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Reserveantibiotika in Schleswig-Holstein: „Pulver sollte nicht verschossen werden“ - AOK-Chef Ackermann kritisiert Pharmaindustrie

Pressemitteilung

Kiel (17.09.2020). In Schleswig-Holstein wurden im Jahr 2019 rund 580.000 Reserveantibiotika für gesetzlich versicherte Patienten verordnet. Damit entfiel jede zweite Antibiotikaverordnung auf ein Reserveantibiotikum. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). „Damit die Medizin ihre therapeutischen Möglichkeiten bei der Behandlung schwerwiegender bakterieller Infektionen nicht verliert, ist ein zurückhaltender und verantwortungsbewusster Einsatz von Reserveantibiotika unbedingt erforderlich. Das Pulver sollte nicht verschossen werden. Reserveantibiotika werden dringend gebraucht, wenn Resistenzen bei herkömmlichen Antibiotika auftreten“, sagt AOK-Vorstandsvorsitzender Tom Ackermann. Das Problem der Antibiotika-Resistenzen werde noch dadurch vergrößert, dass die pharmazeutische Industrie in den letzten Jahren nur wenige neue Antibiotika auf den Markt gebracht habe.

Im Jahr 2019 entfielen im nördlichsten Bundesland für alle gesetzlich Krankenversicherten insgesamt 1,1 Millionen Verordnungen im Wert von über 22 Millionen Euro auf Antibiotika. Auf die Reserveantibiotika entfielen 54 Prozent dieser Verordnungen. Der hohe Anteil der Reserveantibiotika ist aus Expertensicht problematisch, da diese Medikamente eigentlich nur Mittel der zweiten Wahl darstellen. „Je sorgloser Antibiotika verordnet werden, desto häufiger werden Bakterien dagegen resistent. Die einstigen Wunderwaffen gegen Infektionskrankheiten werden durch ihren starken Einsatz zunehmend stumpfer“, so Ackermann. Reserveantibiotika sollten daher nicht zur Therapie einfacher Infektionen eingesetzt werden, sondern nur dann, wenn Standardantibiotika wie zum Beispiel die bewährten und in vielen Fällen wirksamen Penicilline nicht mehr helfen und Infektionen anders nicht behandelbar sind. Die Auswertungen für Schleswig-Holstein belegen zwar, dass der Anteil der Reserveantibiotika an allen verordneten Antibiotika seit 2012 rückläufig ist. So ist im Vergleich zum Höchstwert von 65 Prozent im Jahr 2011 ein Rückgang der Verordnungen auf 54 Prozent in 2019 festzustellen. „Allerdings wird immer noch jede zweite Antibiotikaverordnung mit Reserveantibiotika vorgenommen“, so Ackermann. Und das, obwohl man davon ausgehen kann, dass im ambulanten Bereich üblicherweise vergleichsweise harmlose Infektionen behandelt werden. „Antibiotika wirken nur gegen bakterielle Infektionen und sind völlig unwirksam, wenn eine Infektion durch Viren ausgelöst wurde wie beispielsweise bei den meisten Erkältungen oder auch bei Covid-19“, sagt der AOK-Chef. Das kritische Hinterfragen jeder Antibiotikaverordnung und ein rationaler, leitlinienkonformer Einsatz von Reserveantibiotika sei weiter angezeigt.  

Marktversagen bei Antibiotika
Neben einer behutsameren Verordnung werden auch Wirkstoffe mit neuen Wirkprinzipien benötigt, die in der Lage sind, die vorhandenen Resistenzen zu überwinden. Unter den knapp 450 neuen Wirkstoffen, die die pharmazeutische Industrie in den letzten zehn Jahren in Deutschland auf den Markt gebracht hat, waren jedoch nur zwölf antibiotische Wirkstoffe. „Hier ist die Pharmaindustrie gefordert, endlich mehr in Forschung und Entwicklung neuer Antibiotikawirkstoffe zu investieren anstatt sich auf andere Wirkstoffe zu fokussieren, mit denen sich höhere Gewinne erzielen lassen“, so Ackermann. Positiv sei, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2018 bis zu 500 Millionen Euro für zehn Jahre bereitgestellt habe, um unter anderem die Entwicklung neuer Antibiotika zu unterstützen. Aber mit der Entwicklung neuer Antibiotika allein, kann das Resistenzproblem nicht gelöst werden. „Damit Antibiotika als lebenswichtige Medikamente auch in Zukunft noch wirksam bleiben, ist es wichtig, die Gesundheitskompetenz der Menschen zu stärken und sie für einen sorgsamen Umgang damit zu sensibilisieren“, zieht Ackermann das Fazit.

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„Die Pharmaindustrie ist gefordert, endlich mehr in Forschung und Entwicklung neuer Antibiotikawirkstoffe zu investieren anstatt sich auf andere Wirkstoffe zu fokussieren, mit denen sich höhere Gewinne erzielen lassen“, sagt AOK-Vorstandsvorsitzender Tom Ackermann.

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Antibiotika galten einst als Wunderwaffen gegen Infektionskrankheiten. Durch ihren starken Einsatz werden sie jedoch zunehmend stumpfer.

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Pressekontakt

Jens Kuschel, Pressesprecher
AOK NORDWEST – Die Gesundheitskasse.
Edisonstraße 70, 24145 Kiel
Telefon 0800 2655-505528
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