#Schmerz am 06.10.2021

Wie die Psyche den Schmerz beeinflusst

Junge Frau sieht mutlos aus und braucht Hilfe in Form einer Schmerzpsychotherapie, da sie unter chronischen Schmerzen leidet.
Stocksy / Luca Di Lotti

Chronische Schmerzen können die Lebensqualität eines Menschen stark einschränken. Eine Psychotherapie kann helfen, dem Schmerz auf den Grund zu gehen, damit das Leben wieder lebenswerter wird und die Beschwerden nicht mehr im Mittelpunkt stehen.

Wer unter chronischen Schmerzen leidet, wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich davon erlöst zu werden. Leider ist oft lediglich eine Schmerzminderung möglich, und deshalb ist es umso wichtiger, den richtigen Umgang mit den Beschwerden zu erlernen. Damit das so gut wie möglich gelingt, bietet zum Beispiel das überregionale Schmerzzentrum des Uniklinikums Ulm eine spezielle Schmerzpsychotherapie an. Wir fragen die Psychologin Andrea Rudrani Kunz, wie chronischer Schmerz das Leben ihrer Patienten beeinflusst und wie sie den Betroffenen helfen kann.

Psychologin Andrea Rudrani Kunz auf einem Portraitfoto. Im Interview erzählt sie, wie Psyche und Schmerz sich beeinflussen.

Psychologin Andrea Rudrani Kunz erklärt im Interview, was eine Schmerzpsychotherapie ist.

Wie kann es sein, dass manche Schmerzen dauerhaft bleiben, oft auch ohne erkennbaren Grund?

Wir müssen unterscheiden zwischen akuten Schmerzen als Alarmsignal, wo irgendetwas im Körper nicht in Ordnung ist, und chronischen Schmerzen, die sich festsetzen. Bei Ersteren sucht man nach der Ursache, geht deshalb zum Arzt, nimmt Medikamente und versucht es mit verschiedenen Hausmitteln. Doch jeder zehnte Mensch leidet unter Schmerzen, die anhalten oder wiederkehren. Oft handelt es sich hierbei um Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen.

Dauerhaftes körperliches Leiden kann sich auch bei bestimmten Erkrankungen, nach Unfällen oder OPs einstellen, wo sich die Ursachen nicht beziehungsweise nicht vollständig beheben lassen. Außerdem kann seelisches Leiden körperliche Schmerzen auslösen. Bei vielen Menschen wird länger andauernder Schmerz schließlich zu einer eigenständigen Erkrankung, einer anhaltenden Schmerzstörung.

Wechselwirkung Schmerz und Psyche

Selbst wenn für die Schmerzen zu Beginn keine psychische Ursache gefunden wurde, ist es möglich, dass sich unter chronischen Schmerzen im Laufe der Zeit psychische Probleme, wie beispielweise eine Angststörung oder Depressionen, entwickeln. Umgekehrt kann auch die Psyche körperliche Beschwerden auslösen und verstärken.

Wie zeigt sich eine anhaltende Schmerzstörung?

Es entwickeln sich neben den Schmerzen Ängste und Stimmungsschwankungen, nichts macht mehr Freude, und es gibt Probleme am Arbeitsplatz, zum Beispiel durch Fehlzeiten. Das alles wirkt sich wiederum verstärkend auf die Schmerzen aus. Es entsteht ein Teufelskreis, bei dem die eigentliche Ursache nicht mehr klar erkennbar ist und ein Ausbrechen für die Betroffenen ohne fremde Hilfe schwierig wird. Ob und wie schnell schließlich die richtige Diagnose gestellt werden kann, hängt davon ab, ob es eine klare, organisch begründete Ursache für die Schmerzen gibt.

Oft spielen andere Faktoren eine Rolle, und es liegt keine gravierende körperliche Erkrankung vor. Andauernder Stress, permanente Anspannung, seelische und soziale Probleme können eine Ursache sein. Als Behandlungsoption kommt dann eine multimodale Schmerztherapie in Frage.

Der neue Podcast „Leib und Seele“

Sich mit der Entstehung, Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerzen auseinanderzusetzen, hilft, besser mit ihnen zurechtzukommen. In „Leib und Seele“, dem neuen Podcast der AOK Baden-Württemberg, geht die Moderatorin Lilly Wagner zusammen mit verschiedenen Schmerzexperten dem Thema auf die Spur.

Was zeichnet eine multimodale Schmerztherapie aus?

Es arbeiten Schmerzmediziner, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten und Spezialisten aus weiteren Bereichen zusammen. Als Team gehen sie nach einem einheitlichen Konzept vor und stehen im ständigen Austausch. Angeboten wird die multimodale Schmerztherapie von spezialisierten Kliniken vollstationär oder teilstationär in ambulanten Tageskliniken.

Die gemeinsame Grundlage der multimodalen Schmerztherapie ist ein bio-psycho-soziales Schmerzverständnis. Hierbei wird nach körperlichen Ursachen und den entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten gesucht, aber auch nach psychischen und sozialen Auslösern, die den Schmerz beeinflussen.

Für viele Patienten mit chronischen Schmerzen ist eine multimodale Schmerztherapie ein wichtiger und erster hilfreicher Schritt, um neue Wege zu finden, mit der jeweiligen Erkrankung und den Schwierigkeiten zurechtzukommen.

Als Schmerzpsychotherapeutin unterstützen Sie Betroffene. Wie sieht das konkret aus?

Zunächst möchte ich sagen, dass mir der Begriff Schmerzen „bewältigen“ nicht gefällt. Meine Erfahrung ist, dass sich Schmerzen nicht „bewältigen“ lassen, man kann jedoch lernen, mit ihnen umzugehen, trotz und mit den Schmerzen ein gutes, erfülltes Leben zu haben. Schmerzpsychotherapie bedeutet dabei Hilfe zur Selbsthilfe. Oft müssen Menschen, wenn sie zu mir kommen, ihre Scham und Scheu ablegen. Ein häufiger Satz ist: „Ich hab’s doch im Rücken, nicht im Kopf!“ Dann erzähle ich zunächst, was wir alles über chronische Schmerzen, deren Entstehung und Aufrechterhaltung wissen. Das nennt man Psycho-Edukation.

In einem multimodalen Setting der Klinik gehört es dazu, zum Psychologen zu gehen?

Genau, das trifft auch für das ambulante Setting zu. In meiner Praxis außerhalb der Klinik bemühe ich mich, eng mit Ärzten, die ihre Patienten zu mir schicken, zusammenzuarbeiten. Dafür müssen die Hilfesuchenden natürlich einverstanden sein. Gemeinsam mit den Patienten machen wir uns auf die Suche und versuchen zu verstehen, welche Faktoren beim Schmerzgeschehen eine Rolle spielen, entsprechend dem bio-psycho-sozialen Schmerzmodell.

Wie gehen Sie konkret vor?

Es werden Fragen besprochen: Was sind die körperlichen Probleme? Welche Rolle spielt die Psyche? Was sind die größten Ängste? Wie läuft es derzeit privat und beruflich, ist der Job in Gefahr, kann die Familie versorgt und können Kredite abbezahlt werden? Oft gibt es Gedanken wie: „Ich schaffe das alles nicht mehr!“ Fragebögen und Schmerztagebücher können helfen, den Ursachen der Schmerzen auf die Spur zu kommen. Die Patienten sollen beobachten, wann und wo welche Schmerzen wie stark auftreten, welche Auslöser es gibt. Und natürlich, was hilft. Es geht darum zu verstehen, welche Faktoren Einfluss auf das Leiden haben, sowohl aktuell als auch von der Lebensgeschichte.

Zahlen und Fakten

Etwa 12 bis 15 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen, länger andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen. Etwa fünf Millionen von ihnen sind stark beeinträchtigt. Ihr Leiden hat sich verselbstständigt und gilt als eigenständige Schmerzkrankheit.

Was hat die Lebensgeschichte mit den aktuellen Schmerzen zu tun?

Wenn nach Krankheit, Unfall oder anderen belastenden Ereignissen das „Fell“ nicht mehr so dick ist, kann es vorkommen, dass längst verarbeitet geglaubte Ereignisse wieder hochkommen, wieder ins Bewusstsein rücken oder unbewusst wieder erlebt werden. Dann liegt der Fokus darauf, mit diesen umgehen zu lernen. Manchmal ist es auch hilfreich, wenn Familiengespräche stattfinden, um die Situation zu Hause für alle zu verbessern, manchmal braucht es Veränderungen am Arbeitsplatz. Oder es ist eine Sozialdienstberatung erforderlich.

Ein weiterer Bestandteil der Schmerzpsychotherapie ist das Erlernen von nichtmedikamentösen Verfahren. Das können Entspannungsverfahren sein, mit dem Fokus, Schmerzen aus dem Rampenlicht der Aufmerksamkeit zu nehmen. Neben Einzelbesprechungen biete ich auch Gruppensitzungen an. Ein Austausch mit anderen Betroffenen tut vielen Patienten gut. Über seine Nöte, aber auch Erfolge zu sprechen, sich gegenseitig Mut zu machen, hilft oft sehr. Mancher Betroffene wird seine Schmerzen nicht los, trotz aller möglicher Behandlungen.

Wie kann es gelingen, trotz Dauerschmerz ein gutes Leben zu führen?

Obwohl die Schmerzforschung seit vielen Jahren sehr aktiv ist, darf man keine Wunder erwarten. Trotz unterschiedlicher Schmerzmedikamente, Salben und Pflaster oder auch Schmerzsonden wie eine Sonde zur Rückenmarkstimulation, ist Schmerzfreiheit oft nicht erreichbar. Eine Reduktion um 50 Prozent der Schmerzen ist oft schon ein guter Erfolg. Ein wichtiges Thema in der Schmerzpsychotherapie ist die Akzeptanz. Viele Menschen müssen lernen, mit den Schmerzen zurechtzukommen, müssen annehmen, dass sich das Leben verändert, wenn Schmerzfreiheit kein realistisches Ziel mehr ist. Meine Erfahrung ist, dass dies vielen Patienten tatsächlich gelingt.

Haben Sie einen Tipp, wie man mit Schmerzen von Anfang an richtig umgeht?

Manche Menschen sollten lernen, auf Warnsignale ihres Körpers besser zu achten, andere wiederum sollten aufkommende oder bestehende Schmerzen nicht als Ausrede für einen Rückzug benutzen und dadurch Probleme erst richtig groß werden zu lassen. Ich möchte jedoch allen, die chronische Schmerzen haben, Mut machen, sich professionelle Hilfe zu holen. Es gibt auf Schmerztherapie spezialisierte Ärzte, Psychotherapeuten und Physiotherapeuten, die dafür ausgebildet sind. Sich Hilfe zu holen, wenn man nicht weiterkommt, ist aus meiner Sicht eine kluge Entscheidung und kein Zeichen von Schwäche.

Weitere Informationen zum Thema Schmerz bekommst du auf den Seiten der Deutschen Schmerzgesellschaft und der Deutschen Schmerzliga e.V.

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