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Kleine Pille – großes Risiko?

Die Anti-Baby-Pille ist eine der größten Errungenschaften für die sexuelle Freiheit der Frau. Als sie vor über 60 Jahren erfunden wurde, konnten Frauen erstmals selbst entscheiden, ob sie schwanger werden. Mittlerweile ist sie als „Hormonkeule“ in Verruf geraten – zurecht?

20.10.2021Autor/in: Franziska MärtigRubrik: Allgemein, Nachgefragt und Nachgehakt, Versorgung und Innovation 4

Hintergrund-Interview mit Dr. med. Claudia Schumann-Doermer

Laut der aktuellen Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) verhütet ein Drittel der gesetzlich versicherten Mädchen und Frauen unter 23 Jahren in Deutschland mit der Pille. Erschreckendes Ergebnis: 52 Prozent von ihnen schluckt risikoreichere Präparate – obwohl es weniger gefährliche Pillen gibt. Über Gründe und Alternativen berichtet Gynäkologin Dr. med. Claudia Schumann-Doermer. Sie hat an der Leitlinie „Hormonelle Empfängnisverhütung“ mitgewirkt, die 2020 veröffentlicht wurde. Darin steht, welche Wirkungen und Risiken die Inhaltstoffe der verschiedenen Pillen haben. Die Leitlinie gilt als Empfehlung für Frauenärzte und -ärztinnen.

Wie beurteilen Sie die Ergebnisse der WIdO-Analyse?

Ich bin entsetzt, dass trotz aller vorhandenen Informationen noch immer so viele „gefährliche“ Pillen für junge Frauen verordnet werden. Beschämend für meine Fachgruppe! Es ist toll, dass die AOK PLUS so ein wichtiges Thema bekannter macht!

Wieso verschreiben Frauenärzte und -ärztinnen überhaupt risikoreichere Pillen?

Eigentlich sollten alle meine Kollegen und Kolleginnen die aktuelle Leitline kennen und sich danach richten. Das Wissen um die erhöhte Thrombosegefahr ist in Fachkreisen durchaus präsent. Warum es sich noch zu wenig durchsetzt, dass als Standard die weniger gefährlichen Pillen der sogenannten zweiten Generation verschrieben werden, ist schwer zu erklären. Vielleicht erliegen manche den Pharmaberatern und -beraterinnen, die neue Pillen mit tollen Wirkungen wie bessere Haut und Haare und weniger Gewichtszunahme anpreisen. Oft wollen auch die Frauen selbst eine ganz bestimmte Pille, weil eine Bekannte gute Erfahrungen damit gemacht hat. Dagegen zu argumentieren und für einen Versuch mit einer anderen Pille zu raten, kostet Zeit.

Nimmt man denn von manchen Pillen wirklich weniger zu oder bekommt bessere Haut und Haare?

Es gibt keine einzige Studie, die wissenschaftlich belegt, dass man von einer bestimmten Pille stark zunimmt. Im Einzelfall kann das durchaus zutreffen, aber im Schnitt sind es nur ein bis zwei Kilo. Auch die positive Wirkung auf Haut und Haare ist nicht bewiesen: Nur ein einziger Wirkstoff, das Cyproteronaetat (CPA), verbessert nachweislich echte Akne. Die neueren Pillen der sogenannten dritten und vierten Generation, die laut Leitlinie im Einzelfall durchaus positive Effekte auf Haut und Haare haben können, sind oft risikoreicher.

Laut der WIdO-Analyse nehmen 52 Prozent der Frauen risikoreichere Pillen: Was kann denn im schlimmsten Fall passieren?

Thrombosen sind Blutgerinnsel in den Beinvenen. Das klingt für Laien erstmal nicht so schlimm. Das Gefährliche ist jedoch, dass so ein Gerinnsel im Körper auf Wanderschaft gehen und einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt oder eine Lungenembolie verursachen kann – auch bei Mädchen und jüngeren Frauen! Je nach Pille kann das Thromboserisiko auf das Drei- bis Vierfache steigen im Vergleich zu einer Person, die nicht hormonell verhütet. Konkret: Von 10.000 Frauen, die keine Pille nehmen, bekommen zwei pro Jahr eine Thrombose. Unter Pille steigt das Risiko je nach Pille auf fünf bis zwölf Frauen pro Jahr. Wenn man zudem raucht, übergewichtig ist oder Diabetes hat, ist das Risiko noch um ein Vielfaches höher. Eine andere Nebenwirkung sind Auswirkungen auf das Befinden. Es gibt Hinweise, dass die Pille – egal welche – zu Stimmungsschwankungen und depressiven Verstimmungen führen kann.

Wie kann ich als Patientin sichergehen, dass ich keine risikoreichere Pille verschrieben bekomme?

Natürlich kann sich jede selbst die Leitlinie im Internet durchlesen. Das ist aber für Laien sehr mühsam. Eine ergänzende Patientenleitlinie zum Thema gibt es leider noch nicht. Aber der Arzt oder die Ärztin ist verpflichtet, Risikofaktoren abzufragen und umfassend über Wirkungen und Nebenwirkungen zu informieren. Dass wird alles dokumentiert und kann im Ernstfall auch rechtliche Folgen haben. Die Frau muss nach der Beratung selbst entscheiden, ob sie bereit ist, für eine eventuell bessere Haut das höhere Risiko in Kauf zu nehmen oder nicht.

Welche Verhütungsmethode würden Sie persönlich empfehlen?

Eine gute Verhütungsberatung muss zur Lebenssituation der Frau beziehungsweise des Paares passen. Zunächst ist es wichtig, dass Frauen sich fragen: Bin ich bereit, mit Hormonen in meinen Zyklus einzugreifen, um damit eine sehr hohe Verhütungssicherheit zu erreichen? Das beinhaltet natürlich mehr Nebenwirkungen als zum Beispiel die Verhütung mit Kondomen, die bei konsequenter Anwendung durchaus auch eine hohe Sicherheit hat. Wer weniger Hormone möchte, sollte nicht zum Vaginalring greifen: Der hat kein geringeres Thromboserisiko als die übliche Kombi-Pille, die aus Östrogen und einem Gestagen besteht. Bei erhöhtem Thromboserisiko sind die Minipille und die Hormonspirale eine gute Alternative. Beide enthalten als Wirkstoff nur ein Gestagen. Viele Frauen leiden aber gerade bei der Minipille unter unregelmäßigen Zwischenblutungen. Wenn die Frau mit der Pille verhüten möchte, empfehle ich eine Pille der zweiten Generation. Diese sind lange auf dem Markt, gut untersucht und das Thromboserisiko ist bei ihnen am wenigsten erhöht. Sie enthalten als Gestagen überwiegend den Wirkstoff Levonorgestrel (LNG). Der ist übrigens auch in der „Pille Danach“ enthalten, die ja im Notfall ohne Rezept in der Apotheke erhältlich ist, eben weil sie kein erhöhtes Thromboserisiko hat.

Kommentare (4)

  • Matthias Gottschalk

    am 20.10.2021 um 14.31 Uhr

    Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) informierte am 30.09.2021 die Ärzteschaft in einem sogenannten „Rote-Hand-Brief“ über die unterschiedlichen Risiken einer Thrombose bei der Einnahme von hormonalen Kontrazeptiva (Anti-Baby-Pille). Das BfArM verweist in seinem Brief auf eine durchgeführte Studie, bei der Krankenkassendaten von Erstanwenderinnen unter 20 Jahre untersucht wurden. Unter anderem die AOK Bremen/Bremerhaven hatten Daten dazu bereitgestestellt.
    Die ExpertInnen der Behörde empfehlen in ihrem Brief erneut, dass sich Ärzte bei der Verschreibung hormoneller Kontrazeptiva auf risikoärmere Präparate konzentrieren sollen. Gleichzeitig sollten die individuellen Risikofaktoren überwacht und bei der Vergabe berücksichtig werden.
    Weitere Informationen liefert der „Rote-Hand-Brief“, der hier zu finden ist: https://www.dcgma.org/index.php?option=com_acymailing&ctrl=url&subid=24624&urlid=1878&mailid=1259&Itemid=435

  • Franziska Märtig

    am 25.08.2021 um 10.11 Uhr

    Die Präparate nennen wir bewusst nicht namentlich, aber die Wirkstoffe sind ja in unserer Grafik gut aufgelistet.

  • Ina

    am 22.08.2021 um 17.49 Uhr

    Das frage ich mich auch gerade…
    https://www.mylife.de/verhuetung/pille/
    „Je nach enthaltenem Gestagen gibt es verschiedene „Generationen“ von Pille. Jene der 1. Generation weisen als Gestagen beispielsweise Norethisteron oder Lynestrenol auf. Steckt in einem Präparat das Gestagen Levonorgestrel, handelt es sich um eine Pille der 2. Generation. Für Präparate der 3. Generation wird etwa Desogestrel oder Gestoden verwendet. Eine Pille der 4. Generation beinhaltet zum Beispiel Dienogest oder Drospirenon als Gestagen.“
    https://gutepillen-schlechtepillen.de/riskante-antibabypillen/ (siehe Bild mit Produktnamen)

  • Cornelia Wilkens

    am 20.08.2021 um 09.57 Uhr

    Die Pille der 2. Generation….welche Präparate sind das namentlich?

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