#Achtsamkeit am 20.12.2021

Stille – die wertvolle Kraft gegen Stress und Reizüberflutung

Eine junge Frau mit einer gelben Mütze genießt die Stille in einem verschneiten Park in einer Winternacht.
Stocksy / Lucas Ottone

Psychotherapeut Dr. Jan Glasenapp gewährt Einblicke in die Welt der Stille und erklärt, warum lautlose Momente Balsam für die Seele sein können.

Leise rieselt der Schnee: In den Wintermonaten legt sich nicht nur über die Natur ein Schleier der Ruhe. Sondern auch für viele Menschen ist das Jahresende die Zeit der Besinnlichkeit und Stille. Doch sich auf diese stillen Momente einzulassen, fällt vielen von uns immer schwerer. Manche empfinden sie sogar als bedrückend. Dabei kann Stille nicht nur gut für die Seele, sondern auch für die Gesundheit sein.

In unserem Gespräch erläutert der Psychotherapeut Dr. Jan Glasenapp aus Schwäbisch Gmünd positive, aber auch negative Effekte der Stille. Darüber hinaus erklärt er, warum es manchen Menschen schwerfällt, innerlich zur Ruhe zu kommen und mit welchen Methoden du dir bewusst stille Momente zum Abschalten schaffen kannst.

Porträt von Dr. Jan Glasenapp
Dr. Jan Glasenapp

Herr Dr. Glasenapp, was bedeutet Stille für Sie persönlich?

Stille ist eine Erfahrung und lässt sich schwer in Worten auszudrücken. Für mich ist es erstmal die Einladung, innezuhalten und die Pausetaste zu drücken. Das kann zum Beispiel bedeuten, einen Moment lang zu zögern, bevor ich etwas sage. Oder ich versuche ruhiger zu werden, um mich ganz auf den Augenblick zu konzentrieren, der jetzt gerade stattfindet. Das bedeutet Stille für mich persönlich.

Welche Arten von Stille gibt es und wie erleben wir diese?

Wie so vieles im Leben ist Stille eine Medaille mit zwei Seiten. Positiv betrachten wir die Stille als Moment der Ruhe, des Innehaltens sowie ein Unterbrechen des Alltags. Stille kann wie eine Tür sein, um sich nach innen zu wenden und die Ruhe wahrzunehmen. Hierbei können wir eine gewisse Zufriedenheit empfinden. Auf der anderen Seite kann Stille allerdings auch negativ behaftet und unangenehm sein.

So sprechen wir manchmal von Todesstille. Für manche Menschen bedeutet Stille ein unangenehmes Schweigen – ein Nichtaussprechen von Dingen, die wichtig sind. Das kann für betroffene Personen sehr belastend sein. Stille ist daher an sich weder positiv noch negativ. Es hängt stark davon ab, wie Menschen sich auf sie einlassen können.

Stille ist also gut für unser Wohlbefinden, aber für manche auch schwer erträglich?

Richtig, und diese unangenehme Stille müssen wir auch ernst nehmen. Stille bedeutet ja nicht nichts. In unserem Gehirn herrscht ständig Aktivität. Diese ist Ausdruck des Lebens. Es ist daher wichtig, Stille nicht als einen Zustand der Leere oder des Nichts wahrzunehmen. Stille bedeutet in erster Linie die Abwesenheit von Lärm, Geräuschen, bestimmten Aktivitäten und Informationen, mit denen wir uns auseinandersetzen, und die gerade in der heutigen Zeit für sehr viel Unruhe sorgen.

Ist Stille in unserem schnelllebigen Alltag Luxus?

Ich würde sie nicht als Luxus bezeichnen, da diesem anhaftet, etwas Überflüssiges zu sein. Vielmehr sollten wir sie als Einladung verstehen, sich Zeit für die Erfahrung von Stille zu nehmen. Stille ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit. Wir gehen einem ungemein leistungsorientierten, aktiven Leben nach und glauben, permanent auf dem neuesten Stand sein zu müssen. Dabei ist die Angst, etwas zu verpassen, allgegenwärtig. Im Prinzip ist unser Leben komplett auf das Gegenteil von Stille ausgerichtet. Deshalb ist eine bewusste Ruhepause von allem vielmehr eine Notwendigkeit und kein Luxus.

Es ist zum Beispiel wichtig, dass wir die Informationen, die täglich auf uns einprasseln, auch verarbeiten können. Egal, ob es sich dabei um die Medien, soziale Kontakte oder die generelle Auseinandersetzung mit dem Leben handelt. Wir geben uns viel zu wenig Zeit, um all diese Informationen zu verdauen. Stille ist daher für mich die Einladung dafür, diesem Verarbeitungsprozess Raum und Zeit zu geben.

Warum fällt das vielen Menschen so schwer?

Weil wir es nicht gelernt haben. Stille ist in der Schule leider kein Unterrichtsfach und es ist in unserem Leben oft auch kein Raum dafür vorgesehen. Als Psychotherapeut sehe ich hier ein Kompetenzdefizit. Viele Menschen haben nicht gelernt, wie sie in ihrem Alltag Raum für Stille schaffen können. Doch diese Fähigkeit können wir uns antrainieren.

Haben manche vielleicht sogar Angst vor der Stille?

Ich würde es als Angst vor den „Verdauungsbeschwerden“ bezeichnen. In dem Augenblick, wo wir uns für stille Momente entscheiden – also dem Verdauen der ganzen vorab genannten Informationen – kann es sein, dass dies zu Problemen führt. Manche Menschen vermeiden die Auseinandersetzung mit dem, was in ihnen steckt. Deswegen nutzen sie den Lärm des Alltags dafür, um sich eben nicht sich selbst oder den schmerzhaften Erfahrungen des Lebens stellen zu müssen. Aus Angst davor, dass diese hochkommen, wenn der Stille zu viel Raum gegeben wird.

Wie wirkt sich Lärm generell auf das seelische Wohlbefinden aus?

Der entscheidende Faktor ist hierbei nicht Lärm an sich. Leben bedeutet Lärm und die ständige Auseinandersetzung mit Informationen. Ausschlaggebend für das psychische Wohlbefinden ist vielmehr die Selbstkontrolle. Es ist wichtig, die Menge an Lärm im eigenen Leben regulieren zu können.

Menschen erleben vor allem dann unangenehmen Stress, wenn sie nicht mehr das Gefühl haben, die Anforderungen des Alltags selbst bestimmen zu können. Auf der einen Seite ist das ein quantitatives Problem, da es in manchen Lebensphasen einfach zu viel ist. Andererseits ist es ein qualitatives Problem, wenn die Art und Weise der Herausforderungen jemanden überfordern. Das kann auf Dauer zu psychischen Belastungen bis hin zu psychischen Störungen führen.

Orte der Stille in Baden-Württemberg

Bei uns im Ländle gibt es wahre Ruheoasen, die dir eine Flucht aus dem hektischen Alltag ermöglichen und entspannte Momente der Stille bescheren können. Welche besonderen Orte das sind, erfährst du in unserem Artikel zum Thema Achtsamkeit.

Wie schafft man es, innerlich zur Ruhe zu kommen?

Mein erster Tipp ist, kein Öl ins Feuer zu gießen. Es bringt nichts, sich selbst dafür zu verurteilen, dass wir keine Stille in uns finden. Anforderungen und Erwartungen wie „Ich muss doch jetzt zur Ruhe kommen“ sind kontraproduktiv. Vielmehr sollten wir äußere Stille dafür nutzen, um unsere innere Ruhe zu finden. Es kann zum Beispiel sehr hilfreich sein, abends bestimmte Rituale zu befolgen.

Statt vor dem Fernseher einzuschlafen oder sich mit dem Smartphone zu beschäftigen, können wir den Abend lieber langsam ausklingen lassen, um zur Ruhe zu kommen. Auch Achtsamkeitsübungen oder Meditation können dabei helfen. Durch solche Rituale und Methoden können wir die Einladung zur Stille fördern und das Innehalten lernen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich das „Informationsfasten“. Das bedeutet, auf verschiedene Quellen von Informationen zeitweise zu verzichten. Beispielsweise an einzelnen Tagen am Wochenende oder im Laufe eines Tages in bestimmten Zeiträumen. So kann man etwa sagen: „Ich checke die Nachrichten nur noch vor zwölf Uhr mittags und verzichte auf die klassischen Abendnachrichten.“ Damit kann man der Stille überhaupt eine Chance geben.

Woran erkenne ich, dass ich eine Auszeit vom Lärm und Informationsüberfluss brauche?

Das ist bei jedem Menschen sehr individuell. Manche entwickeln körperliche Symptome, die darauf hindeuten, dass sie bereits zu lange im roten Bereich gelebt haben. Bei manchen Menschen kommt es eher zu psychologischen Effekten.

Zu den körperlichen Symptomen zählen typische Stresssignale wie Schlafstörungen, Antriebslosigkeit oder Appetitlosigkeit. Zu den psychologischen Effekten gehören unter anderem die Änderung der Einstellung. Betroffene fangen hierbei an, in eine Art mentalen Schutzmodus zu gehen. Sie ziehen sich zunehmend zurück, setzen Scheuklappen auf und sind weniger offen für die Sorgen und Nöte anderer Menschen.

Wenn sich diese Anzeichen häufen und wir merken, dass es zu viel wird, sollten wir dringend bewusst für mehr Ruhe sorgen.

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    veröffentlicht am 20.12.2021
    AOK-Expertin „Psyche und Seele“

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