875ac4cf4cec98149c157755d0dd