#Familienleben am 23.11.2021

Wie erklären wir Kindern Zeit?

Eine junge Mutter erklärt ihrem kleinen Kind die Zeit, beide schauen sich eine große Wanduhr dabei an.
Stocksy / Irina Polonina

Im Spiel einfach mal die Zeit vergessen – das fällt Kindern nicht schwer. Im Gegenteil zu Erwachsenen, die der Zeit meist eher hinterherhetzen, die Uhrzeit dabei immer im Blick. Manchmal scheint es so, als ob Kinder und Erwachsene in unterschiedlichen zeitlichen Dimensionen leben. Ist da was dran?

„Mama, wie lange noch?“ Eine Frage, die viele Kinder beschäftigt und Eltern nicht selten in Erklärungsnot bringt. Zehn Minuten, Übermorgen, bis zur nächsten Ampel – es gibt viele Erklärungsversuche, aber wie erklären wir Kindern die Zeit so, dass der Nachwuchs sie auch wirklich versteht? Wir verraten dir, warum die Kleinsten die Zeit völlig anders wahrnehmen, was das mit Geduld zu tun hat und wie der Begriff „Zeit“ für Kinder greifbar wird.

Zeit ist etwas, das Kinder von uns lernen

Wusstest du, dass die Zeit ein sehr komplexes Gebilde ist, das auf das babylonische Zahlensystem zurückgeht? Schon vor Jahrtausenden unterteilten die Menschen die Stunde in 60 Minuten. Das machten sie aber nicht, um die Zeit zu messen, sondern vor allem, um Sterne am Himmel zu beobachten oder mathematische Rechnungen anzustellen. Erst mit der Erfindung des Pendels im 17. Jahrhundert beschäftigten sich die Menschen mit der Zeiterfassung.

Seitdem lässt sie uns nicht mehr los. Die Zeit bestimmt, wann wir aufstehen, essen oder Pause machen. Wir nutzen sie, um unseren Alltag zu strukturieren. Auch unsere Kinder kommen schon früh damit in Berührung, zum Beispiel dann, wenn wir sie bitten, sich zu beeilen oder ihnen sagen: „In fünf Minuten gehen wir.“ Doch versteht dein Nachwuchs in diesem Moment, wie lange fünf Minuten tatsächlich sind?

Wie empfinden Kinder Zeit?

Es gibt einen guten Grund dafür, warum sich dein Nachwuchs bei dir erkundigt, wie lange es noch dauert, bis du zum Beispiel Zeit zum Spielen hast. Ihm fehlt noch das Verständnis dafür, was eine Minute, eine Stunde oder ein Tag bedeutet.

Im Alter von drei Jahren erst können Kinder, wenn sie nach vertrauten Ereignissen gefragt werden, wie dem Besuch bei Oma oder dem Mittagessen, die einzelnen Schritte dieser Erlebnisse in der richtigen zeitlichen Reihenfolge nacherzählen.

Mit etwa vier Jahren beginnen Kinder, die zeitlichen Beziehungen zwischen alltäglichen Ereignissen wie Aufwachen, Mittagessen, Abendessen und Schlafengehen allmählich zu erfassen.

Anstatt „gestern“ oder „morgen“ verinnerlichen Kinder dabei aber vielmehr ein „vorher“ oder „nachher“. Dein Nachwuchs weiß zum Beispiel, dass er nach seinem Bruder Geburtstag hat. Über die Erfahrung des Zusammenhangs zeitlicher Abläufe und Aktivitäten lernen Kinder dann mehr und mehr Ereignisse auch in Zeit zu übertragen.

So veranschaulichst du deinem Kind die Zeit

Dein Kind kann die Zeit nicht greifen oder sie sehen, deshalb ist sie so abstrakt. Mit der Uhr können wir sie jedoch darstellen. Im Alter von etwa sieben Jahren lernen die meisten Kinder die Uhr zu lesen. Das bedeutet aber nicht, dass dein Nachwuchs dann automatisch die Zeit richtig einschätzen kann. Mit einigen Tipps kannst du deinem Kind das Thema Zeit spielerisch näherbringen.

  • Verknüpfe Zeitangaben mit einem Ereignis: Anstatt deinem Kind zu erklären, dass ihr „bald“ zu Oma fahrt, könntest du ihm sagen: „Nach dem Mittagessen fahren wir zur Oma“ oder „Noch zweimal schlafen, dann fahren wir zur Oma“. Diese Formulierungen helfen deinem Kind dabei, die Wartezeit besser einzuordnen.
  • Schaffe eigene Rituale: Kinder lieben Rituale, denn sie vermitteln Verlässlichkeit und Sicherheit. Außerdem unterstützen sie dein Kind dabei, das Konzept Zeit besser zu verstehen. Wie wäre es, wenn du jeden Abend gemeinsam mit deinem Kind eine Fantasiereise unternimmst? Mache deinen Nachwuchs vorher darauf aufmerksam, dass die Gedankenreise zum Beispiel fünf Minuten dauert. So prägst du bei deinem Kind langsam das Verständnis für Zahlen und zeitliche Eindrücke.
  • Jongliere mit Zeitbegriffen im Alltag: Jeden Tag gibt es unzählige Tätigkeiten, mit denen du deinem Kind die Zeitspannen näherbringen kannst. Nutze zum Beispiel den Weg zum Kindergarten: „Schau mal, wir haben jetzt 10 Minuten zum Kindergarten gebraucht.“ Alternativ kannst du mit deinem Kind die Uhr ablesen und anschließend ein Brettspiel spielen. Danach prüft ihr gemeinsam auf der Uhr nach, wie lange das Spiel gedauert hat. „Wir nehmen uns jetzt zehn Minuten Zeit, um gemeinsam zu lesen“, auch diese Formulierung unterstützt dein Kind beim Erlernen der Zeit.
  • Stelle eine Sanduhr: Sanduhren faszinieren Kinder. Der langsam rieselnde Sand wirkt entspannend und fesselnd. Außerdem kannst du deinem Kind mit einer Sanduhr anschaulich darstellen, wie lange zwei Minuten sind. In der Drogerie erhältst du „Zahnputzuhren“. Das sind kleine Sanduhren, die normalerweise die zweiminütige Zahnputzdauer anzeigen. Mit den Worten: „So lange sind zwei Minuten“ und dem Umdrehen der Sanduhr wird die Zeit für dein Kind ein Stück weit lebendiger.
  • Binde Lernspiele, Geschichten und Bücher mit ein: Zahlreiche Spiele und Bücher beschäftigen sich mit dem Thema Zeit. Sie funktionieren spielerisch, zum Beispiel mit einer Uhr im Buch, die dein Kind verstellen kann. Auch ein Wecker mit Zeigern ist ein gutes Hilfsmittel.

ScienceKids: Knifflige Themen, einfach erklärt

Kinder sind wissbegierig und freuen sich, Neues zu erlernen. In unserer Welt stoßen sie häufig auf komplexe Themen und erhobene Zeigefinger. Das Programm ScienceKids: Gesundheit entdecken  nutzt den Forscherdrang der Kinder, um Gesundheit erlernbar zu machen. Hier geht es um Themen wie Ernährung, Bewegung, seelisches Wohlbefinden und die Neugier am Lernen. Die AOK Baden-Württemberg unterstützt das Programm auch in der Schule. Mehr darüber und wie es funktioniert, liest du hier.

Geduld: Alles eine Frage der Zeit

Kinder sind ungeduldig, das ist kein Geheimnis. Auch das hängt mit dem fehlenden Zeitverständnis zusammen. Vor allem kleine Kinder verstehen nicht, warum Tätigkeiten länger brauchen, da ihnen die notwendigen Zwischenschritte nicht bewusst sind. Genau hier kannst du bereits im Babyalter ansetzen. Lass dein Kind zusehen, wenn du das Mittagessen kochst. Dabei kann es beobachten, dass du zunächst die Kartoffeln aus dem Keller holen musst, sie anschließend schälst und kochst. Durch die Beobachtung lernt dein Kind, dass der Weg bis zum Mittagessen Zeit in Anspruch nimmt.

Die gute Nachricht: dein Kind wird mit zunehmendem Lebensalter geduldiger. Eine Studie zeigte, dass 80 Prozent aller Kinder bereits im Vorschulalter geduldig sind. Auf ein konkretes Alter legen sich Pädagogen und Kinderpsychologen aber nur ungern fest. Das macht auch keinen Sinn, denn es gibt viele Faktoren, die die kindliche Geduld beeinflussen. Forscher haben beispielsweise festgestellt, dass Kinder, die sich sprachlich gut ausdrücken können, auch geduldiger sind.

Das bedeutet natürlich nicht, dass nur Kinder mit einem guten Sprachgefühl Geduld haben. Wir müssen beim Thema Geduld nämlich auch die eigenen Bedürfnisse ein Stück weit nach hinten stellen. Wenn die kleine Schwester schreit, muss der Bruder auf sein Mittagessen beispielsweise ein paar Minuten länger warten. Mit etwa vier Jahren ist dein Nachwuchs übrigens dazu in der Lage, die eigenen Bedürfnisse kurzzeitig nach hinten zu stellen.

Darum solltest du dein Kind nicht hetzen

Was fällt dir als erstes ein, wenn du an den Begriff Zeit denkst? Vielleicht sind es Ausdrücke wie „Stress“, „Zeitdruck“ oder „Termine“, die in all unseren Köpfen ab und zu herumgeistern. Pädagogen raten Eltern dann dazu, das Gefühl von Hektik nicht auf die Kinder abzuwälzen. Schließlich versteht der Nachwuchs neben einer langen Wartezeit ebenso wenig, warum auf einmal alles ganz schnell gehen muss. Eltern sollten ihre Kinder nicht plötzlich in ihrem Spiel unterbrechen, weil der Nachwuchs so verlernen kann, etwas zu Ende zu bringen.

Am besten gibst du deinem Kind eine Vorlaufzeit von fünf bis zehn Minuten, bevor ihr startet. Teile deinem Nachwuchs ganz konkret mit, was er bis dahin noch schafft. Damit es erst gar nicht zur Nörgelei kommt, kannst du den Weg oder das Ziel attraktiv gestalten: „Komm, du darfst alle Ampelknöpfe drücken“ oder „Wir gehen jetzt zum Laternenbasteln“ sind eine clevere Ablenkung und eine interessante Aussicht für dein Kind.

Der Wickelstammtisch – der Podcast für Eltern

Vieles ändert sich nach der Geburt, und zwar für Mütter und Väter. Der Wickelstammtisch gibt einen Einblick in das Leben mit Babys und kleinen Kindern. Das Besondere: Hier geht es nicht vorrangig um die Kinder, sondern um die frischgebackenen Eltern. Mehr Informationen und alle Folgen findest du hier.

Was dein Kind dir zum Thema Zeit beibringt

Viele von uns gehen mit dem Thema Zeit recht verkniffen um – Pünktlichkeit ist uns eben sehr wichtig. Wenn wir allerdings stets auf die Uhr blicken, entgehen uns wertvolle Momente, auch mit unseren Kindern. Unser Nachwuchs besitzt die wunderbare Fähigkeit, in Momenten zu versinken und ganz in der Gegenwart zu leben.

Kinder beschäftigen sich weder mit der Vergangenheit noch mit der Zukunft. Stattdessen genießen Sie ganz einfach den Augenblick. Das ist etwas, was auch uns Erwachsene glücklich machen kann. Wie du siehst, kann auch dein Kind dir etwas zum Thema Zeit beibringen.

Nutzt du Hilfsmittel, um deinem Kind die Zeit zu erklären?

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