#Corona am 05.07.2021

Long Covid: Welche Corona-Spätfolgen gibt es und wie gehen Betroffene damit um?

Long Covid: Ein Arzt klärt seine Patientin über die Langzeitfolgen von Corona auf.
Stocksy / ALTO IMAGES

Oberarzt PD. Dr. Dominik Buckert vom Universitätsklinikum Ulm erklärt im Interview, welche Long-Covid-Symptome auftreten können, was sie voneinander unterscheidet und wie belastend sie für die betroffenen Patienten sind.

Der Verlauf einer Corona-Erkrankung ist mittlerweile den meisten bekannt. Von Symptomen wie Husten, Fieber, Kurzatmigkeit oder Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn hast du garantiert schon gehört. Doch was passiert, wenn die akute Erkrankung überstanden ist? Die Langzeitfolgen von Corona sind bislang kaum erforscht.

Die Klinik für Innere Medizin II des Universitätsklinikums Ulm hat ein Forschungsprogramm etabliert, das sich mit den Spätfolgen einer Covid-19-Erkrankung an Lunge und Herz beschäftigt. Im Zuge dieser Studie können sich betroffene Patienten in einer eigens eingerichteten Post-Covid-19-Spezialambulanz untersuchen und beraten lassen. Wir baten Dr. Dominik Buckert zum Gespräch, um uns über die Arbeit in der Spezialambulanz sowie die neuesten Erkenntnisse über Corona-Spätfolgen aufzuklären.

Universitätsklinikum Ulm

Dr. Buckert, was kann ich mir unter der Post-Corona-Ambulanz am Universitätsklinikum Ulm vorstellen?

Wir haben eine Post-Covid-19-Spezialambulanz ins Leben gerufen, mit einer Spezialisierung auf Kardiologie und Pulmologie, also auf Herz und Lunge. Seit Anfang des Jahres können sich Patienten bei uns vorstellen. Die Vorbereitungen dafür starteten Mitte 2020, als die erste Corona-Welle ein bisschen abgeebbt ist. Es gab bereits Hinweise darauf, dass Patienten mit milderen Verläufen noch längere Zeit nach der akuten Erkrankung mit Problemen zu kämpfen haben werden: insbesondere im Bereich Herz und Lunge.

Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, wie wir mit diesen Patienten umgehen können. Im September 2020 starteten unsere Planungen für eine Post-Corona-Ambulanz. Im Januar 2021 war es schließlich so weit: Seitdem können sich Patienten, die Corona durchgemacht haben und immer noch unter Beschwerden leiden, bei uns vorstellen.

Die Resonanz war zu Beginn gigantisch. In der Zwischenzeit war bereits die zweite Corona-Welle über uns hinweg gerollt, sodass wir innerhalb kürzester Zeit unzählige Anfragen von Leuten bekamen, die sagten, dass bei ihnen einige Zeit nach ihrer Covid-Infektion irgendwas nicht in Ordnung sei.

Wie läuft es genau ab, wenn Patienten zum ersten Mal zu Ihnen kommen?

Wir haben relativ früh erkannt, dass wir nicht jedem Patienten die volle Bandbreite an universitären diagnostischen Möglichkeiten anbieten können und wollen. Deshalb haben wir ein Stufenschema etabliert. Patienten, die zu uns kommen wollen, bekommen einen Fragebogen zur Vorbereitung zugeschickt. Anschließend erfolgt der Vorstellungstermin.

In der ersten Stufe führen wir dann einige Basisuntersuchungen von Herz und Lunge durch, es folgen eine ausführliche Anamnese sowie eine körperliche Untersuchung. Wenn sich hierbei auffällige Befunde ergeben, kommen die Patienten in Stufe zwei, wo bereits deutlich aufwändigere Untersuchungen erfolgen, wie beispielsweise eine Kernspintomographie vom Herzen.

Wenn sich eindeutige Organschäden zeigen, werden diese Patienten aus der speziellen Corona-Versorgung rausgenommen. Stattdessen werden sie weiter betreut im Rahmen der entsprechenden klinischen Routine, die für die individuellen Befunde notwendig ist. In Stufe drei erfolgen dann – für die Patienten ohne eindeutige Organschäden – weitere Untersuchungen wie zum Beispiel eine Lungenspiegelung. Selbstverständlich werden die Maßnahmen genau auf die Ergebnisse der Vordiagnostik abgestimmt.

Vorbeugung ist der beste Schutz!

Eine Corona-Schutzimpfung ist momentan immer noch die beste Möglichkeit, sich vor dem Virus und einer Erkrankung zu schützen. Die wichtigsten Fragen zur Corona-Impfung haben wir hier für dich beantwortet.

Wie eine Impfung im Impfzentrum Heidelberg abläuft, kannst du in unserem Artikel darüber lesen.

Mit welchen konkreten Beschwerden stellen sich Betroffene denn bei Ihnen vor?

Zunächst einmal sind die „klassischen“ Patienten, die zu uns kommen, eher jung bis mittelalt. Das heißt von 25 aufwärts. Es konzentriert sich jedoch klar auf den Bereich zwischen 40 und 60 Jahren. Dabei handelt es sich überwiegend um Menschen, die vor ihrer Corona-Infektion keine relevanten Erkrankungen hatten. Zudem waren die Corona-Verläufe bei den meisten eher milde und sie mussten nicht stationär versorgt werden. Sie waren meist ohne große Auffälligkeiten drei Wochen lang in Quarantäne und haben sich im Anschluss weitere sechs Wochen geschont, weil sie sich nicht gut fühlten.

Welche Symptome traten dann bei den Betroffenen auf?

Zwei Monate nach der Erkrankung wollten die Betroffenen ihr normales Leben wieder führen. Sie starteten mit Sport und Co und stellten plötzlich fest, dass das nicht geht. Es fehlte die Kondition, sie waren kurzatmig und fühlten sich einfach platt. Dass man sich nach einem Virusinfekt oder einer Grippe im Winter eine Zeit lang nicht gut fühlt, kennt glaube ich jeder. Aber das Ausmaß im Zuge einer Corona-Erkrankung ist bei vielen so schlimm, dass es besorgniserregend ist.

Nicht belastbare Patienten mit Luftnot sind dabei der eine große Block, die ins pulmologische und kardiologische Spektrum fallen. Der andere große Block besteht aus Patienten mit neurologischen oder neuropsychiatrischen Auffälligkeiten. Hier kommt es zu Konzentrationsschwierigkeiten, Wortfindungsstörungen, Kopfschmerzen und Vergesslichkeit. Alles Dinge, die unspezifisch sind, für die Patienten jedoch sehr belastend.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Schwere von Corona-Verläufen und Long-Covid-Symptomen?

Grundsätzlich besteht da schon ein gewisser Zusammenhang. Patienten, die intensivpflichtig und beatmet waren, haben alle entsprechende Folgeschäden. Da vermischt sich dann natürlich die eigentliche Infektion mit den Therapie-assoziierten Problemen: Zum Beispiel nimmt bei der Beatmung oft die Lunge Schaden. Wer schwer erkrankt war, hat demzufolge auch hinterher mit stärkeren Problemen zu kämpfen.

Wie lange leiden Patienten durchschnittlich an den Folgen einer Corona-Erkrankung?

Es gibt diesbezüglich eine gewisse Tendenz, die wir beobachten können. Mittlerweile ist es nicht ungewöhnlich, dass Patienten nach überstandener Infektion über einen Zeitraum von sechs bis neun Monaten Beschwerden haben. Das kennt man von banalen Virusinfekten nicht.

Bislang gibt es jedoch nur ganz wenige Patienten, die länger als zwölf Monate an Post-Covid-Symptomen leiden. Der Trend ist bei fast allen zu beobachten, dass es innerhalb dieses Zeitraumes zu einer Verbesserung kommt.

Die Post-Covid-19-Spezialambulanz am Universitätsklinikum Ulm

Von Long-Covid betroffene Menschen können sich mit ihren Beschwerden an Professor Dr. Wolfgang Rottbauer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin II, und Oberarzt PD. Dr. Dominik Buckert wenden. Sie bieten Menschen, die eine Covid-19 Erkrankung überstanden haben, in ihrer Spezialambulanz modernste nicht-invasive Untersuchungsverfahren von Lunge und Herz an.

Termine können telefonisch vereinbart werden.

Wie hoch ist die Quote von Corona-Erkrankten, die anschließend an Spätfolgen leiden?

Bereits publizierte Schätzungen gehen davon aus, dass etwa zehn Prozent der Betroffenen einer Corona-Infektion Long-Covid-Symptome entwickeln. Allerdings stehen diese Schätzungen momentan auf sehr wackeligen Beinen. Deshalb wäre ich noch sehr vorsichtig, was die Interpretationen dieser Zahlen angeht.

Kann man sich nach überstandener Corona-Erkrankung in irgendeiner Form vor Long Covid schützen?

Gute Erkenntnisse darüber gibt es nicht, jedoch Analogien zu anderen Erkrankungen beziehungsweise Situationen. Ich persönlich glaube, und das ist nur meine Einzelmeinung, dass sich viele Betroffene nach überstandener Erkrankung tatsächlich zu sehr geschont haben und nicht mehr ihr normales Leben geführt haben.

Was meinen Sie damit?

Bei 80 Prozent der Patienten wird nach der Corona-Erkrankung kein Organschaden festgestellt. Sie sind also körperlich gesund. Dennoch fühlen sie sich nach eigener Aussage nicht gut. Oft sind dies sehr sportliche Leute, die ihr Leben lang viel trainiert haben und ein hohes Sportpensum absolvieren. Durch die Infektion sind sie dann plötzlich ausgeknockt. Hinterher zögern viele, wieder ordentlich in das gewohnte Training einzusteigen. Dazu kamen soziale Einschränkungen durch den Lockdown.

Ich war überrascht darüber, dass ich unglaublich sportliche Leute vor mir hatte, die sich nach ihrer Corona-Erkrankung über ein halbes Jahr lang nicht mehr bewegt haben und sagen, dass sie sich miserabel fühlen. Das wundert mich ehrlich gesagt nicht. Denn jeder, der einen hohen Trainingsgrad hat, hat normalerweise auch ein gutes Körpergefühl. Das totale Herunterfahren führt zwangsläufig zu Unwohlsein. Das macht Inaktivität mit jedem. Es ist deshalb enorm wichtig, dies zu erkennen.

Also muss man die Patienten wieder zu Bewegung motivieren?

Ja. Wenn man diesen Menschen sagt, dass ihre Organe und ihr Körper gesund sind, dann machen sie wieder das, was sie gerne machen. Man muss natürlich langsam anfangen und sich nicht darüber wundern, dass es zu Beginn nicht so funktioniert wie früher. Nichts geht so schnell verloren wie Kondition. Aber die lässt sich wieder aufbauen. Und da die Organe alle gesund sind, hat man dafür auch die besten Voraussetzungen. Wenn Betroffene das von mir hören, sind sie schon ziemlich glücklich und man kann vielen durch diese Motivation aus den Long-Covid-Symptomen heraushelfen.

Das muss man natürlich trennen von den 20 Prozent der Betroffenen, bei denen es wirklich zu Organschäden gekommen ist. Da sieht die Situation selbstverständlich differenzierter aus. Aber gerade diese Spreu vom Weizen zu trennen, ist unsere Aufgabe.

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