Das Tourette-Syndrom: Wenn Tics das Leben bestimmen
Blinzeln, Grimassen ziehen, mit dem Kopf rucken, häufiges Räuspern, Husten oder Quieken – hinter unwillkürlichen Muskelzuckungen und Lauten kann das sogenannte Tourette-Syndrom stecken. „Bei leichter Ausprägung der Erkrankung kommen viele Betroffene im Alltag ohne Therapie gut zurecht“, sagt Dr. Astrid Maroß, Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie im AOK-Bundesverband.
Kennzeichen der Erkrankung
Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, bei der mehrere sogenannte motorische und vokale Tics typisch sind, also unwillkürliche Muskelzuckungen und Lautäußerungen. Der Begriff „Tic“ stammt aus dem Französischen und steht für spezielle neurologische Symptome. Er hat mit dem umgangssprachlichen Wort „Tick“ nichts zu tun.
Einzelne und harmlose Tics treten häufig auf, meist erstmals im Alter zwischen sechs und acht Jahren, und verschwinden dann wieder. Vom Tourette-Syndrom spricht man, wenn seit dem Kindes- oder Jugendalter mehrere motorische und vokale Tics auftreten – und das mindestens ein Jahr lang. Im Vergleich zu den harmlosen Tics ist das Tourette-Syndrom sehr selten. Jungen sind wesentlich häufiger betroffen als Mädchen. Doch auch Erwachsene leiden darunter. Schätzungsweise einige Zehntausend Menschen in Deutschland sind daran erkrankt. Die Tics können sich im Krankheitsverlauf verändern, etwa hinsichtlich ihrer Art, Häufigkeit und Ausprägung. Sie beginnen jedoch im Kindes- oder spätestens im Jugendalter.
Einfache und komplexe Tics
Fachleute unterscheiden zwischen einfachen und komplexen Tics. Einfache motorische Tics sind zum Beispiel Blinzeln oder das Hochziehen der Schultern. Komplexe Tics äußern sich dadurch, dass mehrere Muskelgruppen einbezogen sind und kompliziertere Bewegungen ausgeführt werden. Betroffene verdrehen den Kopf, machen Gesten, ahmen Bewegungen anderer nach oder hüpfen. Meist finden die Bewegungen im Kopf- und Gesichts- beziehungsweise Schulterbereich statt.
Einfache vokale Tics sind beispielsweise Räuspern oder Schniefen. Bei komplexen vokalen Tics wiederholen Menschen mit Tourette-Syndrom Wörter oder Satzteile, fluchen oder sagen obszöne Dinge. Letzteres kommt nur bei einer geringen Zahl der Erkrankten vor. Das Besondere der Erkrankung ist, dass betroffene Kinder und Erwachsene mit den unwillkürlichen Bewegungen und Äußerungen nicht aufhören können. Sie können sie zwar eine Zeit lang unterdrücken, aber danach „entladen“ sie sich oft noch stärker. Viele Betroffene spüren es, wenn ein Tic bevorsteht. Oft nehmen die Tics bei Stress zu.
O-Ton von Dr. Astrid Maroß, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im AOK-Bundesverband
Begleitende Erkrankungen
Menschen mit einem Tourette-Syndrom leiden oft auch zusätzlich unter weiteren Problemen und Erkrankungen. Dazu gehören die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Zwangsstörungen und Depressionen. Die Ursache der Erkrankung ist unklar. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass bei einem Teil der Erkrankten eine erbliche Veranlagung eine Rolle spielt. Wie bei vielen Erkrankungen scheint es ein komplexes Zusammenspiel genetischer und umweltbezogener Faktoren zu geben. Als sicher gilt, dass es sich nicht um eine psychische Erkrankung handelt.
Frühzeitige Diagnose oft hilfreich
Beim Verdacht auf das Tourette-Syndrom sollten Eltern mit ihrem Kind eine Kinderarztpraxis aufsuchen, auch um andere Ursachen für die Tics auszuschließen. „Eine frühzeitige Diagnose und ein ausführliches Beratungsgespräch entlasten betroffene Kinder und ihre Familien oft deutlich, da es dadurch eine Erklärung für das auffällige Verhalten gibt. In der Folge werden Vorwürfe, Kinder oder Jugendliche störten absichtlich, überflüssig“, sagt Medizinerin Maroß. Dies mindert den Leidensdruck der Betroffenen. Denn viele Kinder mit Tourette-Syndrom werden wegen ihres Verhaltens ausgelacht oder ausgegrenzt.
Umgang im Alltag
Die Erkrankung ist zwar nicht heilbar. Allerdings nehmen die Tics im Verlauf der Erkrankung in der Regel an Intensität ab. Die meisten Patientinnen und Patienten können lernen, mit ihrer Erkrankung im Alltag zurechtzukommen, und brauchen keine Behandlung. „Vielen leichter Betroffenen hilft es, den Symptomen keine zu große Aufmerksamkeit zu schenken. Denn die allgemeine Leistungsfähigkeit der Betroffenen ist durch die Erkrankung nicht beeinträchtigt“, so Maroß. Bei stark ausgeprägten Symptomen und einem hohen Leidensdruck kann die Einnahme von Medikamenten sinnvoll sein. Psychische Belastungen durch die Erkrankung lassen sich auch durch eine Verhaltenstherapie verringern. Hilfreich können zudem Entspannungstechniken sein.