#Gesundheit am 18.10.2021

ImPuls: Wie Bewegung die Psyche stärken kann

Im Rahmen des Programms machen die ImPuls-Teilnehmenden Lauftrainings in kleinen Gruppen.
Stocksy / BONNINSTUDIO

Menschen mit psychischen Erkrankungen fällt es oft schwer, sich für Sport zu motivieren. Inzwischen ist jedoch belegt, dass Bewegung dabei unterstützen kann, die Symptomatik deutlich zu verbessern. Aus diesem Grund haben Sportwissenschaftler und Psychologen der Universität Tübingen das gruppentherapeutische Bewegungsprogramm „ImPuls“ ins Leben gerufen. Es soll Betroffene dabei unterstützen, körperlich aktiv zu werden und Sport langfristig in ihren Alltag zu integrieren. Im Interview erklärt Sport- und Bewegungstherapeutin Luise Engst, wie das Programm aufgebaut ist, was es bewirken kann und warum es gerade bei psychischen Erkrankungen so wichtig ist, in Bewegung zu bleiben.

Vielen Menschen mit psychischen Erkrankungen fehlt der direkte Zugang zu therapeutischer Unterstützung, andere warten lange Zeit auf einen Psychotherapieplatz. Wer diese Wartezeit überbrücken möchte, hat in zehn Studienzentren in Baden-Württemberg die Möglichkeit, gemeinsam mit 600 weiteren Patienten an dem Programm ImPuls teilzunehmen.

Luise Engst, Sport- und Bewegungstherapeutin im Reha-Zentrum Göppingen, ist eine der leitenden Therapeutinnen der Studie.

Frau Engst, was ist die Grundidee hinter ImPuls?

Bei ImPuls geht es im Grunde darum, dass die Wartezeit von Menschen mit psychischen Erkrankungen auf einen Psychotherapieplatz durch Sport- und Bewegungstherapie überbrückt und ihnen durch das Programm bereits geholfen wird. Ziel ist es aber auch, dass die Patienten die Bewegung langfristig in ihren Alltag integrieren.

Wissenschaftliche Studien belegen, dass Sport Patienten mit psychischen Erkrankungen hilft. Das zeigt sich auch bei ImPuls: Während der Gruppentherapien und Sitzungen merkt man, dass es den Menschen guttut und sie durch den Sport geradezu aufblühen. Deswegen möchten wir erreichen, dass die Teilnehmenden auch anschließend an das Programm mit der Bewegung weitermachen.

Wie ist ImPuls aufgebaut?

Über einen Zeitraum von vier Wochen hinweg nehmen die Patienten in einem der Studienzentren an Sitzungen teil. Dafür kommen sie in Gruppen mit jeweils sechs Personen. In der ersten Woche sind es drei, dann drei Wochen lang zwei zweistündige Sitzungen pro Woche. In den ersten Sitzungen wird Theorie vermittelt – man lernt sich gegenseitig kennen, geht auf die Ziele und Vorstellungen der Patienten ein, aber auch auf die Symptome und Probleme der einzelnen.

Das ist wichtig, um einschätzen zu können, wo die Grenzen der Teilnehmenden liegen. Es gilt aber zu jedem Zeitpunkt das Motto: „Alles kann, nichts muss.“ Jeder kann so viel preisgeben, wie er möchte, der Umgang ist respektvoll.

Was nicht gesagt werden will, muss auch nicht gesagt werden. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass die meisten sehr froh sind, in der Gruppe zu sprechen – weil sie ja auf eine Art und Weise alle im selben Boot sitzen und sich auch gerne darüber austauschen.

Was folgt nach den ersten theoretischen Sitzungen?

Ab der dritten Sitzung beginnt das Lauftraining. Das bedeutet, dass wir die folgenden drei Wochen zweimal wöchentlich für 30 Minuten mit den Patienten gemeinsam laufen gehen. Parallel dazu erarbeiten wir Pläne, wie wir die Teilnehmenden am besten an die an das Laufen heranbringen – schließlich ist es nicht für jeden so einfach, mal eben 30 Minuten joggen zu gehen.

Anschließend folgt von Woche fünf bis zwölf die sogenannte teil-supervidierte Phase. Die Patienten trainieren allein weiter, werden aber wöchentlich telefonisch von uns kontaktiert. Bei den Gesprächen handelt es sich um eine Art Check-Up. Wir fragen nach, wie die Woche lief, ob sie Sport gemacht haben, welche Schwierigkeiten aufgetreten sind.

Damit wollen wir den Menschen vor allem zeigen, dass sie nicht allein sind. Es ist also keine Kontrolle, sondern soll als zusätzliche Unterstützung dienen. Sie haben dadurch fortgehend einen wöchentlichen Termin, bei dem sie auch über Probleme sprechen oder Fragen stellen können.

Ab Woche 13 beginnen die selbstständigen Treffen, die mit unserer Hilfe organisiert werden. Das bedeutet, die Teilnehmenden können sich fortan selbstständig in ihrer ursprünglichen Gruppe zu sechst treffen, um gemeinsam laufen zu gehen.

Natürlich gestaltet sich das manchmal schwierig – vor allem dann, wenn jemand einen weiteren Anfahrtsweg hat. Ab diesem Zeitpunkt finden die Telefongespräche noch zweimal monatlich statt, um den Menschen auch weiterhin zur Seite stehen zu können.

Warum wurde sich bei ImPuls für ein Lauftraining entschieden?

Bei ImPuls haben wir das Laufen gewählt, weil wissenschaftliche Studien ergeben haben, dass genau dieser Sport bei psychischen Erkrankungen sehr wirksam ist. In den Sitzungen geht es aber auch darum, dass jeder für sich eine Sportart findet, die ihm Spaß macht.

Es gibt einen bestimmten Pulsbereich, in dem man sich während der Ausübung bewegen muss, damit der Sport gegen die psychischen Erkrankungen wirken kann. Dazu eignen sich neben dem Laufen auch Schwimmen, verschiedene Gymnastikarten oder Übungen im Fitnessstudio.

Bei dem Lauftraining mit uns geht es auch darum, ein gewisses Gefühl für diesen Pulsbereich zu entwickeln, in dem sie sich befinden sollen. Für welche Sportart sie sich schlussendlich nach dem Programm entscheiden, ist natürlich den Patienten selbst überlassen.

Gibt es bereits erste Ergebnisse?

Offiziell noch nicht, aber ich befinde mich mit meiner Gruppe gerade in der teil-supervidierten Phase und bekomme daher bereits Feedback. Natürlich gibt es aufgrund der psychischen Erkrankung oft ein Auf-und-ab und viele brauchen etwas mehr Unterstützung. Man merkt aber, dass die Telefonate den Patienten wirklich guttun und sie dadurch nochmal einen kleinen Anstoß bekommen.

Vor allem, wenn ich mit ihnen gemeinsam eine Art Plan erstelle, sodass sie beispielsweise für die kommende Woche feste Termine für ihr Training haben. Im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass alle wirklich sehr motiviert sind.

Von vielen habe ich gehört, dass sie seit ImPuls viel aktiver sind, sich mehr trauen und positiver durchs Leben gehen. Bei einigen zeigt sich auch, dass sie durch den Sport einen ganz neuen Inhalt in ihrem Leben haben, der auf einmal einen sehr großen Teil davon einnimmt.

Von vielen habe ich gehört, dass sie seit ImPuls viel aktiver sind, sich mehr trauen und positiver durchs Leben gehen.
Sport- und Bewegungstherapeutin Luise Engst

Wie schafft man es, Menschen zum Sport zu motivieren?

Die eigentliche Motivation kommt im Grunde von den Teilnehmenden selbst. Unsere Aufgabe ist es, sie in dieser bereits vorhandenen Motivation zu bestärken und diese zu erweitern, ohne Druck auszuüben.

Im Endeffekt sind ja alle freiwillig da – das ist ein sehr wichtiger Punkt: Sie haben sich alle selbst dazu entschieden, an ImPuls teilzunehmen. Man merkt also, dass alle wirklich Lust darauf haben und eigentlich nur einen kleinen Schubs brauchen, um die Zielsetzung klar festzusetzen und in die richtige Richtung gelenkt zu werden.

Wie wird man Teilnehmer der Studie?

Rein theoretisch kann sich jeder AOK- oder TK-Versicherte bewerben. Es werden Anzeigen in verschiedenen Zeitungen und Wochenblättern geschaltet, einige Ärzte wurden kontaktiert, um ihre Patienten vermitteln zu können, in Reha-Zentren wird Werbung gemacht.

Bei einem ersten Telefonbriefing werden zunächst ein paar Sachen abgeklärt. Beispielsweise könnte ein aktueller stationärer Klinikaufenthalt ein Ausschlusskriterium darstellen, ebenso wie stark ausgeprägte Suizidalität oder bestimmte psychische Erkrankungen, wie etwa Schizophrenie.

Wie war es für Sie, mit einer so neuen Art von Zielgruppe zu arbeiten?

Am Anfang war auf jeden Fall ein gewisser Respekt da – ich habe mir natürlich Gedanken gemacht und überlegt: Was könnte passieren? Von unseren ImPuls-Tutoren wurden wir jedoch im Vorhinein intensiv vorbereitet, damit wir in bestimmten Situationen richtig reagieren können. Zum einen kann es jederzeit passieren, dass Teilnehmende aus der Gruppe austreten.

Andererseits sind natürlich auch Suizidalität oder Panikattacken ein Thema. Ich muss aber sagen: Als meine erste Gruppe anfing, war jeder Zweifel verschwunden. Ich war bis jetzt auch nie mit gravierenden Problemen konfrontiert.

Es ist einfach wahnsinnig spannend, sich mit den Menschen zu unterhalten und ihrem Fortschritt zuzusehen – wie sie von Sitzung zu Sitzung offener werden, wie enthusiastisch sie dabei sind und wie sich eine Gruppendynamik bildet. Für mich ist es eine sehr spannende Erfahrung.

Es ist einfach wahnsinnig spannend, sich mit den Menschen zu unterhalten und ihrem Fortschritt zuzusehen – wie sie von Sitzung zu Sitzung offener werden, wie enthusiastisch sie dabei sind und wie sich eine Gruppendynamik bildet.
Sport- und Bewegungstherapeutin Luise Engst

Was nehmen Sie für sich aus dieser Erfahrung mit?

Dass man sich über einige Dinge nicht so viele Gedanken machen sollte – was ich wahrscheinlich nicht so richtig werde umsetzen können. Auf jeden Fall aber, dass man Menschen mit psychischen Erkrankungen ganz natürlich, wie jedem anderen, gegenübertreten kann – ohne Scheu. Es ist wichtig, ihnen ein gutes Gefühl zu geben und Situationen unvoreingenommen auf sich zukommen zu lassen.

Bei ImPuls habe ich bis jetzt nur Positives erfahren – und auch meine Patienten teilen mir regelmäßig mit, wie zufrieden sie sind. Unabhängig davon merke ich, wie sie im Laufe der Zeit aufblühen. Es ist einfach ein tolles, wirksames Programm – und jeder wird mit offenen Armen empfangen.

Bewegung für die Psyche

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